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Literatur

die Sage von Draconar

die Sage von Draconar

- ein Sciencefiction von Rainer Kempas -
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Literatur
die Sage von Draconar



Der Sumpf Tengig El Sterk

B isweilen war der Geruch nach Aas und totem Fleisch stärker als sonst. Dann flohen die Bewohner von Badin Grok selbst aus dem Wäldchen, das sich in der Nähe des Sumpfes befand. Denn der Gestank wich ihnen nicht mehr aus der Nase, und sie konnten weder essen noch trinken, ohne dass ihnen bitterer Gallensaft die Magenwände hochkroch.
Selbst die Blätter der Bäume wurden fahlgelb und fielen kraftlos herunter, wie von einem unheilvollen Atem behaucht. Doch dieser Gestank war die Ausdünstung des Plumes, der sich unter dem Sumpf befand und die Verbindung zur Unterwelt darstellte.
Seine obersten Kanäle waren versteinerte Schlote und Höhlengänge, deren Magmasedimente und schwefligen Ablagerungen zwischen den Felsen gelblich hindurchschimmerten und ihn mit graugrünem Moos bewuchsen. Die gezackten Steinquader und Felsnadeln umringten ein mächtiges Loch, das sich von unten nach oben zog. Oben war der Ausgang all dieses Gestanks und der Nebenschwaden, die sich von hier mitsamt der Fontäne, die sich in periodischen Zuckungen an die Oberfläche entlud, über dem Sumpf ausbreiteten. Dicht über dem Boden zogen die giftigen Dämpfe und töteten jeden, der es bis hierher geschafft hatte. Weiter oben trieb der Wind die von Wasserdampf zerstäubten leichteren Aschereste, die wie schwarzgraue Flocken entlang des Sumpfes getrieben wurden.
Und manchmal ertönte ein klagender Laut, der aus den unbekannten Tiefen des Schlotes kam, und der keines natürlichen Ursprungs sein konnte. Er kam von ganz weit unten, da, wo die Esse des Vulkans am unterirdischen See vorbeilief, bevor sie in den Magmakammern des Plumes eintauchte.
Dort hatte sich ein kleiner Wasserfall gebildet, der in das Loch stürzte, aber nie unten ankam, weil seine Fluten kurz davor verdunsteten und in einem Nebel aus Dampf und Schwefel wieder nach oben zogen. Der Fall speiste sich aus dem See, dessen größter Teil in der Mitte einer Aushöhlung lag, dessen eisenhaltiges Wasser seine Oberfläche rötlich werden ließ. Die Reservoirs der gesamten Seenkammer wurden nach wie vor aus dem Banur Alta aufgefüllt, sobald der Regen dort zunahm und an Intensität gewann.
Zu dieser Zeit, der Ankunft der Löwen in Badin Grok, waren die Ufer des unterirdischen Ozeans bereits überflutet, da eine wahre Sintflut aus den Bergen des Erol Andar zu Tal geschossen war. Diese überschwemmte auch die tieferen Höhlen und Kammern über dem Plumes, so dass die Nebel der verdampfenden Fluten außerordentlich dicht wurden und in einer größeren, viel stärkeren Fontäne, die die ursprüngliche um das Hundertfache überstieg, nach oben schossen. Dort verteilten sich die Sprühwasser über den Krater und liefen jenseits seiner Ränder hinab.
Laudean und sein Rudel sahen dieses Schauspiel aus großer Distanz und verfolgten die leichteren Nebenschwaden, bis sie sich über ihnen auf Bäumen und Sträuchern niederließen. Auch der Boden der Hochsavanne blieb nun unter der Mittagssonne immer feucht. Die Strahlen der Sonne perlten durch die Gischt, die bisweilen an Intensität abnahm und sich manchmal bis zum Sumpf zurückzog.
Diese Ausbrüche des Vulkans wurden nie zu einer wirklichen Bedrohung, da sie aus Wasser und nicht aus Magma bestanden. Doch sie waren heiß und stinkig, wenn sie sich über den Sumpf ausbreiteten. So zogen sich in diesen Tagen fast alle Tiere aus dem Tengig El Sterk zurück. Nur in Laudean regte sich eine gewisse Unruhe, wenn er den unheiligen Odem wahrnahm, und das stete Hochschießen der stärker gewordenen Fontäne ermahnte ihn an noch kommendes Unheil.
Der Vulkan selbst blieb ruhig, auch wenn er ab und zu ein wenig grummelte. Sein Magmaauswurf war überschaubar, und die Erdplatten rieben sich nicht, so dass es zu keinerlei Störungen im Sediment kam. Die letzten größeren Eruptionen hatten vor Jahrmillionen stattgefunden. Und damals war es bereits geschehen, dass sich ein dunkelblauer Schleim tief aus den untersten Zonen der Erdspalten in die höheren Schichten abzusondern begonnen hatte und wie von Geisterhand nach oben in die Höhle des Sees gekrochen war.
Er war dereinst aus dem heißen Gestein alter Lava herausgekrochen und vom Druck der Erdschichten zu einer festen Masse zusammengepresst und für viele Jahrtausende dort verblieben. Dieser Anteil der Lava stammte noch aus den Tagen vor der letzten großen Eiszeit, in der es in der südlichen Hemisphäre starke tektonische Bewegungen gegeben hatte. Viele Vulkane waren damals ausgebrochen und hatten die Formationen zahlreicher Inseln zwischen Scharn und Kerubin bestimmt. Ihr erkaltender Magmaschlamm war eine Ursuppe für Bakterien und Mikroorganismen geworden. Einige dieser neuentstandenen Eilande befanden sich jedoch so dicht am Südpol, dass das angereicherte Wasser in ihren ausgehöhlten Felsenkammern mit Beginn jeder neuen Kälteperiode gefror. Irgendwann wurden sie wieder von Wasser überspült, doch im blauen Eis der Gesteine gab es Einschlüsse von Elementen wie Sauerstoff, Stickstoff und Kohlenstoff. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit eine winzige, aber robuste Mikrobe. Während der Eiszeit wurde dieses neu entstandene Leben nicht zerstört, da es in den kalten, feuchten und zum Teil sauerstoffarmen Kammern, die sich aus dem Magma des Erdinnern geformt hatten, einen natürlichen Frostschutz entwickelte.
Im Laufe der Geschichte zerfielen diese Inselchen wieder oder wurden von weiteren Vulkanausbrüchen zerstört. Eine kleine Kolonie von ihnen aber bildete eine Kette zusammenhängender, riesiger Felsen und geriet in den kerubinschen Mahlstrom, der sie am Äquator vorbeiführte, wo er sich aufheizte. Dort rissen sie auseinander, als sie in einen Strudel gerieten, der sie in die Tiefen des Meeres hinunterzog und bis nahe Boronans führte. Hier war eine Spalte im Boden entstanden, in der ein Unterdruck bestand, der alles heraussaugte, so dass zu Felsbrocken zerriebenen Inselchen mit all dem mikroskopischem Leben ins unterirdische Magma des dortigen Plumes gerieten.
Das immer noch bläulich verfärbte Eis der Einschlüsse begann dort zu schmelzen und lieferte die sich darin befindliche Mikrobe den heißen Elementen der Plattentektonik aus. Aber diese hatte auf ihrem Weg aus dem polaren Meer in die äquatorialen Regionen an Mächtigkeit gewonnen und eine gewisse Härte entwickelt, die sie nun nicht nur gegen die Kälte, sondern auch gegen die Hitze der unterirdischen Lava resistent machte.
Die Farbe des Frostschutzmittels in ihrem Blut hatte einen bläulichen Ton, und die des hitzebeständigen Schutzes besaß einen rosa Hauch. Letzteres gab ihr die Möglichkeit, in bis zu tausend Grad kochendem Wasser zu überleben. Eine Kombination, die die ausgesprochen anpassungsfähige Mikrobe letztlich in einer Temperatur zwischen -70 und + 1000 ° C überleben ließ. Und die sie für jede weitere Eiszeit und Wärmeperiode Draconars wappnen würde.
Für alle höheren Lebewesen, die aus den sich an Land befindlichen, unterirdischen Höhlen entstanden waren, galt dereinst, dass sie sich aus rechtsdrehenden Aminosäuren gebildet hatten, welche sich im Plasma der geladenen Staubpartikel zu mikroskopischen Fäden vereint und daraufhin korkenzieherähnliche Helix-Strukturen entwickelt hatten. Diese waren in der Lage, sich selbst zu reproduzieren und Änderungen in benachbarten Strukturen zu induzieren. So war die Umwandlung anorganischer Materie zu organischem Leben entstanden, und so war es auch mit dieser Mikrobe gewesen.
Der Zufall wollte es aber, dass diese primitiven Mikroorganismen im Magma der unterirdischen Materie zu dem Plumes drifteten, der sich unter dem Sumpf gebildet hatte, welcher im Badin Grok lag. Das anaerobe Klima dort stählte sie aufs Neue und gab ihnen eine Art Resistenz gegen den Mangel an Sauerstoff und anderen wichtigen Elemente, die sie zum Leben benötigten. Dieses gelang ihnen aber nur, indem sie sich in einen zeitlosen Schlaf versetzten, eine Kältestarre, die all ihre organischen Tätigkeiten stoppte, doch sie nicht davon abhielt, sich – zwar sehr langsam – zu Wesen weiterzuentwickeln, die ohne den Antrieb eines gesteuerten Zellwachstums und ohne Nahrung und Energiezufuhr für lange Zeit fern jedes evolutionären Einflusses existieren konnten. Aus einem einmaligen Überlebenswillen heraus besaßen sie zudem die Potenz, einen Zustand abzurufen, der in einer höheren Entwicklungsstufe angesiedelt war, als vor ihrer Dauerruhe. Das hieß, dass sie nach dem Erwachen aus dem Kälteschlaf an Qualität gewonnen hatten, ohne je etwas dafür getan zu haben. Dieses blind einsetzende Mutationsgen, das während der Phase ihrer Bewußtseinslosigkeit agierte, konnte sich unter Umständen aber auch in eine Richtung entwickeln, die zu seiner Vernichtung führen könnte. Darin bestand das Risiko.
Allmählich waren die winterschlafenden Mikroben ans obere Ende des Plumes gespült worden, bis sie zur Hauptesse des Vulkans gelangten. Dort trafen sie langsam auf etwas kühlere Schichten, in denen ihre Lebensenergien wieder angesprochen wurden. Wie in Zeitlupe begannen die inzwischen zu Geißeltierchen herangewachsenen, sich zu bewegen. Stummelhafte Fortsätze zu gebrauchen. Es waren dies keine Härchen, sondern zarte Knorpel, an denen eine Muskelatur saß, die es ausstrecken und wieder einziehen konnten. Eher reflexartig, als über Sinne gesteuert. Aber dem Willen, sich das neue Ambiente anzueignen, unterworfen.
Die einstigen Mikroben besaßen nun etwas, mit dem sie Kontakt aufnehmen und sich auch fortbewegen konnte. So begannen die Tierchen, sich an etwas zu klammern – einem kleinen Klumpen aus erkalteter Magma und Stein vielleicht, mit dem sie durch den Schlot des Vulkans reisten, bis zu den Ufern eines unterirdischen Sees, an den sie gespült wurden.
Hier geschah nun etwas weitaus Wunderlicheres. Es gab es alsbald zu Hunderten. Denn in der Zeit des Kälteschlafes hatte ihre Zellen auch die Fähigkeit zur Teilung erworben. Doch dieser Prozess währte nur einen relativ kurzen Augenblick. So, als ob jemand einen Schalter betätigte und ein neues Programm abrief. Die ehemaligen Geißeltierchen waren nun zu etwas ganz neuem geworden. Sie bildeten zwei Unterarten aus, jeweils Weibchen und Männchen. Mit dieser Differenzierung begannen sie, sich zu paaren.
Auch ihre Extremitäten entwickelten sich mit der Zeit vollkommener. Aus den Gliederstummeln wurden zwei Hinterbeine. Doch sie waren nicht biped. Es entwickelten sich zwei weitere Gliedmasse im vorderen Bereich. Allerdings nicht zum Schwimmen, obwohl das Wasser des nahen Sees sie dazu hätte verleiten können. Sie wurden zu Flügelchen, die sie gebrauchten, um sich durch die riesige Höhle zu schwingen, empor zur Decke, wo sie sich Nester aus den Fasern einer der Dunkelheit angepassten Diestel bauten. Hierein gebar die Mutter ihre Jungen, die bereits mit einem Haarkleid und einem Schnabel ausgestattet waren.
Irgendwann besaß das Weibchen eine Plazenta, die es ihm ermöglichte, bereits fertige Kinder zu gebären. Und es hatte zwei Zitzen, an denen es das Kleine säugte. In der Regel kam nie mehr als ein Junges zur Welt. Doch bisweilen gebar es auch zwei, wobei die beiden sich in Konkurrenz zueinander verhielten, und das Stärkere das Schwächere aus dem Nest stieß. Wenn das Ausgestoßene nicht schon beim Aufprallen auf den harten Stein sein Leben lassen musste, so doch dann, wenn es auf dem kahlen Boden nichts zu fressen vorfand und verhungerte.
Bei den weiblichen Vorfahren hatte sich irgendwann aus einer Seitentasche der Bauchhöhle der Mutterkuchen gebildet. Nach der Befruchtung des Männchens, das mit einem seiner knorpeligen Doppelpenisse in ihre Scheide am unteren Bauchende eindrang, konnte das Weibchen schwanger werden. Und obwohl sie rund ums Jahr und nicht nur zu gewissen Mondzyklen, wie es bei den meisten Tieren der Fall war, Sex hatten, war eine Schwangerschaft nie mit Bestimmtheit vorauszusagen. Denn die Temperatur in ihrem Bauch musste exakt 255,3° C betragen, um den Eisprung auszulösen. Außerdem war er an ein günstiges Nahrungsangebot in der Umgebung gebunden, um die Versorgung der Kinder zu gewährleisten. Deren Sicherheit begann somit schon im Bauch der Mutter, wenn nicht gar vor deren Zeugung. Denn unter ungünstigen Umständen, die ihre Ernährung und ihr Aufwachsen ausgesprochen erschwert und riskant gemacht hätten, wurde der ovulare Zyklus der Mutter blockiert.
Andererseits gelang es dem Männchen zum Beispiel nicht, während territorialer Bedrohungen oder später dann unter kriegerischen Handlungen, auch nur eines seiner Glieder zur Erektion zu bringen. Stress und Ablenkung wirkten sich bei ihm negativ auf eine Begattung aus. Denn der reine Paarungsakt verlangte von ihm, dass er sich während des sexuellen Kontaktes unter das Weibchen schlich und es zunächst zärtlich liebkoste, bevor sich ihre Scheidenmuskelatur entspannte, dass er eindringen konnte.
So mochte es bis zu 100 Jahre dauern, dass sich Nachwuchs einstellte. Und es war immer nur ein Baby zurzeit, obwohl die Mütter zwei Milchdrüsen besaßen. Diese benutzten sie abwechselnd, denn der Körper des Kindes benötigte viel Energie, da sich in ihm alsbald Vorgänge abspielten, die der Brutstätte eines Vulkans ähnelten. Dieser Vorgang wurde bereits während der Schwangerschaft angelegt, die ganze drei Jahre dauerte. Sie verlief ausgesprochen langsam, da in der Plazenta ein Hochofen auf vollen Touren arbeitete. Denn schon dem Kind sollte etwas zu Eigen sein, dass ihm sein Leben lang die gefährlichste aller Waffen war und ihn auf dem ganzen Planeten berüchtigt machte: Es würde Feuer speien können! Zunächst nur wenig, eher züngelnd. Später als ausgewachsenes Tier vermochte es jedoch ganze Wälder in Brand zu setzen.
Eines der inneren Organe war nämlich in der Lage, Phosphor zu produzieren. Und in einem seiner drei Mägen entstand durch die Verdauung und die darin enthaltenden Fäulnisbakterien Methan. Wenn beide Gase hinausgespieen wurden und mit dem Sauerstoff der Luft in Berührung kamen, explodierten sie zu einer großen, heißen Flamme.
Bereits als Embryonen waren sie organisch vollkommen ausgebildet. Ein weiterer Vorteil, der sich aus der langen Schwangerschaft ergab, war, dass sie bei ihrer Geburt bereits laufen, rufen und fressen konnten. Und je fertiger sie in eine Welt geboren wurden, deren Lebewesen alle ein hohes Evolutionspotential bewiesen, desto selbständiger konnten sie Unbill und Gefahren begegnen. Vor allem aber: Desto überlegener wurden sie gegenüber den zahlreichen Konkurrenten.
Zu dieser Zeit gab es für sie noch keine anderen Tiere, die groß genug gewesen wären, ihnen gefährlich zu sein. Aber das Mutationsgen agierte für eine Zukunft, die noch nicht absehbar war. Doch wenn ihnen gewisse Fertigkeiten einmal von Nutzen sein würden, dann wären sie unbezwingbar. Nicht nur in der unterirdischen Höhle.
So besaß das Tier viele optimale Merkmale, auch die von anderen Tierarten. Aber als Säugetier war es kein Vogel. Dennoch hoben ihn die Flügel mit Leichtigkeit in die gasige Lüfte der Höhle. Sie bestanden aus Hohlknochen, die sein Gewicht drastisch reduzierten. Aus seinem Schnabel kamen kreischende Töne, die zugleich an das Quietschen von verrostetem Eisen, das aufeinander gerieben wurde, erinnerte. Doch sobald es zum Säugetier von der Größe eines Huhnes heranwuchs, durchlief es eine eigene Evolution und war mit nichts anderem mehr zu vergleichen. Und seine Töne aus in gebranntem Stahl konnten mit nichts von denen eines bekannten Lebewesens verglichen werden.
Natürlich hatte es keine Federn, wie ein Huhn sie besessen hätte. Fast den ganzen Körper, vor allem seinen Torso, umspannten weiche, noch dehnbare Hornplatten, die ihn vor allem am Rücken und Bauch schützten, wo sie sich zu harten, dicken Knorpeln auswuchsen und darüber hinaus stachelige Kämme besaßen. Die Flügel wiesen Häute zwischen den vier verlängerten Fingern auf und hatten an den Enden je eine Kralle, mit der es sich an Felsvorsprüngen festhalten konnte.
Sei
ne Kopfhaut aber besaß ein zähes, ledriges Fell, das mit einem leichten Haarflaum besetzt war. Oben wucherte es zu einem kleinen, kurzen Schopf aus, der im Schein des glühenden Magmas rot aufflammte und ihm ein wildes Äußeres verlieh. Umso mehr, als die Augen, die in der Dunkelheit infrarot sahen und in helleren Gebieten auf Normallicht umschalten konnten, mit ihren violetten, vertikalen Pupillenschlitzen auch weit in die Ferne zu blicken vermochten. Dann erhob sich Draco, denn das war sein Name, auf seine starken, glatten Hinterbeine mit den drei Zehenklauen und schwang seine Flügel. Die Luft um ihn herum begann zu zittern und fegte fein gekräuselte Wellen über den See. Erneut schlug er aus, als ob er jemanden witterte. Doch er war hier das einzige Tier, das genug Aggressionen besaß, um ein anderes anzugreifen. Es gab nur einige Blindschleichen und wenige rattenartige Nager, die über keinerlei Geruchssinn verfügten, denn das wäre im seit nun mehr als tausende Jahre alten Vulkanschlot ihr sicherer Tod gewesen.
Doch Draco konnte riechen. So gut, dass er einen erneuten Ausbruch des Magmas bereits lange Zeit vorher erkannte. Und er konnte weit sehen, von einem Ende des Sees zum anderen, obwohl die normalerweise vorherrschende Dunkelheit ihm keine allzu gute Sehkraft abverlangte. Auch hier bewies die Eigenart seines Mutationsgens, das bereits Dinge entwickelt hatte, bevor sie gebraucht wurden, erst später seiner Nützlichkeit. Er vermochte zwar bis auf das Rot, Gelb und Orange der Flammen des nahen Vulkanes nur schwarz-weiße Farben wahrzunehmen. Doch die Frage sei gestattet, warum er über so scharfe Sinne und Fertigkeiten verfügte, und was ihn dazu gebracht hatte. Er besaß keine Feinde. Und es war auch nicht abzusehen, wer ihm gefährlich hätte werden können, sollte er einmal aus dem Sumpf hinaustreten.
Aber er war schließlich in eine feindliche Umgebung hineingeboren. Grund genug, ihn mit mächtigen Kräften auszustatten. Doch wozu dieser Brutofen in seinem Innersten, der schon als Kleinkind zu brennen begann? Was war der evolutionäre Vorteil all seiner einzigartigen Fähigkeiten? Sollte sich doch erst später, viel später herausstellen, dass sie ihm einmal von Nutzen sein würden.
War es dass, was ihn wirklich ausmachte? Zumindest in dieser ersten Zeit? Dass er seine Zukunft antizipierten konnte? Das er bereits etwas entwickelte, das ihm erst später von Bedeutung sein würde? Wenn dem so war, dann ging die Evolution mit ihm neue Schritte. Einen eigenen, noch unausgetretenen Pfad.
Aber er würde ihn nicht allein begehen. Als ein kleines Heer von ca. 10.000 Individuen lebten sie mittlerweile zusammen in der Höhle. Sie alle hatten sich einst aus der Mikrobe entwickelt, die über den kerubinschen Mahlstrom nach Boronan gekommen war. Und beschritten nun einen Weg, der sie in eine Zukunft führte, für die sie bereits gewappnet waren. Und die sich in den nächsten 300 Millionen Jahren nicht mehr wesentlich verändern sollte.
So selten, wie es geschah, dass ein neues Baby geboren wurde, so lange dauerte seine Kindheit im Schutz ihrer Gemeinschaft. Nach der Geburt wurde es sofort von der Mutter gesäugt und behütet. Aber auch Tanten und ältere Schwestern kümmerten sich um das Kleine. Jeder Schritt wurde überwacht, auch wenn es die Freiheit besaß, innerhalb der Höhle zu tun und zu lassen, was es wollte. Es durfte nur nicht zu dicht an den Vulkanschlot geraten, denn dieser drohte nach einer Jahrtausende währenden Ruhephase immer mal wieder auszubrechen. Die Gewaltigkeit seiner Eruptionen, das heiße Magma und die riesigen Felsbrocken, die dabei herausgeschleudert wurden, vermochten ein Kind leicht zu verletzen oder es gar mit sich reißen.
Auch der beißende, dichte, dicke Qualm aus Schwefel und anderen giftigen Substanzen konnte vor allem den Kindern zusetzten. Sie waren zwar alle die schwefligen Ausdünstungen gewohnt. Und ihr eigenes Feuer, das in ihnen loderte und nur darauf zu warten schien, herausgespien zu werden, besaß ebenfalls einen kleinen Anteil schwefliger Gase. Doch bildeten sich bei den Eruptionen immer wieder Tropfen aus heißer Schwefelsäure, die selbst ihre hornige Haut verätzen konnten.
Deshalb lernte sie, wenn sie mit anderen Kindern spielten, sich vor dem Vulkan in Acht zu nehmen, am besten ihm gar nicht erst nahe zu kommen. Sobald die Erde in einer hohen Frequenz zu beben begann, liefen sie alle zu den Wänden der unterirdischen Höhle und verbargen sich unter vorhängenden Felsen, oder Vorsprüngen, die der Eingang zu einer kleinen Grotte waren. Aber nie, dass sie sich selbst in diesen kleinen Kammern versteckten, denn deren Dächer und Gewölbe drohten bisweilen einzustürzen.
Solche Erdbeben wurden durch das Zusammenstoßen kleinerer, unterirdischer Bruchplatten oder das aufeinander Reiben kontinentaler Gesteinsschichten ausgelöst und führten zu Gerölllawinen, die von der Decke der Höhle oder von einer ihrer Wände abbrachen und die dortigen Lebewesen zerquetschen und mit sich nach unten reißen konnten. In einen der unzähligen Schlote, die einst auch mit dem Magmaherd verbunden gewesen waren und nun als tote Raucher noch ab und zu schwarzgelben Qualm aus den untersten Kammern der Erdkruste herausbeförderten.
Auch vor anderen Gefahren galt es, sich zu schützen. Denn nicht nur der Plumes drohte, immer wieder einmal zu explodieren. Es war auch schon passiert, dass draußen starke Unwetter auftraten und über mehrere Jahre mehr und mehr Wasser in den Boden sickerte, so dass sich der See, der sich inmitten der länglichen Höhle wand, über den Rand seiner Ufer trat und beinahe den ganzen Boden der unterirdischen Kammer füllte. Um nicht zu ertrinken, mussten die Lebewesen die zum Teil sehr steilen Felsen erklettern und sich in den Löchern der Wände manchmal über Jahre einrichten, immer in der Angst, zu ertrinken oder hinabzufallen und auf Vorsprüngen aufzuschlagen.
Doch mit der Zeit lernten sie, auch dort zu überleben und sich in den steilen Graten der Wände einzurichten. Ihre beiden Füße bildeten eine lederne, harte Sohle, die verhornte und relativ unempfindlich gegenüber scharfen Kanten und spitzen Steinen wurde. Auch erwarben sie ein solches Geschick, in den Schächten und Winkeln der Höhle zu fliegen, zwischen den Vorsprüngen zu navigieren und sich unter der felsigen Decke festzukrallen, dass sie die dunkle, bizarre und öde Umgebung eher noch widerstandsfähiger und ausdauernder machte, als dass sie sie in die Knie zwang. Diese Decke bestand aus dichtem Granit, dass mitunter aber Risse aus Kalk und Erde aufwies, durch die der Banur Alta in den Millionen von Jahren immer noch tropfte. Und die Höhle mit seinem Nass versorgte. Wasser, ohne das auch Draco nicht hätte überleben können.
Seine Lebensdauer war auf lange Sicht angelegt. Erst mit tausend Jahren sollte er vollkommen ausgewachsen sein. Selbst für Draconar eine ausgesprochen lange Zeit in einer Evolution, in der sich das Leben doch so schnell durchsetzte. Aber in dieser langen Kindheit lernte er, sich auf jede Gefahr einzustellen und ihr mit eigenen Strategien zu begegnen. Sein Körper begann, sich immer besser gegen die Unbill des Vulkans zu stählern und in der Einsamkeit der Höhle gegen alle Gefahren durchzusetzen. Auf sich selber angewiesen, war er nichts anderem Rechenschaft schuldig. Und nur die Gesetze der Natur schränkten ihn noch ein, sich nicht schon zum dominantesten Tier des ganzen Planeten zu erheben. Und das lag hauptsächlich daran, dass er es bislang unterlassen hatte, den Schlot des Vulkans weiter hinauf zu steigen.
Meistens zogen nur die giftigen Dämpfe des Magmas dort hoch, ab und zu gefolgt von einigen wenigen kleinen Ausbrüchen aus Gesteinsschlacke und Lava. Dabei war Draco zwar aufgefallen, dass alles, was den Schlot hinausschoss, irgendwo dort verblieb und nicht wieder zurückfiel. Das es also außerhalb ihrer Höhle genug Raum gab, um all das Magma abzulagern, das aus der Erde gestiegen war. Und das es folglich mehr gab, als diese ihre Höhle und den Vulkan, der dort unten tobte.
Aber trotz seiner überdurchschnittlichen Entwicklung, die ihn aus einer Mikrobe werden ließ, blieb er in seiner unterirdischen Heimat, als ob ihn etwas festhielt.
War es der Umstand, dass er hier unten genug Nahrung fand, so dass er keine Veranlassung sah, sich woanders umzuschauen, um seine Vorräte zu ergänzen oder zu erweitern. Oder ein gänzlich anderes, ertragreicheres Ambiente zu suchen? Er ernährte sich hauptsächlich von einer Grassorte, die an den Rändern des Sees wuchs und die derart nährstoffreich war, dass sie seinen Bedarf an pflanzlicher Nahrung weitgehend deckte. Ferner liebte er die Feuerlilien, dunkelbraune, langstielige Pflanzen, die an den feuchten Felsen und in den kleinen Grotten der Höhlenwände wuchsen. Auch das fettblättrige Moos, das die Wände und Decken bewuchs, gaben ihm ausreichend Kalorien.
Der Bedarf an tierischem Eiweiß und Proteinen wurde durch den Verzehr der wenigen Schlangen und Ratten, denen es gelungen war, hier einzudringen, gedeckt. Zudem lebten sie von auf dem Boden krabbelnden Käfern und Insekten, die in einigen Nischen der Höhlenwände zuhauf lebten. Sie wurden bis zu einem halben Meter groß, und ihre Körper boten eine optimale Nahrung, so dass sie nach dem Verzehr ihres Fleisches ein Jahr lang nichts weiter als etwas Wasser aus dem See zum Trinken benötigten.
Aber wo blieb der Entdeckungsdrang, nach ständig Neuem zu suchen, auch um sich weiterzuentwickeln? Evolution ist das Gegenteil von Stagnation. Wo blieb die Fragen nach dem, was außerhalb der Wände geschah? Und was kam am Ende des Schlotes? Dessen Anfang hatten sie bereits vor langer Zeit kennengelernt, auch wenn ihnen nur eine ungefähre Ahnung davon geblieben war. Nun, nach all den Jahrmillionen, mussten sie doch beginnen, nach dem anderen Ende ihrer Welt zu fragen. Was sie dort erwartete. Und wie die Welt wohl oberirdisch aussehen mochte.
Auch wenn sie sich nicht vorstellen konnten, dass die Erde überhaupt in unter- und oberirdisch aufzuteilen war, so musste ihnen ihre ständig wachsende Intelligenz doch verdeutlichen, dass es mehr gab, als nur das dunkle Verließ ihrer Höhle.
Und in der Tat. Auch wenn sie derart genügsam mit der Nahrung waren, dass sie ihnen vollkommen ausreichte, um woanders nach mehr zu streben. Und auch angesichts der Tatsache, dass sie sich so langsam vermehrten, da ihre Körper nur wenig bedurften und recht einseitig in ihren Anforderungen waren. So fehlte ihnen doch der Antrieb, sich weiter auszubreiten. Obwohl sie etwas besaßen, das ihre Neugierde hätte entfachen müssen: Einen Verstand und damit die Fantasie, sich ein Leben außerhalb der Höhle vorzustellen.
Schließlich waren sie ausreichend klug, in einem giftigen und sauerstoffarmen Ambiente ihr Leben zu fristen. Und ihre familiären Bande hatte sich schon seit hunderttausenden von Jahren manifestiert. Das Zusammengehörigkeitsgefühl sie gegen jedes Unbill ihrer kargen Umgebung gestärkt. Aber ihre Selbstzufriedenheit und die unveränderliche Umgebung hatten ihnen den Anlass genommen, nach Neuem zu fragen. Wenn die Gewöhnung an ewig desselben zu lange währt, dann verstärkt sie sich genetisch und baut eine Mauer auf, die – je höher sie ist – immer unüberwindlicher wird. So schaffte die monotone Abgeschiedenheit mit der Zeit ein unüberwindliches Bollwerk angeborener Instinkte. Eine Verfestigung von Reflexen und Begehren, die stärker waren als der Wunsch, Anderes zu erleben.
Physisch war Draco nach wie vor nicht größer als ein Huhn, denn die Enklave seiner Höhle reduzierte ihn selbst auf diese kleine Welt. Zwar war sie groß und hoch. Aber das Geschenk der Flügel hatte diesen Umstand bereits wettgemacht. So hatte er in seinem Nischenleben bereits alles erreicht, das sich evolutionär machen ließ. Doch sich größeres als sich selbst vorzustellen, sprengte die Dimensionen seiner Höhle.
Dennoch kann die Zurückhaltung seiner Wissbegierde und der Suche nach neuen Anreizen nicht allein an einer zum genetischen Ballast werdenden Monotonie ausgemacht werden. Es waren auch die immer wiederkehrenden Vulkanausbrüche, die, obwohl sie sein Augenmerk auch nach oben hätten richten können, ihm jede Lust am Inspizieren des gefährlichen Schlotes nahm. Der schließlich der einzige Zugang zur anderen Welt war. So bedurfte es eines Schrittes, der von außen kam, ihnen die Möglichkeiten weiteren Lebens und Spezien zu offenbaren.
Zu dieser Zeit war die unterirdische Höhle schon seit längerem wieder vollkommen überschwemmt, und sie waren an den Rand der Wände zurückgedrängt worden. Flogen hinauf zu den höher gelegenen Grotten, die die Zeit in den Felsen gegraben hatte und suchten nach Auswegen aus dieser drangvollen Enge. Doch der harte Granit der Decke verwehrte ihnen den Weg.
Aber das Wasser findet immer einen Durchschlupf. Und so wurden die Tropfen, die nun auch von oben kamen, mehr und sammelten sich zu kleinen Rinnsalen, die an den Wänden entlang über ihre Schlafplätze nach unten zogen. Auch drang kaltes Nass in die Ausbuchtungen und Nischen an den Seiten der Höhle und erreichte letztendlich ihre Nester.
Noch nie waren sie einer so großen Gefahr ausgesetzt gewesen. Das Wasser drohte, ihre Babys zu ertränken. Und auch die Pflanzen, die ihnen als Nahrung dienten, weichten auf und starben in den Fluten, die von oben herunterkamen.
Sie hielten nach einem Ausweg Ausschau. Einem Platz, wo es trocken und sicher war, und wo sie ihre Kinder lassen konnten. Einige von ihnen begaben sich zum Schlot des Vulkans. Doch jetzt begann es auch dort zu donnern, und ehe sie sich versahen, brach oben ein kleine Zwischendecke ein, und riesige Wassermassen stürzten herunter, gefolgt von Bergen von Schutt und Gestein.
Nach einer Weile verebbte die Flut und wurde zu einem schmalen Wasserfall, der sich nicht weit unterhalb von ihnen in der Hitze der Esse auflöste und in leichten Nebenschwaden wieder nach oben zog.
Der vordere Teil ihres Höhleneingangs wurde in feuchte Gischt gehüllt. Und einige stiegen in den breiten Schlot, um zu verstehen, was sich getan hatte.
Doch sie konnten die Ursache des Wassereinbruchs nicht entdecken. Sie sahen nur, wie die Feuchtigkeit ihren Weg hinab nahm, bevor sie verdunstete. Irgendwann beschloss einer von ihnen, sich weiter in den Vulkanschacht zu begeben und vorsichtig die Außenwände hochzusteigen. Da er nach einer Weile nicht mehr zu sehen war und auch nicht zurückkam, folgten ihm ein anderer und noch einer. Zu dritt drangen sie weiter vor, überwanden glatte Wände, indem sie über Vorsprünge, die überall bizarr aus den Wänden ragten, kletterten und gewannen stetig an Höhe.
Aber solange sie auch stiegen, der Schlot nahm kein Ende. Immer wieder schauten sie nach unten, denn so weit wie jetzt war noch keiner von ihnen gegangen. Hier begann bereits eine fremde Welt, die sie sich nie hatten vorstellen können. Und nur die plötzliche Angst um ihre Höhle und ihr Leben hatte sie überhaupt zu weit kommen lassen.
Mit ihren Vorderklauen, die aus der Flughaut ragten, hielten sie sich am glitschigen Felsen fest. Und mit den starken Hinterfüßen stießen sie sich immer wieder ab, um für einen Moment von einem Vorsprung auf einen anderen zu fliegen. Doch die Esse war zu eng, da sie permanent von zerrissenen Felssockeln und zerklüfteten Graten durchzogen war, als dass sie richtige Flugmanöver zuließ.
Einer von ihnen wollte bereits zurück, da ertönte plötzlich ganz weit entfernt von ihnen ein Brüllen, das sie noch nie zuvor vernommen hatten. Es waren Töne wie aus einer anderen Welt, so neu und donnernd, dass sie sie sogar mit ihren kleinen Gesichtshärchen wahrnehmen konnten. Es schien wie eine Böe, die ihnen über die Köpfe strich, und die nicht weniger wurde, wenn sie sich drehten, um die Richtung zu erahnen, aus der es kam.
Nach einiger Zeit wurde ihnen klar, dass das ferne Geräusch von ganz oben herunterkroch, und sein Ursprung nicht von ihrer Welt war. Doch immer noch blieb es eher leise und veranlasste sie nicht, weiter hinauf zu gehen.
Aber auch wenn die fremdartigen Töne bisweilen nicht zu hören waren, so verging niemals viel Zeit, bis sie wieder erschienen und ihnen die Ruhe raubte. Nicht so sehr durch ihre Lautstärke, sondern mehr durch ihre Eindringlichkeit und Fremdheit, die die Dracos reizten und in wahre Aufregung versetzen.
Schroff teilte sich jetzt die Esse in mehrere Gänge, um irgendwann wieder zusammenzufinden. Die Wände waren hier besonders glatt und von schwefelhaltigem, gelben Schleim bedeckt. Weißlicher Schimmel hatte sich in ausgehöhlten Kuhlen gebildet, und übelriechendes Wasser tropfte aus den Wänden. Grünes Moos dämpfte ihre Schritte, und noch weiter oben sanken ihre Füße tief in braunes Wurzelgeflecht abgestorbener Pflanzen.
Immer wieder legten sie eine kleine Rast ein, um sich zu erholen. Allerdings hatten sie versäumt, sich bei ihrem spontanen Aufbruch mit Nahrung zu versorgen. Und das Wasser stank hier zu sehr, als dass es hätte trinkbar sein können. Selbst für sie gab es Grenzen, die schwefelhaltigen Substanzen in sich aufzunehmen. So machten sie sich wieder auf den Weg, vorbei an tropfenden Stalaktiten und auf die Suche nach einem Pfad, der sich in den zahllosen Gängen und Nischen nach oben wand.
Das Brüllen wurde mit der Zeit etwas lauter, aber der Schlot blieb dunkel, bis sie zu einer Biegung gelangten, an der sich erneut drei Kamingänge verzweigten. Der eine führte ins Nichts, und nur ein wässriges, gelbes Rinnsal floss ständig über ihre Füße. Der nächste blieb auch im Dunkeln und endete an einer Wand, die voller glitschiger Ranken war. Schnell zogen sie sich wieder zurück und bogen in den dritten Gang ein, der sie um die Ecke eines riesigen Felsens führte, hinter dem sie in weiter Ferne unregelmäßig das Blinken von hellem Blau wahrnahmen. Es war zunächst nur ein kleiner Punkt, der immer wieder verschwand oder während ihres Aufstiegs von einem Vorsprung verdeckt wurde.
Doch das Brüllen war jetzt deutlich zu vernehmen. Wie aus einem anderen Raum, der sich ihnen allmählich öffnete. Sie hielten inne. Nicht verzagt oder ängstlich. Aber ihr Lebenswille war stark und ließ sie zur Vorsicht mahnen.
Sie überlegten, ob sie weiter hinaufgehen sollten. Doch nun waren sie bereits so weit gekommen, dass sie sich fragten, woher dieses Gebrüll kam und wer oder was es veranlassen mochte? Auch wenn ihre Kräfte mittlerweile schwanden und sie dringend einer weiteren Pause bedurften, stiegen sie unaufhörlich voran, bis sich vor ihnen der Schlot zu einer breiteren Höhlung öffnete. Sie reichte nach allen Seiten und verhalf ihm zu einer kugelartigen Form. Dort ließen sie sich nieder, um endlich auszuruhen. Über sich konnten sie erkennen, wie sich der blaue Fleck zu einem großen Loch erweitert hatte. Der Schlot erhielt nun eine kreisrunde Form, und seine Gänge wurden breiter und breiter, bis sie in einem einzigen, großen Schlund mündeten, dessen Ränder so weit auseinander lagen, dass sie nur schwer auszumachen waren.
Hier stank es besonders intensiv nach Fäulnis und Verwesung, und gelbliche Gase, die auch aus Spalten im Boden aufstiegen, erfüllten die Luft und betäubten alles in ihrem Umkreis. Doch den dreien war der Geruch mehr als vertraut, und sie schauten sich ermutigt und entschlossener um, denn hier schien es nicht viel anders zu sein als unten in ihrer Höhle.
Plötzlich vernahmen sie ein starkes Rauschen, das von unten kam. Erschrocken blickten sie hinab, denn das Geräusch kannten sie nur zu gut. Blitzartig sprangen sie zur Seite, unten die auswölbende Decke der Ausbuchtung. Und dort, wo sie sich gerade noch befunden hatten, schoss ein starker Strahl heißen Wassers herauf und hätte sie beinahe mit sich gerissen, wären sie nicht tiefer in die Höhlung geflüchtet. Sie kannten diese Fontäne, denn sie zog in regelmäßigen Abständen an ihrer Höhle vorbei und stand unter großem Druck, so dass sie alles mit sich riss, das sich ihr in den Weg stellte. Doch dieses Mal war sie stärker als je zuvor. Und nur der Umstand, dass sie rechtzeitig zur Seite gesprungen waren, rettete ihnen das Leben. Der Strahl des heißen Wassers kam aus dem Grund eines Seitenkanals des Sees, der an der Lava des Erdinneren vorbeiführte. Dabei nahm er Geröll und Schlamm mit, so dass die Fontäne zunächst einen schmutzig-braunen Pfropfen an ihrer Spitze ausstieß, bevor das Wasser klarer wurde und in einem unendlich hohen Springbrunnen endete, der die Gipfel der umgebenden Berge überragte.
Sobald die Fontäne eingesetzt hatte, erstarb das Brüllen und wich dem Getöse des herausbrechenden Wassers. Das Donnern hielt noch eine Weile an, bis es leiser wurde und dann völlig verstummte. Aber noch immer musste Obacht gegeben werden, da bisweilen Nachzügler von gespeichertem Wasser, das aus kleineren Kammern und Blasen hervorplatzten konnte, einsetzten und Steine und Gase mit sich nahmen, die dann in einer letzten Wolke in den Himmel schossen.
Als alles vorbei war, schauten sie neugierig aus der Sicherheit ihrer Aushöhlung hervor und gewahrten am oberen Rand des Kraters einen riesigen Löwen, der nun auch aus der Deckung der Felswände hervorgetreten war und zu ihnen hinunter blickte.
Jetzt nahm auch er zu seiner Verblüffung die drei Dracos wahr, und alle vier erstarrten gemeinsam wie hypnotisiert. Dann öffnete er erneut sein großes Maul, und ein gewaltiger Ton erscholl über dem Berg und ließ die Wände des Loches erzittern. Den dreien dröhnten die Ohren, die lediglich zwei kleine Schlitze an ihrem Kopfende waren, und sie duckten sich unwillkürlich. Aber nicht aus Angst, denn bislang waren sie nichts begegnet, das ihnen ein solches Gefühl hätte vermitteln können.
Doch sie hatten genug gesehen. Sie brauchten nicht aus dem Krater heraustreten. Denn der Anblick des Himmels und der offenen Wände, die mit einer weißen Schneeschicht überzogen waren, war ihnen Offenbarung genug. Hier war die Decke, die vollkommen blau war, so hoch, dass sie gar nicht erst den Versuch machten, aufzufliegen, um sie zu erreichen. Aber das ungewöhnlichste, das sie je gesehen hatten, war dieses andere Tier. Es hatte einen mächtigen Schädel, aus dem furchteinflößend ein großes Horn ragte, und das Fell war gelb mit einer dunklen Haarkrause. Seine Augen blitzten sie wild an. Und aus dem gewaltigen Rachen drohten riesige Eckzähne, die wie Speere aus seinem geöffneten Maul stachen.
Wie gebannt saßen sie noch eine Weile in ihrer Nische unterhalb des Kraterrandes. Dann ließen sie gleichzeitig ein Kreischen in Richtung des Löwens ertönen, dass ihm wie eine eisige Klinge durch die Glieder fuhr. Und erst einer, dann auch die anderen beiden, öffneten ihre schorfigen Mäuler und stießen eine Flammenwand aus, die ihn zwar nicht erreichte, deren Hitze aber die nähere Umgebung in einen Mantel rotglühender Lava schloss. Und ein zweites Mal züngelte ihnen ein Feuerstrahl heraus, bevor sie sich umdrehten und mit einem weiten Satz nach unten zurückstürzten und verschwanden.
Laudean aber ließ sie nicht aus den Augen, bevor ihre kleinen, gedrungenen Vogelkörper nicht endgültig vom Gewirr der gezackten Felsen des Stollens verschluckt worden waren. Und noch in weiter Tiefe, als sie längst hinter den Vorsprüngen und in den Kammern des Vulkanes eingetaucht waren, hörte er ihr Gekreische und roch die schwefelartige Ausdünstung ihres Atems.
Er fühlte, dass er nun das Geheimnis dieses Sumpfes, aus dem gerade das Innere der Erde hervorgekrochen war, erfahren hatte. Er war alt geworden, und seine Glieder schmerzten. Auch den Lungen entwich ein leises Pfeifen, und die vergiftete Luft des Kraters machte ihn schwindelig.
Langsam suchte er den Abstieg hinunter zum Sumpf. Die Wände des Vulkans hatten sich mit der Zeit zu einem riesigen Berg aufgetürmt, und er kam nur langsam voran, während er über die erkaltete Lava zurückschlich. Überall stieg aus kleinen Fumarolen gelbes Gas, und heißer Dampf entwich feinen Ritzen im Boden. Beides vereinte sich zu einer dünnen grünlichen Rauschsäule, die über dem Krater zu einer hochgiftigen Wolke ausfaserte. Laudean hustete etwas Schleim aus. Vorsichtig setzte er eine Tatze vor die andere, um nicht in eine Kuhle voll heißen Wassers, das sich dort angesammelt hatte, zu treten.
Immer wieder musste er eine Pause einlegen, denn der giftige Nebel, der sich hier sammelte, forderte nun seinen Tribut. Aber Laudean war noch stark, auch wenn ihm das Atmen schwerer fiel. Er hatte endlich den Eintritt in die Welt gefunden, die für diesen widernatürliche Gestank verantwortlich war. Und er war denjenigen begegnet, die dort unten hausten und seine neue Heimat, das Tal, das geschützt hinter den Bergen lag, bedrohten.
Er hatte sich niemals vor etwas gefürchtet, und er war jedem Feind mutig entgegengetreten. Doch hier ahnte er, dass er etwas Mächtigerem begegnet war. Lag es an seinem Alter oder daran, dass sie über noch mehr Fähigkeiten zu besitzen schienen als er. Ihm war bewusst geworden, dass mit ihm eine Zeit schwand, verging, die nie mehr wiederkommen würde. Und deren Ende er eigentlich gehofft hatte, mit dem Marsch hierher noch einmal aufhalten zu können.
Nun wurde ihm bewusst, dass er seine Getreuen direkt dorthin geführt hatte, wo die Ära der Löwen irgendwann einmal ein Ende nehmen würde, um etwas anderem, stärkerem zu weichen. Einem Wesen, dem er endlich in die Augen geblickt hatte. Und bei dem er erkannte, dass es, wenn nicht bald, so doch irgendwann wiederkommen würde. Er konnte nur hoffen, diesen Augenblick selbst nicht mehr zu erleben.
War auf seine alten Tage doch noch Furcht in seine Knochen gefahren? So lange er denken konnte, hatte er sich immer dem Gegner gestellt. Unbeugsam, manchmal mit List, aber immer mit Mut und Stärke. Diesmal, so ahnte er, mussten es andere Tugenden sein, die sich dem, was er gesehen hatte, entgegenzustellen hatten.
In Gedanken versunken erreichte er das Hochtal. Hinter ihm lag der Sumpf mit seinem matschigen Schlamm und unsichtbaren Gruben, in die man leicht einsinken und ersticken konnte. Aber er hatte irgendwann die wenigen festen Wege kennengelernt, sie in Erfahrung gebracht, als es ihn die ersten Male zum Krater gezogen hatte, wo er bereits den Ursprung all des tödlichen Unheils geahnt hatte. Wo der Eintritt in die Unterwelt war, die Pforte zur ewigen Verdammnis. Und von wo er sich sicher war, das dort etwas existierte, das – wenn es einmal hervorkam – nicht müde sein würde, sich alles zu unterwerfen, wenn es denn nur wollte.
Sinsa begrüßte ihn mit ihrer rauen, doch sanften Zunge. Besorgt schaute sie ihn an, hörte das Röcheln seiner geplagten Lungen und sein Husten, um den Geschmack des giftigen Schleims los zu werden.
Zärtlich bettete sie ihre Schnauze auf seinen Arm, als er sich niederlegte, um noch ein wenig zu dösen. Er war sehr müde, denn der Ausflug hatte mehrere Tage gedauert, ohne dass er dort etwas zu essen oder zu trinken gefunden hatte. Deshalb war er zu geschwächt, um noch lange wach zu bleiben. Lediglich ein paar Schlucke aus einer Pfütze gönnte er sich, bevor er sich niederlegte.
Er hatte gefunden, weshalb er ausgezogen war. Er hatte drei Lebewesen gesehen, die ihm nicht von hier schienen. Die von unten kamen, dem Ursprung der feuchten Hitze, die jetzt ständig das Tal überzog. Und er hatte sie gehört, ihr Kreischen, das nach Eroberung rief.
Allmählich schlossen sich seine Augen, und das alte Wohlgefühl, inmitten seiner Familie zu sein, kehrte zurück. Er hatte sich der neuen Gefahr gestellt, sie geortet und verjagt. Zunächst. Aber er wusste, sie würden wiederkommen. Und dann zu noch viel mehreren. Und mit dem Wissen, was sie hier erwartete, wie es hier war. Hier oben, wo die Wiesen grün waren und das Wasser nach den Blumen am Saum seiner Ufer duftete. Und er hoffte, dass es nicht ihrem Geschmack entsprach, tief im Inneren der Erde, zwischen den schwefligen Gasen und der kochenden Hitze der Lava.
Laudean seufzte im Schlaf und vergrub seine Schnauze zwischen den großen Tatzen. Und er begann, von der Sonne zu träumen, wie sie ihre wärmenden Hände nach ihm sandte und ihn zu sich zog, immer näher an sich heran, bis er endlich in ihrem Schoß lag und wie ein kleines Baby schlief, nun traumlos und weit entfernt dessen, was sich unter ihm abgespielt hatte.
Und dort, wo er ihnen begegnet war, tief darunter, wo sich die Erde einst aufgetan hatte, hausten die neuen Kreaturen. Das drohende Mysterium einer Welt, die ihnen sogar ihren Namen gab. Draco, die sich irgendwann die Drachen nannten.