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Literatur

die Sage von Draconar

die Sage von Draconar

- ein Sciencefiction von Rainer Kempas -
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Literatur
die Sage von Draconar



Die Pole Nimdal und Seidal

E inige tausend Jahre waren vergangen seit dem Ausbruch des Gaudar Melir. Die neue Insel erblühte mittlerweile in den Farben der Bäume und Gräser. Der Wind hatte Sand und Erde von Boronan herübergeweht, und Pollen und Samen folgten. Bald gab es neben Flechten auch niedriges, trockenes Buschwerk, das sich über dem Schiefer ausbreitete. Bald darauf gründete sich eine Kolonie von nördlichen Seeschwalben und weitere folgten. Auch Robben und die kälteunempfindlichen Schneefüchse, die wohl eher zufällig auf Treibgut wie entwurzelten Baumstämmen an ihre Ufer gerieten, tummel-ten sich nun an steinigen Stränden.
Aus den kleinen Ansammlungen von Pflanzen wurden Wiesen mit Spinifex und Kletterrosen, die sich mit ihren Dornen am unebenen Gestein festkrallten. Die erste Konifere spaltete den Schiefer und wuchs aus der Felsspalte. Bald waren mehrere Akazien gefolgt, die kleine Wälder bildeten und Schatten für Moos und rötliche Pilze boten.
Im Winter bedeckten sich die Bäume und Büsche mit Schnee. Sie trugen keine Blätter, und die kahlen Äste und Zweige streckten sich dürr in den frostigen Himmel. Aber ihre Rinde enthielt viele Vitamine, die die kümmerliche Nahrung des Schneefuchses war. Dieser hatte nun ein noch dichteres Fell, das er hier nicht einmal im Frühjahr abwarf.
Auch die Drachen flogen bisweilen zur Insel oder kamen auf ihren Routen vorbei. Es waren ausschließlich solche vom Erol Taut, die weitaus aufge-schlossener für ihre Umwelt waren als die der Berge des Andar. Manchmal sammelten sie etwas Quuanqunquum, das sie für ihre Unternehmungen benötigten. Dieses hatte sich in einer großen Mulde gesammelt, die sich in der Mitte eines runden Felssockels geformt hatte, der das Eiland hoch überragte und nur für flugfähige Tiere zu erreichen war.
Aus dem quarzartigen Metall stellten sie stromleitende Drahtspulen her, deren Elektrizität Magnetismus erzeugte und die Energie wie eine Batterie speicherte. Mit dieser Art von Dynamo trieben sie große Räder oder Mahlsteine an. Diese riesigen Anlagen dienten vielerlei Zwecken wie dem Zerreiben von Getreide, um aus dem Mehl der nahrhaften Körner gebackene Fladen oder ähnliches herzustellen. Oder dem Antreiben von Pumpen, die Wasser aus den Brunnen hochholten und es in die Häuser verteilten.
Auch wurden Öfen gebaut, die noch stabiler waren und ein System von Luftschleusen besaßen, um noch größere Hitze zu erzeugen. In ihnen wurde zunächst Kupfer gegossen und später Bronze und sogar Porzellan, oder ganz neuartige Materialien hergestellt. Die Arbeiten eines Schmiedes teilten sich nun auf in die mit Metall und in die, die mit den neuen Werkstoffen umgingen. Diese wurden allgemein Kunststoffe genannt, wie es auch der Schaumstoff war oder Plastiken für die Versiegelung von Eingängen und Vorratsraumen. Da letztere nicht rosteten und flexibler in der Herstellung und im Gebrauch waren, gewannen sie irgendwann einen Vorsprung vor den Metallen. Aber diese Zeit stand noch bevor.
10.000 Jahre, nachdem die Insel entstanden war, hatte sich die Natur Draconars selbst kaum verändert. Es kam lediglich zu seltsamen Erscheinungen über dem Horizont. Sogenannte Polarlichter, die ansonsten eher selten auftraten, da der riesige Magnetgürtel – der von Sibilus erzeugt wurde – in einer zu großen Entfernung von Draconar war, als dass der einfallende Sonnenwind sie in der Atmosphäre erzeugen konnte, blitzten jetzt immer öfters über den nördlichen Himmel und überfluteten die Luft mit farbigem Licht. Diese Wetterphänomene waren keineswegs natürlichen Ursprungs. Sie waren auf den kleinen Kern aus Quuanqunquum zurückzuführen, der sich unter der neugeschaffenen Insel formiert hatte. Auch nahmen allgemein die Aktivitäten unterhalb der Erdkruste zu, ohne dass es mehr zu größeren Ausbrüchen oder Erdbeben kam. Aber die Intensität der Plattentektonik, die von der Rotation des flüssigen Eisens im Erdinneren abhing, schwankte. Wurde sie geringer, dann waren die Auswirkungen der Sonnenstürme deutlicher spürbar, und riesige Flutwellen und Orkane hoben sich über die Küsten aufs Land. Doch die Phänomene dauerten nicht lange an, auch wenn sie immer häufiger auftraten.
Das Dasein der Drachen erfuhr durch die vielen Neuerungen allerdings eine erstaunliche Entwicklung. Während die Evolution der anderen Lebewesen auf Draco weiterhin gemächlich voranging, da sie es bislang nicht geschafft hatten, eine höhere Intelligenz hervorzubringen, die sie zu innovativem, kreativem und sozialem Handeln und Denken gleichermaßen und in dem Umfang befähigte, dass es sie unabhängig von ihrer jeweiligen Umwelt machte, hatten die Drachen ihr Leben vollauf revolutioniert.
So beherrschten sie bereits Techniken, die sie nicht mehr direkt aus der Natur schöpften. Sie begannen, sich Mittel und Wege auszudenken, die Möglichkeiten der Physik, Biologie und Chemie zu kombinierten oder künstliche Grundlagen zu schaffen, diese zu verwirklichen. Ohne sich schon mit diesen abstrakten Kategorien selbst zu befassen. Eine derartige Einteilung der Wissenschaften sollte noch eine Weile auf sich warten lassen.
Die Nutzung des Magnetismus, der Elektrizität oder der Wind- und Wasserkraft aber wäre nicht schon möglich gewesen, ohne dass ihre Gehirne sich nicht auch weiterentwickelt beziehungsweise neu organisiert hätten.
Aufgrund des hohen Fleischkonsums, den ihre Umstellung der Jagden in der Savanne mit sich brachte, erhöhte sich der vordere Stirnlappen und ließ Raum für einen vergrößerten Cortex. Auch waren die Windungen des Gehirns zahlreicher, enger und kleiner, so dass es auf weniger Raum mehr Platz einnehmen konnte. Ihre Kopfform veränderte sich ebenfalls ein wenig. Sie maßen alsbald oben die doppelte Breite im Vergleich zu ihrem unteren Abschnitt, so dass ihre Kinne etwas unterentwickelt anmuteten und nach hinten verliefen.
Doch das Entscheidende bei ihrer Neudiffferenzierung war, dass sie sich mit den Stoffen der Natur auseinandersetzten. Sie begannen, über Dinge und Zusammenhänge nachzudenken, indem sie deren Habitate rekonstruierten, so dass sie denen der Natur vollkommen entsprachen. So schufen sie eine eigenständige Welt, indem sie die äußere Realität 1 zu 1 umsetzten. Sie sezierten Pflanzen, bestäubten manuell ihre Fruchtknoten und ließen neue, verbesserte Arten entstehen, indem sie besonders gut entwickelte Halme und Zweige mit einer anderen Pflanze der gleichen Art zusammenfüg-ten, die zum Beispiel über eine intensive oder schmackhafte Fruchtbildung verfügte. Dabei wollten sie keine neuen Dinge erschaffen, sondern nur die bestehenden weiterentwickeln. So beschleunigten sie den Fortlauf der Natur, indem sie vorsichtig in sie eingriffen.
Aber auch im sozialen Bereich schufen sie neue Aspekte. Einer ihrer wichtigsten Themen war der Aspekt ihre Sterblichkeit. Für sie, die ein so langes Leben führen konnten, stellte sich recht früh die Frage, was nach ihnen geschah. Drifteten sie in eine andere Form der Existenz hinüber? Oder war alles vorbei, zumindest für den einzelnen? Doch sie verloren sich nicht in metaphysische Hypothesen. Dazu waren sie zu realistisch und bodenständig. Aber sie begannen, ihre Toten zu betrauern und aus hygienischen Gründen in Öfen zu verbrennen, die tief im Berg gelegen und über dünne Rauchabzüge mit der Oberfläche verbunden waren. Und sie untersuch-ten sie auf unbekannte Krankheiten, indem sie vor ihrer Entsorgung deren Körper sezierten. So lernten sie das Innere ihrer Organe kennen und wussten diese Erfahrung später auch zu Heilzwecken zu nutzen.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ hatte sich schon mit einigen Drachen zusammengesetzt, die die Gärten und Grünanlagen unterhielten und pflegten. Diese hatten erkannt, dass es Gräser und Blumen gab, deren einzelne Bestandteile von ungeahntem Nutzen zu sein versprachen. Die Blüten der Polaraster oder die Säfte der Zitrussterne, eine Bergblume, deren Halme ausgepresst einen sauren, aber heilenden Sud gegen Erkältungen ergab, hatten sie schon erprobt und die Pflanzen in kleinen, windgeschützten Rabatten angelegt. Aber vor allem der Honig der Bienen war nicht nur ein süßes Labsal für die Kinder und diente als Ingredienz für Speisen und Getränke. Er war auch ein wirksames Medikament bei vielen Krankheiten. Selbst ihn als Salbe über die raue Haut, da wo sie frei von Pigmenten war, zu streichen, konnte Verletzungen und Infektionen heilen oder zumindest mildern.
So waren die Gärtner zwar nicht die ersten Ärzte. Sie sprachen keine Diagnose aus, aber waren unter anderem für die Beschaffung von Heilkräutern verantwortlich. Und somit dem späteren Stand der Drogisten verpflichtet. Ihre Gartenkultur vervollkommnete sich rasch weiter mit dem Heranzüchten neuwertiger Früchte. Sie bauten Fundus an, eine Art blaue Kartoffel. Es gab mehrere Sorten Getreide, und sie kreuzten verschiedene Obst-bäume, so dass sie große, rotreife Trauben und Beeren hervorbrachten. Ihre Ernährung verbesserte sich zusehends und ihr Körperbau wurde noch kräftiger dank der vegetarischen Vitamine und des regelmäßigen Fleischkon-sums. Das hatte Konsequenzen: Sie waren bereits etwas größer geworden. Zunächst nur die Kinder. Mit Erreichen ihrer körperlichen Reife waren sie immer etwas größer als ihre Eltern.
Über diese Auseinandersetzungen mit der Umgebung vergaßen sie aber nie, sich auch selbst als ein Teil davon zu verstehen. Schließlich aßen und tranken sie Dinge aus der Natur, auf die sie einwirken konnten. Das hatte Folgen nicht nur für ihr Wohlbefinden. Denn sie halfen dem Körper, sich besser gegen Krankheiten zu wehren. Und größer zu werden. Auch wenn dieser Prozess tausende von Jahren benötigte, hatten sie mit der Einflussnahme auf ihre Physis und ihr Wachstums gelernt, sich selbst auch stofflich und genetisch zu verändern. Durch diese gezielte Steuerung der Natur und ihrer Nutzung offenbarte sich nicht zuletzt auch bisher Unbekanntes und Verborgenes in ihrem eigenen Körper. Durch die Erforschung des eigenen Seins und im Vergleich mit anderen Existenzen gelangten sie schließlich zu der Erkenntnis, dass sie nicht mehr auf einer Ebene mit den anderen Geschöpfen Dracos standen.
So wie sie ihre Besonderheit spürten, so logisch war es auch für sie, dass sie zu einer eigenen, höheren Spezies geworden waren. Einer, die über allen anderen stand. Einer, die die vermeintliche Ordnung der Dinge, wie sie zumindest auf Draco herrschte, begriff. Und sie sich neu einteilen konnte.
Schon seit langem besaßen sie ein Bewusstsein ihrer selbst. Als Gruppe und als Individuum. Sie konnten mittlerweile von sich abstrahieren, sich vom Standpunkt eines Außenstehenden sehen und sich in ihn hineinversetzen. Diese emphatischen und altruistischen Betrachtungsweisen waren wichtige Voraussetzungen für eine soziale Gemeinschaft, die auf Rücksicht und Toleranz basierte. Und sie waren das Fundament für neue Gedanken und das Verständnis einer Welt, die ihre noch zahlreichen unbekannten Pforten öffnen sollte und sie einlud, hineinzutreten und zu verstehen zu lernen, wer sie waren und woraus sie bestanden. Und genauso wichtig: Was das andere um sie herum war und wie sie mit ihm interagieren konnten.
Dabei hatten sie noch keine Vorstellungen vom Mikrokosmos oder von der Physik der Sterne. Sie kannten weder Atome noch die Bestandteile des Sonnenlichtes. Noch immer schauten sie wie hypnotisiert zum nächtlichen Himmel hoch und fragten sich, was das war, das da so strahlte. Mit der Zeit entdeckten sie aber, dass diese Lichter sich unmerklichen bewegten. Denn im Laufe eines Jahres wanderten sie zur einen Seite hinaus und verschwanden während des Sarums, um an der gegenüberliegenden wieder hervorzutreten.
Irgendwann hatte ‚der durch die Lüfte fliegt‘ bemerkt, dass es Zeiträume gab, innerhalb denen sich die Gestirne auf ihren Bahnen wiederholten. Auch wenn der Doppelplanet Sibilus so groß war, dass er seine runde Form nie verlor und lediglich seine Fläche heller oder dunkler von Thuban beleuchtet wurde, ergaben sich bei den drei Monden doch eigenartige Tendenzen. Ständig schienen sie ihre Formen zu verlieren und blieben oft tagelang nur halb sichtbar am nächtlichen Firmament. Es dauerte einen Monat, bis sich eine ganze Phase vom Vollmond des ersten bis zum Vollmond des dritten wiederholte, wobei diese aufgrund ihrer Nähe zueinander nicht allzu sehr voneinander abwichen.
Und es gab einen größeren Zeitraum, in dem sich auch die Sterne unmerklich über das Firmament bewegten, bis sie wieder am Ausgangspunkt hervorkamen. Dieser Abschnitt wurde ein Jahr genannt.
Dabei hatten sie jedoch erstaunliches festgestellt: Die besten Zeiten, an denen die einzelnen, verschiedenen Pflanzen, Obst- und Getreidesorten ausgesät beziehungsweise gesetzt wurden, und auch die deren Ernte, offenbarten immer dieselben Sternenkonstellationen. Sie brauchten sich nur nach den größten Sternen richten und deren Wiederkehr abwarten, um die beste Zeit für Aussaat und Ernte der jeweiligen Pflanzen zu haben.
Nicht zuletzt die Einführung von Monaten und Jahres schuf indes eine Art Kalender, der wiederum etwas vollkommen Neues voraussetzte: die Entstehung eines Zahlensystems. Das Jahr hatte 13 Monate, der Monat 30 Tage. Das war die von Thuban bestimmte natürliche Dauer. Mit ihren 5 Fingern an jeder Hand schufen sie sich ein Hexadezimalsystem aus maximal 35 Ziffern. Die Null sollte noch auf sich warten lassen, da die Drachen zunächst keine allzu hohen Ziffern benötigten.
Erst wurden an der linken Hand die Finger abgezählt. Dann kam die rechte ins Spiel. Während hier der erste Finger gehoben wurde, wurden alle Finger der linken durchlaufen. Dann ging es mit dem zweiten der rechten Hand weiter, wobei die linke wieder geschlossen wurde. Größere Zahlen wurden noch nicht gebraucht. Daher blieb dieses rudimentäre Rechensystem lange Zeit unangetastet.
Hexadezimalsystem
linke Hand rechte Hand Ergebnis
I ----- 1
II ----- 2
III ----- 3
IIII ----- 4
IIIII ----- 5
----- I 6
I I 7
... ... ...
----- IIIII 30
... ... ...
IIIII IIIII 35

Und obwohl sie bereits größere Gartenanlagen kultivierten, sollte erst mit den Erfahrungen der Mathematik der Ackerbau beginnen. Er ließ die Drachen unabhängig von Jahreszeiten und Missernten werden. Sie bauten im Frühjahr Fundus an und ernteten ihn im Herbst. Zu dieser Zeit beschnitten sie wiederum ihre Bäume, die dann im nächsten Sommer trugen. Der Samen für das Getreide wurde zweimal im Jahr ausgesät, so dass sie immer mehr Öfen benötigten, die Kornfladen zu backen.
In großen Silos, die sie gegen Fäulnis und Schimmel trocken hielten, verwahrten sie die Ernte, so dass sie zu jeder Jahreszeit alles essen konnten. Von den Spitzen des Erol Taut schleppten sie Eis und Schnee ins Berginnere, wo sie in kühlen Kammern ihre Vorräte immer weiter anreicherten.
Für den Ackerbau wurden inzwischen Eggen hergestellt, die den Boden durchfurchten und auflockerten. Aber es war sehr anstrengend, das Holzteil, aus dem irgendwann ein Eisenriss geworden war, durch die oft sehr harte Erde zu ziehen. Da kam ‚der den Daumen klopft‘ auf die Idee, etwas Rundes zu benutzen, um es zu rollen. Er hatte es den Kindern beim Spielen abgeschaut, wenn sie Abwerfball übten. Warfen sie sich auf den Ball, dann wurden sie eine kurze Strecke mitgetragen. Damit sollte es doch gelingen, die Egge leichter vorwärts zu schieben.
Doch wie diese am Ball befestigen? Er beriet sich mit einigen Tischlern und Schmiden. Im Inneren des Balls musste etwas eingebaut werden, dass sich auch mitdrehen konnte, aber eine Eigenbewegung ausüben konnte. Dazu hatte der Ball aus festem Kunststoff zu sein, wie ein Schmid befand. Mit einem Hohlraum für eine Röhre, an der wiederum ein Gestänge befestigt werden sollte, an dem die Egge vorwärtsgeschoben wurde.
Sogleich ging er daran, eine Kugel aus hartem Plastik herzustellen, die eine schmale Aushöhlung aufwies, durch die der Metallschmid eine Stange aus Eisen stecken konnte. Ein Tischler hatte nun eine neue Egge konstruiert, deren Schaufel und Schubgriff mit Schellen an die Kugel montiert wurde.
Als sich alle vier nach ein paar Tagen aufs Feld begaben, um ihr seltsames Gerät auszuprobieren, wurden sie von einigen Kindern und neugierigen Nachbarn verfolgt. Sobald ‚der den Daumen klopft‘ die kleine Egge mit harter Hand ergriffen hatte, indem er sie mit Langfinger und Daumen oben am Griff packte, begannen ihre Einzelteile bedrohlich zu wackeln. Und als er glaubte, dass es jetzt an der Zeit wäre, sie durch den Boden zu jagen, da heulten die Metalle zunächst widerborstig auf, und die Kunststoffkugel quietschte und kreischte ärgerlich. Der Hauptlärm aber kam aus der Mitte der Kugel, wo sich das Metall auf dem Kunststoff schabte.
»Wartet«, sagte ‚der den Daumen klopft‘, »die Reibung ist noch zu groß.« Er überlegte. Wenn es einen weiteren Hohlraum zwischen dem Kunststoff und dem Eisen gäbe… Aber wie?
Eine Frau aus der Menge rief: »Schmiert doch etwas Bratfett dazwischen. Davon habe ich genug in meiner Kochnische.«
»Bratfett?«, echote ‚der den Daumen klopft‘. »Warum nicht?« Und zu der Frau gewandt: »Schnell, hol etwas zum Schmieren!«
Als die Gute zurückkam, verteilte er es in den Achsen und darin, was später einmal das Kugellager werden sollte. Und siehe da! Das Gequietsche ließ nach. Und für einige Meter bewegte sich die neue Egge sogar voran. Nur dass dann eine Schelle brach, die das Pflugeisen an der Kugel hielt.
Alle ließen ein enttäuschtes »Ach« und »Oh« hören. Dann schauten sie erwartungsgespannt auf die vier Männer. Und diese zur Egge, die sich nicht mehr drehte.
Nach einer Weile des Schweigens und Überlegens sagte ‚der den Daumen klopft‘: »Also, dass muss noch fester gemacht werden! Und auch die Kugel ist irgendwie falsch. Sie behindert einen beim Gehen… Und ist eher hemmend als kräftesparend… beim… Pflügen.«
»Ja, sie ist viel zu plump,« gab der Plastikschmid zu.
»Ich werde mir gleich etwas überlegen, womit ich die Schellen besser befestigen kann«, ergänzte der Metallschmid.
Erstaunlicherweise benötigten beide, nachdem die Evolution in mehreren Millionen Jahren nichts Ähnliches hervorgebracht hatte, nur noch wenige Tage, um das Rad perfekt zu machen. Der eine kam mit einer Schelle an, die er mittels eines kurzen Eisenpins, das er Schraube nannte, in einem ebenso kleinen Eisenkranz befestigte, das er Mutter nannte, in dessen Loch er ein Gewinde gezogen hatte, um die Schraube einzudrehen. So wurden die beiden Enden der Schelle fest um das sogenannte Kugellager zusammengezo-gen, und das Rad war an der Egge befestigt.
Dieses Rad war die eigentliche Sensation. Es war nun keine Kugel mehr, sondern ein sehr schmaler und dünner Balken, der einen Kreis bildete. Da die ganze Mitte ausgehöhlt war, wurde die Konstruktion durch dünne Latten gestützt, die vom Kugellager in der Mitte fächerförmig nach außen zum Plastikbogen zogen. Diese Speichen stabilisierten das Rad, so dass es auch unter größerem Druck auf das Erdreich nicht zerbrach.
Nun ließ sich die Egge, wenn auch immer noch ein wenig quietschend, durch den Boden fahren, wobei sie eine tiefe Rinne hinterließ. Das war der Anbeginn der Agrarkultur. Wenn das Bestellen von fruchtbarem Land bisher noch in den Anfängen steckte, so entwickelte sich fortan ein reger Anbau von Getreide und blauen Kartoffeln, die den unabhängigen Wohlstand der Drachen gewährleisteten.
Aus dem Gärtner schälte sich der Bauer heraus, wie einst der Kunstschmid aus dem Metallschmid hervorgegangen war. Und obwohl es immer verschiedenere Berufe bedurfte, das Erstrebte zu erreichen, erhielt der Einzelne doch ein erhebliches Maß an Freizeit, die er mit Nichtstun oder mit Sport und Spielen ausfüllte. Einige wandten sich auch der Schnitzerei zu, um neue Geräte für den Haushalt oder die Werkstätten herzustellen. Bald jedoch versuchten sie sich an Motiven, die sie nicht mehr für den Eigengebrauch benötigten. Diese wurden in Lagern verstaut, damit sich andere etwas davon aussuchen konnten. So begannen sie, in ihrer Freizeit Sachen zu schnitzen, die keinem direkten Nutzwert unterlagen. Ein kleines Haus als Erinnerung an eine vergangene Zeit oder einen Vogel, um ihn als Zierde aufzustellen.
Auch fingen sie an, im Sand zu zeichnen. Zunächst noch, um anderen etwas zu erklären. Dann aus lauter Spaß am Bild. Später gingen sie dazu über, mit Kreidestein auf Schiefertafeln zu malen. Oder sie ritzten mit ihrem Messer Menschen und Tiere dort ein. Noch nach Jahren konnten sie sich so an ihren Werken erfreuen und gaben diese auch ihren Kinder weiter, um ihnen ihren eigenes Lebensverlauf zu erzählen.
Sie waren immer auf der Suche nach anderen Materialien, die sie verwenden konnten. Bald wurden aus Knochen ganze Objekte geschnitzt. Und aus dem Schwanzende des Wiesels stellten sie zierliche Pinsel her, die sich als überaus geeignet herausstellten, Farbe zu verstreichen. Letztere mischten sie aus weichem Gestein, zerbröselten es und lösten es in Wasser auf. Sie stellten fest, dass derartige Bilder noch länger hielten, als wenn sie sie nur mit Kreide malten.
Eine völlig neue Tätigkeit hatte sich im Laufe der Zeit mit einem durchsichtigen Quarz herausgeschält, das unter Erhitzung zähflüssig wurde und leicht zu formen war. Kühlte es ab, so entstand ein durchsichtiges, glasartiges Gefäß, das von vielerlei Nutzen zu sein versprach. Aufgrund seiner Durchsichtigkeit bauten die Drachen es allerdings meistens in Außen-wände ein, die die Häuser dann heller machten, weil zumindest tagsüber genügend Sonnenlicht hineinkam. Solche Fenster aus Glasscheiben waren stabil und bruchfest, so dass bald alle neuen Häuser damit ausgestattet wurden.
Auch das Domestizieren von Tieren schritt voran. Das Dromedarion und das Wollhornschaf wurden auf Weiden geschickt, die mit einem Gitter umzäunt waren und ein Ausbrechen verhinderten. Sie erzeugten Milch, aus der auch Jogurt und Quark gewonnen wurde. Vor allem die Molke des Wollhornschafes eignete sich besonders für einen wohlschmeckenden, aber stark riechenden Käse, der alsbald äußerst beliebt bei den Drachen war und eines der Hauptexporte zur ersten Kolonie wurde.
Dabei entstand aber noch kein Handel. Denn untereinander wurde gegeben und genommen, so dass niemand – auch nicht aus einer anderen Familie oder einem anderen Stamm – Hunger leiden musste. Essen und Trinken wurde immer noch in den Garküchen, die aus den Kochnischen der einzelnen Wohnun-gen entstanden waren, verteilt. Hier konnte sich jeder bedienen, falls er nicht die Zeit für die Herstellung eines Mahles gefunden hatte oder ihm die aus den öffentlichen Küchen einfach besser schmeckten.
Auch die Waffen für die Jagd hatten sich erheblich verbessert. Mittlerweile waren sie auf dem Niveau einer Armbrust angekommen, mit der sie über hunderte von Metern ein Mammut zu treffen vermochten. Besonders ‚der das Mammut jagt‘ tat sich in dieser Disziplin hervor. Er war immer schon ein guter Jäger gewesen. Nun führte er stets einen Trupp an, wenn es galt, eine größere Beute zu erledigen.
An diesem Tag war es mal wieder soweit. Nachdem die Mannschaft zusammengestellt war, verabschiedeten sich die Jäger vom Dorf. So gab ‚die mit dem Wind zieht‘ ‚der das Mammut jagt‘ einen Kuss auf die Nase, bevor er sich an die Spitze der Gruppe stellte. Es waren auch einige Frauen dabei, die ihre Männer zurückließen. Und so hatte sich ‚der durch die Lüfte fliegt‘ unter die männlichen Drachen gesellt, die den anderen zuwinkten.
Er wäre eigentlich gerne mitgekommen, aber die Arbeiten im Versammlungsraum des Erol Taut nahmen ihn ganz in Anspruch. Dort versuchte er, die Elektrizität des Quuanqunquum zu nutzen. Er hatte schon des Öfteren erlebt, wie ein Funke aus dem weichen Quarz geschossen kam, wenn zu stark daran gerieben wurde, und es sich dadurch stärker und sehr schnell erwärmte. Er überlegte sich, diesen Funken zu nutzen. Es musste ihm nur gelingen, ihn für länger am Glimmen zu halten. Und natürlich sollte das Glü-hen noch viel stärker sein. Er stellte sich vor, wie es ihm gelänge, einen ganzen Raum ohne Feuer zu erhellen.
Aber dazu war es noch zu früh. Er stand erst am Anfang seiner Experimente. Er schüttelte den Kopf und seufzte.
»Was ist mit dir, ‚der durch die Lüfte fliegt‘«, hörte er hinter sich eine zarte Stimme.
Es war die von ‚die mit dem Wind zieht‘. Sie war zu ihm getreten und hatte ihn wohl beobachtet. Verlegen wiegelte er ab. »Nichts Besonderes. Ich hänge nur meinen üblichen Problemen nach.«
»Ich weiß. Aber nie machst du dir damit eine Freude. Nie nimmst du dir Zeit, deinen Gedanken eine andere Richtung zu geben.« Dabei lächelte sie ihn etwas schief an, denn diese Mimik war den Drachen noch neu.
Schüchtern wollte er abwehren, da er mehr für sie fühlte, als er zugeben wollte. Sie hatte schließlich eine Familie mit ‚der das Mammut jagt‘ gegründet, so dass er sich nicht dazwischen zu mischen hatte.
»Komm, ich mach dir was zu essen.« Da ‚der das Mammut jagt‘ und sein Jagdtrupp inzwischen die Dorfgemeinschaft verlassen hatte, nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn in ihr Haus. Dort saß Bergstein, der nun ‚schnell wie der Hase‘ hieß, nachdem er seine Bestimmung im Laufen beim Jagen gefunden hatte, auf dem Boden und lernte, Schlaufen in ein Seil zu knüpfen, mit dem er Hasen fangen wollte.
»Er lernt gerade, mit dem Lasso umzugehen«, sagte ‚die mit dem Wind zieht‘ und kicherte. »Aber er ist noch lange nicht so gut wie sein Vater.«
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ setzte sich und begann allmählich, sich zu entspannen, während er ihre Bewegungen am Kochherd verfolgte. Viele der Töpfe glänzten silbrig, denn sie und ‚der das Mammut jagt‘ hatten eine Schwäche dafür. Einige seiner Waffen wiesen Bestandteile von Silber auf. Die stärksten seiner Pfeile waren aus purem Silber.
»Was machst du grad mit dem Quuanqunquum. Ich höre, du willst damit den Versammlungsraum hell werden lassen.« Etwas ungläubig schaute sie ihn an.
»Ja.« Obwohl ihm sonst die Worte schnell über die Lippen kamen, kämpfte er jetzt um eine richtige Erklärung. »Ich brauche etwas, dass die Elektrizität des Quarzes in sich speichern oder verarbeiten kann.«
»Und was soll es damit anfangen«, fragte sie interessiert und beugte sich zu ihm vor.
Ihm wurde mulmig. »In sich aufnehmen und hell werden.«
Da sie ihn nur weiterhin anschaute, versuchte er in die Stille hinein zu erklären. »Dazu bedarf es eines Kreislaufes von Metall, dass die Elektrizität zur Fackel leitet – die natürlich keine Fackel mehr ist«, unterbrach er sich, indem er zu ihr hochlächelte. »Sie ist eine Art Docht, von dem die Elektrizität dann wieder zurück zum Anfang geleitet wird.«
»Ein Docht«, wollte ‚die mit dem Wind zieht‘ gerade fragen, als sich plötzlich der Boden zu heben schien und wild hin- und her bebte.
‚Die mit dem Wind zieht‘ schrie erschrocken auf und hielt einen Flügel vor den offenen Mund. Auch ‚der durch die Lüfte fliegt‘ war wie vom Schlag getroffen erstarrt und blieb kurze Zeit sitzen, bevor er sich wieder rühren konnte.
»Was war das?«, japste ‚die mit dem Wind zieht‘.
»Keine Ahnung.« ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schaute aus dem Fenster. »Ich kann von hier nichts erkennen.« Er schaute zu ihr hin. »Sorg dich nicht. Bleib ruhig im Haus. Ich werde mich draußen umschauen.«
Vor dem Haus liefen viele Drachen herum. Einige der umliegenden Häuser waren zusammengestürzt, und eine Frau von einem niederfallenden Baum erschlagen worden.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ sah noch einmal zu ‚die mit dem Wind zieht‘ zurück, die ängstlich durch das Fenster schaute und verdeutlichte ihr mit einer Geste, im Zimmer zu bleiben.
Schnell befehligte er einer Gruppe, nach dem Ausmaß der Schäden zu sehen. Aber wie sich herausstellte, war das Dorf bis auf wenige zerstörte Hütten und Anlagen, unter denen eine Tote verschüttet aufgefunden wurde, nicht schwer betroffen.
Deshalb stellte er weitere kleine Gruppen zusammen, die nach den Arbeitern auf den Feldern, nach den Werkstätten und den Drachen, die im und auf dem Berg waren, gucken sollten. Er selbst führte sieben seiner kräftigsten Gefährten an, die aufbrachen, um nach dem Jagdtrupp zu suchen.
Überall gewahrten sie umgefallene Bäume. Auch einige Hügel waren eingestürzt. Dann sah er einen Fluss, der aus den Ufern getreten war. Seine Rinnsale suchten sich jetzt in die Savanne einen neuen Verlauf.
Allmählich erkannte er das Ausmaß der Katastrophe. Je weiter sie kamen, sahen sie Leichen von Tieren. Überall war die Erde hervorgeworfen und zu unregelmäßigen Haufen zusammengefallen. Einige Bäume hingen entwurzelt zur Seite gekippt, so dass die obersten Äste nun den Boden berührten.
Dann gewahrten sie einen dunklen Strich in der Ferne. Beim Näherkommen stellte er sich als ein tiefer Graben heraus, der sich noch ausbreitete, je weiter sie an ihm entlang gingen. Allmählich begann sich dessen Inneres mit Wasser zu füllen. Da es nicht regnete, schien es von unten zu kommen. ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ ahnte Schreckliches. Wenn es war wurde, was er befürchtete, war den Jägern kaum noch zu helfen. Denn wer den Einsturz überlebt hatte, musste nun unwillkürlich ertrinken. Es galt, sie so schnell wie möglich zu finden.
Doch sie fanden keinen Anhaltspunkt, wo sich die Jäger befunden haben mochten, noch, was mit ihnen geschehen war. Irgendwann kamen sie zum anderen Ende des Grabens, aus dem hier die zerstoßenen Bäume eines kleinen Wäldchens wie faulige Zähne aus einem riesigen Maul ragten. Überall entdeckten sie Spuren ehemaligen Lebens. Dort den halben Kadaver eines kleinen Mammuts, und woanders ragten noch die Gebeine mehrerer Antilopen heraus, die nur halb bedeckt von Sand und Steinen waren.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schaute auf zu den anderen. Seine großen Augen mit den vertikalen Pupillenschlitzen versuchten, das Ausmaß der Katastrophe zu erkennen. Aber noch wollte sein Verstand nicht begreifen, dass sie viele tapfere Männer und Frauen verloren hatten.
»Was ist zu tun?«, wurde er gefragt.
Unentschlossen wiegte er den Kopf. Wenn sie wenigstens irgendetwas finden konnten, dass sie vom Tod ihrer Gefährten überzeugen würde. Dann hatten sie zumindest die Sicherheit zu wissen, was mit ihnen passiert ist. Aber so…
Sie begannen zu graben, irgendwo und völlig unsystematisch. Doch der Grabenbruch war viel zu groß, als dass sie hier mit Zufall etwas erreichen konnten.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schüttelte den Kopf. »Lasst es sein. Wir gehen besser zurück.«
»Aber… Wenn vielleicht noch einer lebt?«
»Wo denn? Kants du etwas ausmachen? Hast du einen Anhaltspunkt?«
Keiner wusste im Grunde, wo sie noch suchen sollten. Also erhoben sie sich in die Lüfte und begannen zurückzufliegen. Bis sie an eine Stelle kamen, wo der Graben sich zu spalten schien.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ flog etwas tiefer. »Haltet mal an«, befahl er, denn da blinkte etwas, das wie Metall aussah. Er landete kurz davor. Der seitliche Bogen einer Armbrust schaute zur Hälfte aus der Erde.
»Das ist die von ‚der das Mammut jagt‘«, rief einer von ihnen. »Ich erkenne sie an der verstärkten Silberummantelung.« Und er zog die Armbrust heraus.
Jetzt begannen sie noch einmal, in einem großen Umkreis den Boden auszuheben. Dazu hatten sie eine kleine Schaufel an ihrem Gurt, die zusammenklappbar war. Aber sie sollten nichts wesentliches mehr zutage befördern. Lediglich einen zerbrochenen Pfeil fanden sie in der morastigen Erde.
»Das muss fürs erste reichen«, sagte ‚der durch die Lüfte fliegt‘. Wir werden noch einmal zurückkommen und gründlicher nachschauen. Wir wissen jetzt, dass sie hier begraben liegen.« Er erhob sich in die Luft. »Hier können wir nicht mehr helfen. Aber am Erol Taut warten sie auf uns. Da gibt es noch jede Menge zu tun!«
Als sie wieder in ihrer Kolonie ankamen, wurden sie schon sehnlichst erwartet. Einige wollten wissen, was mit ihrem Mann oder seiner Mutter geschehen war. Doch ‚der durch die Lüfte fliegt‘ hatte keine gute Kunde. Wenigstens konnte er ihnen Gewissheit verschaffen, welch tragisches Schicksal die anderen ereilt hatte.
Da zupfte es zaghaft an seinem Arm. »Sag, weißt du etwas von ‚der das Mammut jagt‘?, wurde er von ‚die mit dem Wind zieht‘ gefragt.
»Leider noch nicht. Aber wir werden zurückkehren und weitersuchen. Allerdings können wir keinen mehr retten.«
‚Die mit dem Wind zieht‘ schaute ihm fragend und hoffnungsvoll in die Augen. »Dann werde ich mitkommen, wenn es soweit ist!« ‚Wir werden alle mitkommen und suchen helfen‘, dachte er und nahm sie zärtlich in die Arme.
Für die nächsten Tage blieb er bei ihr und ihrem Sohn, damit sie nicht allein waren. Merkwürdigerweise machte es ihm nichts aus, nicht im Berg zu sein und sich mit dem Quuanqunquum zu beschäftigen. Die elektrische Fackel musste warten. Jetzt gab es eine Menge, um die er sich zu kümmern hatte. Vieles war kaputt gegangen während des Bebens. Aber vor allem gab es genug Anlass, die Toten zu beklagten.
Soviel ihm klar war, hatten die Turbulenzen im Erdinneren, die auch die Insel Gaudar Melir hervorgebracht hatten, etwas mit den Orkanen, Sturmfluten und Erbeben zu tun, die schon seit geraumer Zeit den Norden heimsuchten. Auch stellten sie anhand ihrer kleinen Magnetnadeln fest, die sie für das Aufspüren von Quarz auf der Insel einsetzen, dass diese bisweilen auf ganz Boronan verrücktspielten. Mal zeigten die Nadeln nach Süden zum Seidal, mal wieder nach Norden zum Nimdal. Es gab sogar Momente, da schlugen sie gar nicht aus und pendelten wie willenlos um ihre Befestigung herum.
Keiner von ihnen war je selbst an einem dieser Kältepole gewesen oder hatte auch nur von ihnen gehört. Dazu war es dort viel zu kalt. Und so unwirtlich, dass es keinen Sinn gemacht hätte, sich dorthin zu begeben. Lediglich einige unverzagte Schneefüchse und andere Kleinsttiere kamen manchmal in ihre Nähe, von wo sie dann sofort wieder kehrt machten. Lediglich eine Handvoll Mikroorganismen, die sich mit den verschiedensten Frostschutzmitteln im Blut oder in ihrem Organismus gegen die Kälte zu wappnen gelernt hatten, hatten dort zu leben gelernt.
Dort begannen die Zentren der Pole, die ihre magnetischen Felder über den Planeten zogen. Und hoch oben bauten sie den Schutzschirm auf, der ihn gegen die Ionenstürme von Thuban bewahrte. Sie waren unsichtbar, diese Linien, aber wer sie spüren konnte, erkannte ihre Kraft und den Wert, den sie für alle Lebewesen auf Draconar darstellten.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ wusste noch Zuwenig vom Elektromagnetismus und einer Ausrichtung der Pole. Aber hier müsste sich eine Kraft verändern, die seine Metallnadel zunächst in die eine, dann wieder in die andere Richtung zog.
In der Tat hatten sich die Pole in den letzten 10.000 Jahren begonnen, ihre Ladungen umzukehren. Das konnte alle Million Jahre einmal passieren, nur dass die Drachen bislang noch nicht über Geräte verfügten, dieses zu erkennen, geschweige denn zu messen.
So blieb ihnen in Zeiten wie diesen, die hart werden konnten und sie mit unerklärlichen Phänomenen konfrontierten, oft nur übrig, ihre Toten zu beklagen und wieder aufzubauen, was zerstört worden war.
In einer größeren Aktion, bei der sie tiefe Gruben im neuen Graben, der irgendwann zu einem See werden sollte, aushoben, fanden sie immer mehr Überreste der unglückseligen Jagd, bei der alle Beteiligten den Tod gefunden hatten. So konnten sie ihre ehemaligen Gefährten oder zumindest die von ihnen gefundenen Teile tief im Berg verbrennen und um sie trauern. Da ihnen der Tod ganz besonders verhasst war, weil sie normalerweise ein ausgesprochen langes Leben zu führen gewohnt waren, war es umso wichtiger, dass sie genug Zeit zum Klagen fanden.
In diesen Tagen, Wochen und Monaten wich ‚der durch die Lüfte fliegt‘ kaum von der Seite von ‚die mit dem Wind zieht‘. Und es dauerte nicht mehr lange, da öffneten sich ihre Augen wieder für ihre Umgebung und sie gewahrte, dass er immer noch da war, Tag um Tag. Und es kam eine Nacht, da wich er auch nicht mehr von ihrer Seite, als es Zeit war zu gehen, und er teilte die Schlafnische mit ihr.
Von nun an waren sie ein Paar, und nicht viel später gründeten sie eine Familie. ‚Die mit dem Wind zieht‘ hatte ihn bereits, ohne das es ihr selbst bewusst war, von Anfang an geliebt – noch bevor sie ‚der das Mammut jagt‘ kennen gelernt hatte. Und ein Gefühl der Vertrautheit hatte sich sogleich eingestellt, als wären sie bereits seit langem zusammen.
Dann setzten sie sich oft auf den Grat des Erol Taut, von wo sie über das ganze Land blicken konnten. Langsam legte sich die Abendsonne auf das Meer, das vor ihnen in weiter Ferne lag, und begann, hinter der Insel Gaudar Melir zu versinken. Mit ihren scharfen Augen sahen sie die kleinen Hügel, deren lange Schatten rötlich über das Wasser wanderten und in den tanzenden Wellen verschwanden. Noch ein letztes Mal sahen sie Thubans Spiegelbild sich brechen, bis es gänzlich untergegangen war. Doch nicht lange, dann sollten sie Sibilus erkennen, Draconars Bruderplanet, der am anderen Ende jenseits des Erol Andar allmählich emporkroch. Er glänzte nur blass im fahlen Dunkel, währenddessen auch zwei der drei Kleinstmonde seine Reise entlang des nächtlichen Horizonts zu begleiten begannen.
Die Bergspitze um sie herum lag mittlerweile im weichen Widerschein der Gestirne, und der kühle Schnee, der die höchsten Gipfel bedeckte, reflek-tierte es unmerklich in matten, silbrigen Farben, als ob alles nur Teil eines sanften Traumes war.
»Wie soll ich dich nennen?«, fragte ‚der durch die Lüfte fliegt‘. »Dein alter Name ist durch deine Familie mit ‚der das Mammut jagt‘ belegt.« Er lächelte sie an. »Ich hingegen eigne mich kaum als Jäger.«
»Willst du, dass ich meinen Namen ändere?«
Er zögerte. »Ich fühle, dass eine neue Zeit anbricht. Du solltest einen Namen für die Ewigkeit haben. Einen, der über den Tod hinaus geht«, fügte er leise hinzu.
Sie schaute ihn fragend an, und in ihren rötlichen Pupillen sah er einen silbernen Schein, der von weit oben kam. »Silbermond«, antwortete er und begann schüchtern zu lachen.
»Silbermond?«, wiederholte sie. Dann sah sie ihn an und legte ihre Nase an seine. Das kitzelte sie, und sie stimmte in sein Lachen ein.
Hell erklangen ihre Stimmen über die Berge. Und noch von weitem waren sie zu hören. Ein eigenartiges Geräusch für alle Lebewesen.
Denn es war das erste Mal, dass auf Draconar gelacht wurde.