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Literatur

die Sage von Draconar

die Sage von Draconar

- ein Sciencefiction von Rainer Kempas -
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Literatur
die Sage von Draconar




Die Geburt der Insel Gaudar Melir

S ie waren nun einige hundert Bewohner. ‚Der den Klee liebt‘ hielt die Verbindung zur alten Heimat aufrecht. Er war in der ersten Zeit der Vermittler zwischen der neuen Kolonie und den alten Höhlen. Und er half ihnen bei der Rekrutierung der vorwiegend jungen Mitglieder, die zum Erol Taut zogen. Außerdem war er eine große Hilfe bei der Vermittlung mit dem Ältestenrat, der zunächst noch argwöhnisch die Abspaltung beobachtete, aber im Laufe der Zeit, als er die Begeisterung, ehrlichen Motive und auch die Erfolge sah, sich zusehends mit den Abtrünnigen aussöhnte und schließlich mit milder Skepsis das Geschehen verfolgte.
Selbst die Alten hatten erkannt, dass ihre Höhlen mit der Zeit zu klein wurden, auch wenn sie sich noch nicht mit einer Umsiedelung ins Freie abfinden konnten. Die Höhlen, die Quelle ihrer Art, waren sie auf keinen Fall bereit, zu verlassen. Aber sie gewöhnten sich an den Gedanken einer zweiten Kolonie, wohl auch, weil sie den baldigen Aufschwung wahrnahmen, den diese machte.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ organisierte die Aufteilung der neuen Wohnflächen und Bergbehausungen. Bald war das Plateau oben zu klein geworden und diente nur noch den regelmäßigen Versammlungen, Feiern und andern gemeinsamen Anlässen als gemeinsame Stätte.
Die meisten fanden an den Hängen neue Höhlen beziehungsweise gruben Stollen hinein, die sich alsbald miteinander zu einem Geflecht von Gängen verbanden. Auch im Freien auf den Vorsprüngen und kleineren Plateaus rings um den Berg errichteten sie kleine Anbauten aus Stein oder Rundhütten aus den Baumstämmen, die sie in der Umgebung fällten. Diese wurden in einem Kreis in den Boden gesteckt, während ihre Spitzen zur Mitte fielen und mit Bast und Rinde zusammengebunden waren. Zu guter Letzt wurden die Pfähle mit gegerbten Tierhäuten umspannt. Diese Art von Freilichtbauten hatte sich ‚der durch die Lüfte fliegt erdacht. Sie schützten vor Wind und Wetter. Es war trocken, denn die Häute ließen, nachdem sie gegerbt und mit Zauberklee imprägniert waren, keinen Regen durch.
Ihre Felder, Gärten und Jagdreviere zogen sich um den Berg herum und dehnten sich von dort alsbald weiter aus. Nur um den toten Wald machten sie alle einen großen Bogen und mieden es, ihn zu betreten. Merkwürdiger Bodennebel durchzog ihn, und klamme Tautropfen perlten von seinem faulenden Gestämme.
Da sich auch sonst keine anderen Tiere dort aufhielten, blieb der verdorrte Wald eine Art verbotene Zone, deren Nichtbetreten die Kinder wie jedes andere Regelwerk in der Erziehung lernten.
Für sie gab es extra freigehaltene kleine Auen an den oberen Hängen, in denen sie unter Aufsicht herumtobten. Dabei entwickelten sie auch völlig neue Spiele. Beim Abwerfball gab es sogar einen Gewinner, ein Novum, da sie dabei in einem Wettstreit lagen, bei dem sie sich solange gegenseitig abwarfen, bis nur noch einer übrig blieb.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ war in diesen Tagen dabei, einem Phänomen nachzugehen, das ihn schon seit einer ganzen Weile beschäftigte. Vor einiger Zeit hatte er begonnen, einen Teil des lauwarmen Wassers der hinteren Quelle in einen kleinen Raum abzuleiten, den er aus dem Fels geschlagen hatte. Denn dort war die Wärme am größten. Das Gestein fühlte sich geradezu heiß an. Hier ließ er das klare Wasser hineinlaufen. Zunächst wollte er damit Fleisch erhitzen, um es besser zubereiten zu können und schmackhafter zu machen. Aber obwohl es hier fühlbar wärmer war, wurde das Wasser immer noch nicht heiß genug, um es zu garen. Doch er hatte gemerkt, wie wohlig er sich und auch andere dabei fühlten, wenn sie am Ende eines arbeitsreichen Tages durch das warme Wasser liefen. Zuerst waren sie nur versonnen stehen geblieben. Dann hatte sich jemand regelrecht hineingelegt. Nun diente es allen als eine Art Bad.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ fragte sich darüber hinaus, woher die Wärme stammen mochte, denn einen Vulkan gab es nicht unter dem Berg. In keinem ihrer Gänge waren sie bisher auf die Ursache der Erhitzung gestoßen. Und er gelangte langsam zur Überzeugung, dass sie nicht von unten, sondern von oben kam. Diese Frage ließ ihn nicht mehr los, und jede freie Zeit widmete er sich der Erkundung der Wärmequelle.
‚Der den Klee liebt‘ ließ sich nun öfter bei ihnen blicken und gönnte sich auch bisweilen einen Aufenthalt im warmen Wasser, ohne dass er der Versuchung widerstand, sich der Kolonie anzuschließen. Er fühlte sich am wohlsten, wenn das Leben bereits seine Bahnen gefunden hatte, die schon erprobt und akzeptiert waren.
An diesem Tag kam er und wartete mit einer Überraschung auf. ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ befand sich gerade im Baderaum, um den Spuren eines quarzhaltigen Metalls nachzugehen. Plötzlich erschien ein großer, braunfelliger Kopf mit einem Horn und schwarzer Mähne im Eingang.
»‚Der mit dunklem Haar‘«, rief ‚der durch die Lüfte fliegt‘ voller Freude aus. Und Woron schmiegte seinen mächtigen Kopf an dessen Schulter. »Wie seid ihr denn hergekommen?«
»Wir haben einen Tag gebraucht, dann noch einen und noch einen. Und dann den nächsten Morgen.«
»Dann müsst ihr ja durstig und hungrig sein.« Sofort begann ‚der durch die Lüfte fliegt‘, sich nach etwas Essbarem umzuschauen.
»Sorge dich nicht. Ich habe genug Proviant bei mir, und ‚der mit dunklem Haar‘ ist zwischendurch auf die Jagd gegangen. Er hat eine stattliche Antilope erlegt, die wir uns geteilt haben.«
‚Der den Klee liebt‘ schaute sich um. »Aber du, was machst du hier? Ein Bad nehmen?«
»Nein«, antwortete ‚der durch die Lüfte fliegt‘. »Ich suche immer noch nach der Ursache der Wärme. Und ich glaube, dass sie von Steinen wie diesem ausgehen.« Dabei hielt er den Quarz hoch, der im Licht gelb schimmerte. »Er ist ein Bruchstück und noch ganz warm. Er scheint von oben gekommen zu sein.«
»Von oben?«
»Unten in den Gängen hat bisher keiner so was entdeckt.«
»Also kommt er von den Gipfeln des Berges?«
»Nicht unbedingt.« Er hielt für einen Moment inne und überlegte. »Auch da sind wir ihm noch nie begegnet.«
»Dann befindet er sich nur hier über dem Raum?«
»Zunächst mal, ja.« Er machte erneut eine Pause. »Wir müssen dort graben.«
Woron schaute sich inzwischen die Höhle, das Plateau und am liebsten den ganzen Berg genau an. Hier hatte er endlich sein zweites Revier gefunden. Dazu brauchte er kein neues Rudel, denn er hatte die Dracos. Hier war er bei seinen Freunden und konnte sie jederzeit besuchen kommen.
Er lief auch zum Spielplatz der Kinder. Zuerst wurde er noch von den Mütter schräg betrachtet, aber dann wich die Angst, und sie ließen ihn in ihre Mitte.
Alsbald war er von allen akzeptiert. So konnte er sich auch immer öfters allein auf dem Berg umschauen. Dann strich er an den Abhängen entlang und stöberte kleine Nagetiere und Vögel auf. Doch er wusste, dass die Lebewesen hier alle in Frieden miteinander auskamen. Und so ging er nur in der Savanne, die sich weitab des Berges entlang zog, auf die Jagd.
‚Der den Klee liebt‘ saß häufig mit ‚der durch die Lüfte fliegt‘ zusammen. Auch ‚der den Daumen klopft‘ gesellte sich zu ihnen. Alle drei wie auch der Rat, dem ‚der durch die Lüfte fliegt‘ vorstand, hingen schweren Gedanken nach und debattierten oft lange miteinander, ohne dass sie Hunger oder Durst verspürten.
Immer wieder bekamen sie Besuch aus Erol Andar, aber ihnen selbst war der Zutritt dorthin verboten. Und obwohl sie am Erol Taut all ihr Glück fanden und sich prächtig entlang ihres Berges vermehrten, machte der Bann die Bewohner der neuen Kolonie traurig. ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ überlegte, was zu tun sei. Schließlich hörte er auf den Ratschlag von ‚der den Klee liebt‘.
»Ihr müsst den Ältestenrat von Erol Andar einladen, euch zu besuchen«, hatte ‚der den Klee liebt‘ vorgeschlagen.
»Er wird nicht kommen«, antwortete ‚der durch die Lüfte fliegt‘.
»Er wird nicht kommen, wenn ihr ihn nicht einladet«, erwiderte ‚der den Klee liebt‘ vehement.
»Aber warum sollte er kommen?«
»Wir müssen ihm einen Anlass geben«, warf ‚der den Daumen klopft‘ ein. »Etwas, das er unmöglich ablehnen kann.«
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ überlegte. »Ein Wettkampf vielleicht. Wenn sie keine Feiglinge sind, dann müssen sie kommen.«
»Das ist aber wie ein Zwang«, überlegte ‚der den Klee liebt‘. »Wirkt eher wie eine Kampfansage.«
‚Der den Daumen klopft‘ hob seinen rechten Flügel und hielt ihn nachdenklich über dem Kopf. »Aber nicht, wenn alles im Rahmen einer Geburt geschieht.«
Die beiden anderen schauten ihn an. Dann erhellten sich ihre Mienen. »Die Geburt eines Kindes. Das ist nicht oft und immer ein Großereignis.« ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ stimmte begeistert dem Vorschlag zu.
»Dann machen wir es so.« ‚Der den Klee liebt‘ erhob sich. »Ihr werdet das unter euch abstimmen. Ich lege es dann unserem Ältestenrat vor.« Und er fügte hinzu: »So was kann er nicht ablehnen.«
Sogleich wurden die Oberhäupter aller Familien zusammengerufen. Es waren noch nicht so viele, und sie fanden eine schnelle Antwort. ‚Die mit dem Wind zieht‘ war hochschwanger. Sie würde bald ein Kind gebären. Es wäre das erste in der neuen Kolonie. Ein wahrlich würdiger Anlass, den Rat der alten Heimat einzuladen.
‚Der den Klee liebt‘ strich derweil mit Woron über die Wiesen und jagte Antilopen und Schweine. Sie blieben noch einige Tage, doch dann fühlte Woron eine Unruhe in sich aufkommen und gedachte häufiger seiner Gefährtinnen. Und eines Tages stand er auf, und wollte sich von allen verabschieden.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ und ‚der den Daumen klopft‘ umfassten seinen Kopf, indem sie etwas über dem Boden zu flattern begannen. Liebevoll kraulten sie sein Fell zum Abschied, und ‚der den Klee liebt‘ erhob sich, um ihn zu begleiten.
»Ich werde euch würdig vertreten. Zur Geburt des Kindes von ‚Die mit dem Winde weht‘ werden viele euch besuchen kommen.« Er hielt kurz inne, bevor er fortfuhr: »Und auch der Ältestenrat wird dabei sein!«
Doch Woron blieb stehen und fing an zu brummen. Er fragte sich, was ‚der den Klee liebt‘ noch bei ihm wolle. Er konnte doch schon vorausfliegen. Jedes Mal, wenn der andere sich zu ihm niederließ, um ihn auf seinen dünnen Vogelfüßen zu begleiten, hieb er mit der Pranke nach ihm.
»Willst du nicht, dass ich dich begleite?«
Woron fauchte als Antwort. ‚Der den Klee liebt‘ mochte noch bleiben, wenn er wollte.
»Aber ich werde dich beschützen. Denn ich will nicht, dass dir etwas passiert.« Und auf das erneute Grummeln des Löwen ergänzte er: »Nein, ich habe dich hergebracht und werde dich auch wieder sicher zurückbringen!«
Woron sah ein, dass er sich darauf einlassen musste. Aber so war ihm wenigstens nicht langweilig, wenn es darum ging, hinter Steppenhasen um die Wette zu laufen oder ein braungelbes Zebra zu verfolgen.
So verstrichen die Tage. Die Blätter begannen, ihre Farbe zu verlieren. Der Herbst kam, und die Geburt des Kindes von ‚die mit dem Wind zieht‘ stand bevor. Jetzt konnte sich der Ältestenrat nicht mehr drücken. ‚Der das Haar weiß hat‘ gab nach vielerlei kleinlichen Bedenken Anweisungen zum Aufbruch. Er war mit 55.000 Jahren einer der Ältesten Dracos. Die Haarfarbe, die ihm seinen Namen verlieh, hatte er allerdings schon seit seiner Kindheit.
Würdevoll zog das Gremium der 10 Vorstände aller Familien des Erol Andar auf den Berg, von wo sie sich segelnd hinabließen. Am Abend waren sie am Erol Taut angekommen, erschöpft und hungrig, denn sie waren schließlich nicht mehr die Jüngsten.
Viele aus den Familien, auch Kinder, begleiteten sie. Am Hang des hohen Berges wartete schon ‚der durch die Lüfte fliegt‘ mit einer kleinen Eskorte auf sie. Stolz zeigte er ihnen die Wiese, auf der sie jagten, bevor sie gemeinsam zu Fuß den Aufstieg begannen.
Vorbei ging es am Spielplatz, wo einige Kinder unter Aufsicht ihrer Mütter herumtobten. Sie spielten gerade mit einer wassergefüllten Gummifrucht, die an kleinen, großblättrigen Gummibäumen wuchs. Die mitgekommenen Kinder wollten sofort mitspielen, so dass die Erwachsenen allein weiterzogen und sich den Höhlen und Freilichtbauten näherten. Als die Ältesten die Baumzelte sahen, mit Fellen bedeckt und geschützt vor jeder Witterung, erstaunten sie nicht das erste Mal. Beinahe ehrfurchtsvoll betasteten sie die Schutzhäute.
»Kommt da kein Regen durch?«, fragte einer von ihnen.
»Sie sind vollkommen dicht«, antwortete ‚der den Daumen klopft‘ stolz. »Und riechen sie nicht, wenn sie nass sind?«, kam die nächste Frage.
»Nein. Wir schmieren sie mit Zauberklee ein.«
»Zauberklee?« hallte es als vielfaches Echo zurück.
»Das ist eine Pflanze oben am Waldrand, wo der Fels beginnt«, antwortete ‚Der durch die Lüfte fliegt‘. Sie lässt kein Wasser durch.
Die Ältesten nickten, und ‚der das Haar weiß hat‘ wurde bewusst, wie schnell sich diese Kolonie entwickelt hatte, seitdem sie aus Erol Andar weggezogen waren. Es gab so viele Neuheiten, gar Erfindungen, die diese zweite Heimat verschönten und ihnen das Leben leichter machten, die sie auch untereinander noch fester zusammenschweißten, dass er begann, den alten Kopf zu wiegen und brummend weiter nach oben zu steigen.
In der großen Versammlungshöhle angekommen, setzte er sich erschöpft auf eine Steinbank an eine Tischplatte aus Schiefer und trank gierig das Wasser, das ihm gereicht wurde.
»Willst du deine müden Glieder erfrischen?«, fragte ihn daraufhin ‚der den Klee liebt‘.
»Warum nicht? Doch wie?«
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ ging zu einer geschlossenen Kammer. Als er die hölzerne Pforte öffnete, kam ‚der das Haar weiß hat‘ ein Schwall warmer Luft entgegen.
»Was ist das?«, fragte er.
»Warmes Wasser. Geh rein und erfrischt dich.«
Neugierig tapste ‚der das Haar weiß hat‘ in die Kammer und sah ein Bassin voller Wasser, aus dem ihm kochender Dampf entgegenwehte.
Als er sich hineinsetzte, war nur ein leises Stöhnen zu hören, und alle grinsten, wussten sie doch, dass ‚der das Haar weiß hat‘ etwas gefunden hatte, um die Schmerzen seiner Gelenke zu mildern.
Dann erschien ‚die mit dem Wind zieht‘, und ein Raunen ging durch den Raum. Auf ihren Armen, eingebettet in den Flügel, hielt sie das Baby. Es hatte die Augen geschlossen, schlief ganz ruhig. Manchmal gluckste es, wenn es träumte oder den Kopf drehte. Jeder wollte es sehen, denn die Geburt war nach wie vor eine Sensation und von kaum einem anderen Ereignis zu übertreffen.
Am nächsten Tag wurde das Fest vorbereitet. Dabei sollte das Kind einen Kurznamen erhalten. ‚Die mit dem Wind zieht‘ legte es auf eine weiche Decke aus der Wolle des Dromedarions. Dann stand ‚der durch die Lüfte fliegt‘ auf und hob es an Vatersstatt an seine Brust. »Ich als der Clanchef gebe dir immer ein Heim. Und deine Mutter wird dich ernähren, bis du allein essen kannst. Dann bleibt sie dir immer eine gute Gefährtin. Auf dem Kinderplatz wirst du spielen und lernen. Und am Berg Erol Taut deiner Arbeit nachgehen. Wenn du ein Leid hast, beschützt dich dein Clan. Und wenn es einen Streit gibt, richtet er gerecht und weise.«
Dann übergab er das Kind ‚der das Mammut jagt‘, seinem eigentlichen Vater. Er war sehr mutig und bekannt für seine erfolgreichen Beutezüge. Dieser nahm das Kleine mit den Worten: »‚Die mit dem Wind zieht‘ und ich nennen es Bergstein, solange es noch keinen Namen trägt, den ihm seine Bestimmung auferlegen wird.« Dann reichte er Bergstein an ‚die mit dem Wind zieht‘ weiter.
Die Dracos besaßen, wenn überhaupt, ein Matriarchat. War der Vater bekannt und erwünscht, dann konnte er durchaus an der Erziehung und dem Leben seines Kindes teilhaben. In diesem Fall wohnte die neu gegründete Familie in einer eigenen Höhle oder einem Baumzelt. Denn nur ein Paar mit einem oder mehreren Kindern erhielt einen eigenen Wohnraum. Ansonsten lebten die einzelnen Dracos in Gemeinschaftszimmern oder jeder auch für sich draußen in der Natur, wo er sich einen Unterstand oder einen Freilichtbau einrichten konnte.
»Wo wohnt ihr jetzt?«, fragte ‚der den Daumen klopft‘ neugierig.
»Wir bauen uns ein Baumzelt am Hang, wo sich die Steppe zur Jagd erstreckt«, sagte ‚der das Mammut jagt‘ stolz.
»Und wenn ihr uns besucht, findet sich immer eine Hasenkeule oder der Riss einer Antilope für euch«, ergänzte ‚die mit dem Wind zieht‘.
Dann begaben sich alle nach draußen, wo schon etliche Braten in Kuhlen mit heißen Steinen schmorten. Auch der Ältestenrat der Höhle am Andar trat heraus.
»Ein würdiges Mahl zu einer Geburt«, sprach ‚der das Haar weiß hat‘ beim Anblick all der Feuer. »Aber wo habt ihr all die Flammen? Ich habe hier noch keinen offenen Vulkan gesehen.«
»Wir haben die Flamme in einem speziellen Raum gebändigt. Er ist gleich hier oben in der Nähe der Versammlungshöhle. Dort lodert ununterbrochen ein Feuer, das eigens von einem unserer Wächter genährt und unterhalten wird.« In der Tat wurde jeden Tag einer anderer Drache dafür auserkoren, in einer kleinen Nische, die voller kleiner Zweige und groben Holzes zum Nachlegen war, die ständig brennende Flamme zu unterhalten. Hier war es windstill und trocken, so dass es ein Leichten war, dieser Aufgabe, die dem ganzen Stamm diente, nachzugehen.
»Ein eigener Raum, um Feuer zu züchten?« ‚Der das Haar weiß hat‘ kam aus der Verwunderung nicht mehr heraus, seitdem er hier war. Er dachte an die Kinderplätze, die Freilichtbauten und nicht zuletzt den Wärmeraum mit dem heißen Wasser, das seinen Gelenke die Schmerzen nahm. Er musste zugeben, er begann, die Drachen der zweiten Höhle zu bewundern. Sie besaßen etwas, das ihm fehlte: den Drang nach Neuem. Und sie verbesserten ihre Welt. Auch wenn es ihm schwerfiel, das zuzugeben. Der Erol Taut bot bald mehr und einer größeren Anzahl Drachen Platz, als er es selbst hätte vermocht: Eine Zukunft, in der ihnen nicht Bange zu werden brauchte. Hier erkannte er das erste Mal die Vision einer Welt außerhalb der Höhlen. Und er war dermaßen erfreut davon, dass er beschloss, den Bann, der der Kolonie verbot, ihre alte Heimat zu besuchen, aufzuheben.
Unter lauten Rufen und Feiern wurde diese Nachricht aufgenommen. ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ wurde gratuliert, und ‚der das Haar weiß hat‘ gab ihm die Flügelhand als Anbeginn einer neuen Epoche. Denn alle wurde klar, dass sie einen schicksalhaften Moment erlebten.
Dann wurden Einladungen ausgetauscht, und viele Familien kündigten an, auch am neuen Berg zu siedeln. Und mit Abflug der Mitglieder der ersten Höhle wurden die Mitglieder der zweiten Höhle von ihnen als Partnerclan anerkannt. Einvernehmlich wurde dabei auf die gleichberechtigte und autarke Position der Erol Taut-Kolonie hingewiesen.
Sogleich fand eine Sitzung der Drachen vom Erol Taut statt. Dort befanden sie, dass sie bald zu viele Familien sein würden, um alle deren Oberhäupter in der Versammlungshöhle unterbringen zu können. Deshalb sollte auch ein Ältestenrat eingerichtet werden. Und es sollte einer der hiesigen Clanchefs sein. Einstimmig wurde ‚der durch die Lüfte fliegt‘ gewählt. Ein großer Vorzug für ihn, denn er war noch jung und hatte keine eigene Familie. Aber er war – so fanden alle übereinstimmend – der Beste für diesen Posten.
»Neben dem Eingliedern der Neuen, die bald kommen werden, möchte ich als erstes eine spezielle Gruppe bilden. Sie besteht aus fünf Leuten – Weibchen und Männchen, die mit mir dieses quarzhaltiges Metall suchen werden, dass alles wärmt.« Er schaute sich um. »Ich glaube, dass wir es noch dringend brauchen können, sollten einmal kältere Tage anbrechen. Und dann etwas zu haben, das von sich aus Wärme spendet, kann sich als vorteilhaft erweisen.«
»Weißt du inzwischen, wo wir es finden?«, fragte Jemand dazwischen.
»Nein. Nur so viel: Es befindet sich höchstwahrscheinlich im Fels über uns.«
»Und wie wollen wir es entdecken?«
»Gute Frage«, sagte ‚der durch die Lüfte fliegt‘. Wir können uns mit unseren Meißeln durchschlagen. Aber das dauert sehr lange und kann die Decke zum Einsturz bringen. Oder«, überlegte er, »wir finden die Quelle von oben aus.«
»Aber wenn sie nicht gradlinig verläuft und Bögen und Zickzacks macht. Dann kommt sie vielleicht ganz woanders raus.«
»Richtig. Dann müssen wir eben ein größeres Areal absuchen.« Und, als ein längeres Raunen aufkommen wollte, ergänzte er: »Ich habe mir aber was ausgedacht, um schneller ans Ziel zu gelangen.«
‚Der den Daumen klopft‘ beugte sich neugierig vor. »Womit kommst du schneller ans Ziel?«
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ hielt etwas in seiner Hand. Es war das Stück Quarz, das er im hinteren Teil der Höhle gefunden hatte. Er hob es hoch. »Ich habe festgestellt, dass dieses Teil einen Zauber in sich trägt, der anderes Metall an sich zieht.« Und er nahm die Spitze eines Speeres, die aus Eisen geformt war und hielt sie an den braunen Stein. Mit einem hellen Plonk schnellte die Eisenspitze ihm aus der Hand, flog auf das braune Metall zu und schien wie festgeklebt daran zu sein. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Spitze wieder zu lösen.
»Es zeigt keine Veränderung. Oder eine Verschmelzung. Aber es hat sich mit der Speerspitze vereint.«
»Wie ist das möglich?«, wurde er von allen Seiten gefragt.
»Keine Ahnung. Aber damit spüren wir das Wärmemetall auf!«
Immer noch konnten ihm nicht alle gedanklich folgen.
»Wir werden mit kleinen Eisenteilen in den Gänge über die Wände streichen. Da, wo sie anhaften, sind wir dicht vor dem Wärmemetall. Vielleicht nur eine Armlänge davon entfernt.«
Schnell hatte sich die Fünfer-Gruppe gebildet. Zunächst gingen sie ins sogenannte Bad, wo das Wasser warm wurde. Hier, so dachten sie sich, musste es doch irgendwo liegen. Aber die Eisenteilchen, die sie mit sich führten, blieben nirgendwo haften und fielen sämtlichst zu Boden.
‚Der den Daumen klopft‘ war auch zugegen und zeigte nach oben. »Über uns weiß ich eine Vorratskammer. Ich geh da mal rein.«
Doch auch das Bestreichen der dortigen Wände brachte nichts. Schließlich stöberte ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ in der hintersten Ecke des Versammlungssaales herum, wo er den Klumpen Quarz dereinst gefunden hatte. Da ging plötzlich en leichtes Vibrieren durch die kleine Eisenplatte in seiner Hand. Es war kaum merklich, und er wollte schon weitergehen, als sie sich erneut zwischen seinen Krallen bewegte. Nur indem er sie schnell mit dem Langfinger umschloss, hinderte er sie daran, herunterzufallen.
Er hielt das Plättchen an die Decke. Und wahrlich, es blieb haften! »Schnell, ihr müsst kommen!«, rief er. Stolz zeigte er ihnen das Eisen, das ohne sichtlichen Grund dort haftete.
‚Der den Daumen klopft‘ und ein anderer untersuchten die Stelle. Aber sie fanden nichts Besonderes. »Hier hinter ist nichts«, sagte er.
»Lasst uns ein kleines Loch hineinschlagen. Aber aufgepasst, es darf nichts kaputt gehen. Auch nicht dahinter, was immer auch da ist.«
Mit einem Meißel und einem Eisenhammer schlugen sie vorsichtig die äußere Oberfläche der Decke auf. Und es brauchte nicht lange, da rann etwas Gelbes dickflüssig heraus und sickerte nach unten.
»Das ist es!«, jubilierte ‚der durch die Lüfte fliegt‘. »Wir haben es gefunden!«
Alle scharrten sich um das gelblich braune Rinnsal, rochen daran, nahmen eine Fingerkuppe davon in die Hand und untersuchten es.
»Es ist in der Tat sehr dickflüssig. Und ziemlich warm. Aber nicht so heiß, als dass es etwas zum Kochen bringen könnte.« ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ sinnierte. »Und merkwürdig ist auch, dass es sich weiter weg vom Bad befindet, aber dort seinen stärksten Einfluss ausübt.«
»In der Tat eine merkwürdige Substanz«, sagte ‚der den Daumen klopft‘.
»Es hat Eigenschaften, die kaum zu begreifen sind. Vielleicht niemals.« ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ überlegte. »Dann lasst uns zunächst die Hauptader suchen. Denn sie führt uns nach oben.«
Aber wie sollten sie die Hauptader verfolgen. Sie musste sich quer durch den ganzen Felsen ziehen. »Wahrscheinlich braucht es sehr lange, bis wir es geschafft haben. Aber wir müssen uns mit ihr durch den Erol Taut bohren.« ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ hatte entschieden. Für diese Aufgabe benötigte er jedoch wesentlich mehr Leute, denn der Berg war hoch, und keiner wusste, auf welchen Wegen sich das Quarz durch ihn hindurch zog.
Auch einige Frauen waren unter den Arbeitern, die nun daran gingen, einen Stollen freizulegen und den Schutt hinaus zu transportieren. ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ fragte sich, ob dieser Aufwand, den sie betrieben, gerechtfertigt war. Das Metall war wärmeausstrahlend, obwohl ihm noch nicht ganz klar war, wieso es außerhalb der Mauern seine Hitze etwas einbüßte. Wahrscheinlich lag es an der kühleren Luft. Es schien sofort und empfindlich auf jedweden Einfluss zu reagieren. Auch diese magnetische Wirkung, wie er sie jetzt zu nennen begann, war ihm unbegreiflich. Und da war noch etwas: nach einer Weile des Experimentierens erkannten sie, dass es ihnen einen kleinen Schlag versetzt, wenn sie zuvor daran gerieben hatten. Es tat nicht weh, aber berührte sie doch wie elektrisiert.
»Ein merkwürdiges Wort, dass mir aber gefällt«, sagte ‚der durch die Lüfte fliegt‘ leise zu ‚der den Daumen klopft‘. »Hast du je von Elektrizität gehört?«
»Nein«, war dessen Antwort.
»Natürlich nicht. Das habe ich mir auch gerade ausgedacht. Es ist das, was dieses Quarz kann. Es ist elektrisch.«
»Aber warum musst du dir dann ein so schwieriges Wort ausdenken?«
»Weil es ein so kompliziertes Metall ist. Deshalb finde ich Elektrizität wahrhaft angemessen.«
»Aber kaum einer wird es aussprechen können.«
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schaute ‚der den Daumen klopft‘ an. »Dann lernt ihr es. Denn wer dessen Funktionsweise verstehen will, muss einen Verstand haben, um auch schwierige Wörter auszusprechen.« Er hielt inne. »Los, ‚der den Daumen klopft‘, sag es einmal.«
Doch dieser wollte nicht so richtig.
»Zeig, dass du nicht dumm bist!«
»Ich versuch es ja.« Doch er zögerte. »Ektrilizi… Ekelitriz… Nein, Elek… trizi… tät. Elektrizität! Ja, ich hab’s.«
Und ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schlug ‚der den Daumen klopft‘ auf die Schulter. »Bravo, du kannst es!«
Stolz erhob sich ‚der den Daumen klopft‘. Auch die anderen, die in der Nähe standen, versuchten nun, die neue Bezeichnung für das magische Metall auszusprechen.
»Wenn ihr das könnt, dann seid ihr auch bereit, es zu finden!« Und später dann mit ihm zu arbeiten und vielleicht auch seine Eigenschaften zu nutzen. Wer weiß, wozu? ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ hatte nur eine ungefähre Ahnung, dass dieses Metall noch sehr wertvoll für sie sein könnte. Und er dachte bei sich, wenn sie es schafften, es wirklich zu verstehen und zu nutzen, dass sie dann ein Stück Natur in den Händen hielten, das sie dazu befähigen konnte, die Natur selbst zu erschaffen.
Es waren nur vage Impulse, weniger Gedanken, die ihn bisweilen durchströmten und in mystischen Bildern von einer Welt erzählten, die völlig anders aussehen würde als die, die hier am Berg existierte. Darin verschwamm der Erol Taut zu einer Masse kleiner Berge, die sich mit einem Male erhoben und in den Horizont hinausflogen. Und von da weiter zu den Sternen, die sie aufnahmen und ihnen eine neue Heimstatt gaben.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schüttelte sich. Mittlerweile war der Winter mit dem Sarum vorbei, und der Frühling stellte sich ein. Die ersten Pflanzen streckten sich durch den Boden und öffneten ihre Blüten. Überall begann es, angenehm zu duften. Auch das Gras der Wiesen und Steppen ergrünte wieder. Und gar zahlreich war nun die Beute, die sie machten.
Die Kolonie war inzwischen zu einer mächtigen Kette von Freibauten angewachsen, die sich um den Berg Erol Taut zog. Es gab nun 3 Kinderplätze und verschiedene Höhlen, in denen die Leute ihrem Handwerk nachgingen. Vor allem Schmiede wurden gebraucht, um das Eisen zu bearbeiten, das in den noch kleinen Bergwerksstollen zutage gefördert wurde. Die meisten hielten sich am Fuße des Erol Taut auf, denn sie arbeiteten mit heißen Öfen, in denen das Metall zum Schmelzen gebracht wurde, bevor sie es zu Messern und Äxten, aber auch Sensen und Eggen bearbeiteten.
Zimmermänner bauten nun größere Baumzelte, die alsbald mit behauenen Steinen verstärkt und Häuser genannt wurden. Diese Steinmetze fertigten auch Mauerwälle als Schutz der Kinderplätze vor gefährlichen Tieren an. Und feste Wasserrinnen, die die Bäche an den Häusern vorbeifließen ließen. Es gab eine Vielfalt an neuen Tätigkeiten, und tagein tagaus ertönte das Gehämmer, Gemeißel und Gesäge der Männer und Frauen, um die Kolonie zu festigen und zu vergrößern. Aus den Hausreihen der unteren Hänge wurden kleine Dörfer, die sich bis zu den Jagdwiesen hinzogen. Und manchmal nahmen die Jäger ihre Frauen und Kinder auf tagelange Märsche durch die Savanne mit, wo sie ihnen die Jagd beibrachten und ihnen beim Häuten und Ausnehmen der Tiere geholfen wurde. Auch wurden immer fernere Gegenden erkundetet, so dass weitere Winter ins Land kamen und gingen.
Doch in all dieser Zeit hatte ‚der durch die Lüfte fliegt‘ nicht das Metall vergessen, dessen Elektrizität ihm Wärme und vieles mehr bescheren konnte. Und auch die Träume waren noch gegenwärtig und schwirrten in seinem Kopf, auch wenn sie unerhört blieben.
Eines Morgens, es war schon Anfang Sommer, konnten sie bereits von außen das Hämmern und Klöppeln der Arbeiter hören, die den Stollen fast bis an die Bergspitze getrieben hatten. Immer entlang des Metalls. Es fehlte nicht mehr viel, und sie konnten die Oberfläche durchstoßen. Doch noch immer wussten sie nicht, wo sich das quarzhaltige Metall ins Freie ergoss.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ stieg den Berg hinauf in ein Seitental, von dem er besonders deutlich das Schlagen und Brechen der Arbeiter zu hören glaubte. Über einer Bodensenke wucherte ein riesiges Gestrüpp mit Dornen und klebrigen Früchten, das ihm nicht zu durchdringen schien. Deshalb schwang er eine langstielige Axt, mehr schon einer Machete ähnlich, und schnitt die Pflanzen Halm für Halm ab, bis er zu einer Stelle kam, an dem die Sonne durch eine Öffnung der umgebenden Felsen schien und einen Platz freigab, an dem selbst die Büsche nicht wuchsen. Es war nur eine kleine Lichtung von wenigen Metern. Aber in ihrem Inneren gewahrte er eine braune Masse, die den ganzen Boden bedeckte.
Sofort stürzte er sich durch die restlichen Zweige und kniete sich überglücklich nieder. Er roch beinahe das weiche Metall, das sich vor ihm ausbreitete und hier anscheinend im Erdreich versickerte. Aber er fühlte auch ein leises Vibrieren der Luft, beinahe eine Zirkulation, die kreisförmig nach oben stieg, und die beinahe seinen rechten Flügel versengte, als er mit ihm hineingeriet. Doch es war nicht die Hitze der Sonne, die ihn schmerzhaft das Gesicht verziehen ließ. Es waren wie tausende von Schlägen, die die Nervenenden seiner Haut wie bei einem Blitzschlag elektrisierten. Und voller Schrecken und Pein zog er die Flughaut schützend an den Körper.
Er hatte sie gefunden, die Quelle, die hier wie eine große Wunde offen zutage lag und ihr gelblich-braunes Fleisch von der Sonne aufheizen ließ. »Quuanqunquum», flüsterte er ehrfurchtsvoll. »Von hier leitest du die Wärme der Sonne zu uns ins Tal. Und hier lädst du dich voll mit dem, was ich Elektrizität nenne, was aber die Kraft der Sonne ist. Denn ihr Schein, ihr gelbes Antlitz ist das, was ich hier vor mir habe. Und deren Finger sich zu uns durch den Berg schlängeln.«
Voller Freude lief er zum nächsten Eingang, dessen Stollen durch den Berg hinunter zum Versammlungsraum führte. »Ich habe den Ursprung des Quuanqunquum gefunden!«, rief er schon von weitem.
»Des was?«
»Quuanqunquum. So heißt jetzt das neue Metall.« Und er begann zu erzählen.
Die Arbeiten wurden unterbrochen. Jeder wollte die Quelle des Quarzes sehen, der nun Quuanqunquum hieß. Doch war es wirklich schon die Quelle, die ‚der durch die Lüfte fliegt‘ gefunden hat?
‚Der den Daumen klopft‘ wagte seine Zweifel zu äußern. »Du hast doch nur eine Möglichkeit gesehen, an der sie in den Boden dringt. Aber kann es davon nicht noch viel größere Ansammlungen geben? Da, wo sie wirklich herstammt?« Er überlegte. »Das muss ja gar nicht hier bei uns auf Draconar sein.« Und er blickte zu den Sternen.
»Dann lasst uns weitergraben, bis wir zumindest den Anfang dieses Metallflusses gefunden haben. Irgendwo da oben.«
Also gingen sie wieder an die Arbeit. Viele interessierte Dracos halfen mit, den Stollen entlang des Metallflusses nach oben zu graben. Und alsbald war der Durchbruch gelungen. Doch längst schon wussten sie, dass es dort war, wo ‚der durch die Lüfte fliegt‘ die Quelle vermutet hatte: in einem Seitental des Erol Taut.
Die Nachricht über die Entdeckung des vermutlichen Ursprungs des gelben Metalls verbreitete sich rasch. Und viele Drachen versammelten sich dort. Teils kamen sie von außen, teils aus dem Inneren des Berges. Aber alle waren froh und aufgeregt und wollten es sich anschauen: Das Quuanqunquum, das die Energie der Sonne war.
Allmählich wurde es dunkel und die Dracos, die sich jetzt selbst immer öfter in der Kolonie die Drachen nannten, stiegen den Berg wieder hinab, um sich zur Ruhe zu begeben. Einige von ihnen flogen noch eine Runde um den Berg, um zu sehen, dass alles in Ordnung war. Andere breiteten ihre Flughäute aus, um sich in den letzten Strahlen der Sonne zu wärmen.
Mit einem Mal erschien entfernt am nördlichen Horizont ein Glühen, und wie von Geisterhand wurde die Gischt des Ozeans aufgeworfen. Von weitem sah es so aus, als ob etwas Großes ins Wasser gefallen und die hohen Spritzer und Wellenkämme verursacht hatte. Doch die Wirbel kamen von unten und trieben etwas herauf, das wie ein riesiges Seeungeheuer anmutete. Glimmende Asche schoss hervor, gefolgt von flammendem Magma und gleißendem Gestein, das zurückfiel und zischend erkaltete.
Immer wieder durchstießen Steine und Rauchschwaden die brennenden Wogen des Meeres, bis mit einem Donnern, der bis nach Dransall schallte, der Meeresboden sich nach oben kehrte und hervorbrach.
Selbst in den Höhlen des Erol Taut war es zu hören und ließ die Wände der Felsen erbeben. Doch das größte und wohl auch gruseligste Schauspiel erhielten die, die noch auf der Kuppe des Berges geblieben waren. Denn der Horizont wurde plötzlich ausgeleuchtet von einem rosigen Schein unwirklicher Farben, die sich veränderten und in gelbe und blaue Schatten übergingen, die das gesamte Meer überzogen und es in eine eigenartig düstere Bühne verzauberten.
In ihrer Mitte erschien eine grellrote Fontäne, gefolgt von weißer Gischt und dichtem, dunklem Ascheregen. Dieser wurde über das Land geweht und rieselte als schwarzer Schnee auf die Savannen hernieder.
Selbst auf dem Erol Taut war er zu sehen und versengte den dort Harrenden die Haut. Doch sie hatten genug mitbekommen und wichen in die schützenden Gänge des Berges zurück.
‚Der den Daumen klopft‘ war einer der Letzten von ihnen. »Glaubst du, das hat etwas mit unserem Quuanqunquum zu tun?«, fragte ‚der durch die Lüfte fliegt‘.
Dieser schüttelte den Kopf. »Wir sollten diesen Ausbruch veranlasst haben? Völlig unmöglich!« Was hatte das eine mit dem anderen zu tun?
»Wir haben doch nur den Stollen gebaut, der das Quuanqunquum freigelegt hat.«
»Stimmt! Und der Ausbruch ist vor der Küste von Boronan. Im Ozean. Während wir hier auf dem höchsten Berg sind. Weit über dem Meeresspiegel.« Er schüttelte noch einmal den Kopf. Aber auch, weil selbst für ihn letzte Zweifel blieben.
Doch was blieb, war, dass die Insel Gaudar Melir geboren wurde. Sie war ein aktiver Unterwasservulkan, der schon seit mehreren hundert Jahren im-mer wieder leicht die Wasseroberfläche durchstoßen hatte. Aber der kräftige Seegang hatte sie immer wieder verschwinden lassen. Sie war direkt mit dem glühenden Erdinneren verbunden. Ihre Lava stieg aus über 60 Kilo-metern hinauf und floss schon seit Jahren ohne Unterbrechung. Zu ihren Füßen bewegte sie sich sehr langsam und ließ ihre zerstörerische Kräfte kaum erahnen. Aber nichts konnte die glühend heiße Masse überleben. Doch während die Oberfläche unter Wasser allmählich abkühlte, floss das Magma darunter weiter. Unaufhaltsam rückte es weiter vor und wechselte dabei immer wieder seine Richtung. Die Ströme aus geschmolzenem Gestein stürzten über die zerfurchten Klippen des ozeanischen Beckens. Hier tobte unbemerkt von den Drachen ein Kampf zwischen den Elementen. Ein Großteil der Magma wurde nach Austritt aus dem immer höher wachsenden Krater in die Tiefe geissen, bevor es erstarren konnte. So trat die Insel allmählich aus dem Wasser. Mehr als 1000° C hatte die Lava, wenn sie sich darin ergoss. Doch kalte Strömungen aus der Tiefe ließen sie so schnell abkühlen, dass explosionsartig und unter lauten Knallen Dampf freigesetzt wurde.
Mit den Jahren wuchs Gaudar Melir bis dicht über die Wasseroberfläche und breitete sich dort aus. Immer wieder gab es Ausbrüche, deren Auswurf auch über Boronan niederging. Dann setzte Panik unter den Lebewesen ein, und sie wandten sich stets mit Grausen ab.
Im 15. Jahr nach seinem Durchbruch an die Oberfläche begann sich der Meeresspiegel plötzlich dicht neben der neu geschaffenen Insel erneut zu kräuseln, und in seinem Zentrum hob sich ein Ring aus kleinen Fontänen, deren Ränder in weißem Schaum ausuferten. Dann traten riesige Blasen hervor, die übelriechende Gase ausstießen. Das aufgewühlte Meer begann, Gischt und Schaum auszustoßen, und mit ihm schaute endgültig das Innere der Erde hervor.
Zuerst hob sich die Wasseroberfläche leicht an, um gleich darauf wieder zusammenzufallen. Doch sofort kam von unten unter hohem Druck eine weitere Blase zutage, nur diesmal viel größer als die erste. Sie trat über die Oberfläche und verätzte die Luft mit ihren schwefligen Gasen. Ihr folgte sogleich dunkler Schlamm, der aus einer Tiefe unterhalb des Meeresgrundes, dort wo der Schlot die Erdkruste durchstieß, nach oben befördert war. Als er über dem Wasser zusammenbrach und sich dort ausbreitete, hinterließ er eine schwarze Kruste aus obsidianischem Basalt. Mit der Zeit glättete sich die Meeresoberfläche und helle Gischt reinigte das Wasser, das seine blaue Farbe zurückgewann.
Diesmal aber war eine steinerne Krone geblieben, die aus dem Meer herausragte. Das Innere ihres zerklüfteten Felsen bestand aus dunklem Granit, und die Oberfläche wies Strukturen aus Schiefer und Kalk auf. Immer wieder zerbarst dieses äußere Gestein, weil von unten unter extremem Druck neuer Fels nachgeschoben wurde.
In den nächsten Wochen wiederholte sich dieser Vorgang, so dass die Luft im Verlauf eines Tages an Gestank und gasigen Ausdünstungen zunahm, und immer mehr kotige, schwarze Exkremente tiefer Schichten des Erdmantels zu Tage gefördert wurden.
Bisweilen schoss die Gischt kilometerweit hoch und vernebelte ganze Landstriche, die in ihrer Nähe waren. Auch wirbelten Schlammbrocken und loses Gestein durch die Lüfte, teilweise gefolgt von kometenhaften Schweifen aus Nässe und verflüssigtem Methaneis.
Inzwischen hatte die Meeresoberfläche an einigen Stellen eine giftgrüne Farbe gewonnen, die sich aus dem Aufeinandertreffen von Schwefelgas, Sauerstoff und Wasserdampf gebildet hatte. Inmitten dieser grünen Flüssigkeit war immer wieder grauweißer Schaum zu sehen, der sich aus einer nach oben steigenden Blase zusammenballte und beim Erreichen der Oberfläche wie ein breiter Reifen auseinanderplatzte, in seinem Zentrum ein dunkles Loch aus saurem Wasser freilassend. Mit donnerndem Getöse fiel dann dieses schaumige Gebilde zurück ins Meer und begrub seine gashaltige Krone in tausenden Blasen.
Auch aus nahegelegenen, kleineren Unterwasserplumes kam heiße Magma nach oben geschossen und vermengte sich mit denen des neuen Schlotes und der schon bestehenden Insel. So wirbelte und brodelte das Wasser wie auf einer der Sonne ausgesetzten Steinplatte herum, mit den Schlammmassen und Gasen tanzend, und schob überall Sedimente und Gestein nach oben, während das Innere des Planeten auseinander quoll.
Diese riesige Masse an Magma, die sich allmählich miteinander verband und eine einzige, große Insel formte, hatte mit der Zeit fruchtbares Land erschaffen und die Voraussetzung für neues Leben gebildet.
Auf dem nördlichen Festland traten plötzlich aus den Kratern alter Vulkane weiße Rauchwolken, die sich hoch über die Berge erhoben und zu allen Seiten ausbreiteten, dass sie beinahe die ganze Erdkugel Draconars umrundeten. Langsam bildeten sich immer neue Wolken aus dem Inneren der vergangenen Schlote und überzogen das Land. Dann folgte die Lava. So intensiv, dass sie Seen aus rotglühendem, orangenem Magma bildete und alle Talsenken zum Überlaufen brachte. Alsbald ergossen sich Schneisen von Flüssen in die flacheren Ebenen und überzogen das Land mit Flammen und glühenden Zungen. Irgendwann kühlten sich diese brennenden Ströme ab, und ihre Lava wurde dunkel, schwarz und zähflüssig, bis alles zum Erliegen kam. Doch sobald ein Lavafluss still stand, wurde er von einem anderen, noch viel mächtigeren eingeholt, der sich dann über ihn stülpte und sein Bett zu einem neuen Meeresarm verbreiterte. Zäh floss die Schlacke immer weiter, trieb Gestein gewordene Lava hinab, bis auch sie langsamer wurde und irgendwann stillstand. Aber hin und wieder kam es vor, dass sich – sobald die gierig züngelnden Finger der Magma erstarben – eine innere Gewalt sie erneut aufbrechen und weitere Ströme rotglühender Lava hervorschießen ließ, die die restlichen Täler überschwemmten.
Auch heiße Gase, die sämtliche Atemluft erstickten, tobten mit rasender Geschwindigkeit aus den berstenden Kegeln der ehemaligen Vulkane zu Tal und erstickten alles, das sich ihnen in den Weg setzte. So öffnete sich das Innere Draconars auch hier und brach sich seinen Weg durch alle erdenklichen Öffnungen der Erdkruste, die dereinst entstanden waren und jetzt wieder den Weg für weitere brennende Eingeweide des Planeten freimachten.
Ganze Regionen aus schwarzem Untergrund blieben oftmals zurück und bildeten eine dunkle, sich langsam abkühlende Wüste. Sie waren immer wieder durchzogen von langen, dünnen Schneisen und Streifen aufglimmender Lava, die wie eine Verbotslinie das Land abgrenzten und unterteilten. Auf der einen Seite waren noch abgefackelte Baumstümpfe geblieben, die aus dem Inferno herausragten. Jegliches Grün aber war abgestorben, und die Erde unter einer Schicht erkalteter Lava begraben. Auf der anderen Seite zog sich ein Mantel dicken Magmas unterhalb der erkalteten Kruste weiter, die noch flüssig blieb und ihre rötlichen Zungen manchmal durch die dünne, ausgekühlte Oberfläche schnellen ließe.
Diese noch immer aktive Seite fand schließlich das östliche Meer und ergoss sich unter zischenden Dämpfen und beißendem Rauch ins zurückweichende Wasser. Erneut traf Heißes auf Kaltes und erhärtete sich. Ununterbrochen stiegen Schwaden von Blasen aus der Tiefe, und je weiter das abkühlende Magma drängte, desto tiefer gelangte es ins Wasser, wo es skurrile Skulpturen bildet mit schwarzroten Ausläufern, die miteinander wettstreiteten um den Vortritt in den Vorhof der Hölle. Immer wieder streckten sich rotglühenden Finger züngelnd über den felsigen Boden des Ozeans, bis auch sie mitten in ihrer Bewegung erstarrten. Dann bildeten sich große, unförmige, verkrustete Kugeln, die noch eine Weile den Boden entlang rollten, bis auch sie in bläulichem Schein zum Erliegen kamen.
Das nördliche Boronan war eine Wüste geworden. Fast alle Vulkane waren hier explodiert und hatten ihr Inneres über das einstmals fruchtbare Grasland gestreut. Dort, wo es den Boden bedeckte, war sämtliches Leben ausgelöscht, und es dauerte eine Weile, bis sich aus der fruchtbaren Schlacke der Asche neues entwickelt konnte.
Aber der Erol Taut und die Territorien südlich davon waren verschont geblieben. Dennoch hatten die Drachen die langjährige Katastrophe, die sich in ihrer Nähe abspielte, mit großem Schrecken verfolgt. Von den Spitzen der Berge konnten sie alles verfolgen und beobachteten, wie sich die Lava auch über die Ebenen ihrer Savannen zu schieben begann. Doch bevor diese auch hier Schaden anrichten konnten, wurde sie von den ansteigenden Hängen und Ebenen gestoppt. Aber da, wo sie angekommen war, hinterließ sie eine erkaltete Kraterlandschaft.
Jetzt ballten sich die Jagdwiesen der Drachen voll mit Tieren, die aus dem Norden geflohen kamen. Und trotz der Panik, die sie beim Anblick des Infernos, das sich dort abspielte, empfanden, zogen sie die Enge der Steppe und das für sie oft zu warme Klima Tod und Zerstörung vor.
Woron hatte die Drachen am Erol Taut immer wieder aufgesucht, nachdem die ersten Zeichen der nahenden Katastrophe aufgetaucht waren. Mittlerweile war er recht alt und seine Beine trugen ihn nicht mehr so schnell wie ehedem. Dennoch blieb er seinen Gefährtinnen am Andar stets ein treuer Anführer. Doch es zog ihn immer wieder zu seinen Freunde auf den Berg, von wo er den fernen Feuerschein genauer verfolgen konnte, der ihn eines Abends im Badin Grok aus dem Schlaf gerissen hatte.
Hier, auf den Höhen des Erol Taut, die er auch über die Stollengänge erklimmen konnte, die mit Treppen, Vorrats- und Schlafkammern ausgestattet waren, konnte er das Schauspiel aus nächster Nähe und im großen Ganzen erleben. Augenblicke, die sich in sein Gedächtnis prägten. In denen ihm endgültig gewiss wurde, welche Sicherheit er mit seiner Familie in seinem Hochtal genoss. Das von den Bergen des Andar beschützt war.
Nun gewahrte er auch die neue Insel, die die Drachen Gaudar Melir nannten. Sie sah wahrlich wunderlich aus mit ihren schroffen Klippen und steilen Felsnadeln, umgeben von schäumendem Meer und den gelblich-roten Farben gasiger Eruptionen.
Manchmal zogen die stinkenden Schwaden sogar bis zu ihm, und angewidert schnaubte er, um sie aus seiner Nase zu kriegen. Dann lief er schnell nach unten, wo er auf ‚der durch die Lüfte fliegt‘ oder auf ‚der den Daumen klopft‘ stieß und grub seine feuchte Nase an ihre Körper. Wobei er darauf achten musste, sie nicht umzustoßen. Dennoch breitete es ihm ein geheimes Vergnügen, sie wenigstens aus dem Gleichgewicht zu bringen, denn das war eines der wenigen Dinge, die einem alten Löwen noch zu tun blieben.
Schnurrend legte er sich dann neben das Feuer, dass in einem Kamin flackerte, und dessen Glut aus dem Feuerraum stammte, wo sie ständig genährt und aufrechterhalten wurde. Dort lauschte er den beiden, wie sie manchmal unter sich und manchmal mit anderen, die hinzukamen, über Zusammenhänge redeten, die er nicht verstand. Immer wieder war die Rede vom Quuanqunquum und der neuen Insel, die sich allmählich aus den Fluten hob. Da gab es wahrscheinlich einen Zusammenhang. Denn mittlerweile hatten sich die Drachen bis zur Küste gewagt. Und einige waren sogar über die Insel geflogen. Und was sie dort gesehen hatten, schien ihnen den Atem zu rauben. Denn nahe eines alles überragenden Schlotes gab es Pfützen und Rinnsale über den Boden gestreut, desselben Materials, aus dem ihr Quuanqunquum, das sich hier auf dem Berg befand. Dort schien es aber aus den Tiefen der neu entstandenen Felsen nach oben zu kommen und schien jüngst mit der Insel aus dem Meer gedrückt worden zu sein. Und es hatte dieselben Eigenschaften wie ihres hier: Es strahlte Wärme aus, war magne-tisch und elektrisch leitend zugleich. Etwas Magisches ging dort von ihm aus. Es schien mehr zu sein, als nur diese elementaren Kräfte in sich zu vereinen. Es war, als ob etwas ganz Besonderes vorbereitet wurde.
Aber wie auch immer. Dieser Umstand könnte auch bedeuten, dass der Erol Taut selbst dereinst aus den Tiefen des Meeres entsprungen sein mochte. Und mit sich das Quuanqunquum gebracht hatte. »Wobei – wenn ich Ursprung und Folge recht bedenke und neu mische – es durchaus auch umgekehrt hätte sein können«, sagte mit einem Mal ‚der durch die Lüfte fliegt‘.
Egal! In jedem Fall hatten sie nicht nur den Ursprung ihres wundersamen Metalls gefunden. Sie besaßen nun auch eine weitere Quelle, die wohl noch ergiebiger war als die ihre hier.
Das waren ihre Worte, die Woron kaum verstand. Aber ihm war klar, dass es um die Phänomene der letzten Zeit ging, und dass sie nach Erklärungen suchten, diese zu verstehen.
»Jetzt seht euch einmal die westlichen Gebiete des Nordens an, wo die Feuer nicht so stark gewütet haben, und wo es tote Baumstümpfe und noch Moos gibt, das alles über den Erdboden verteilt ist und hoffentlich irgendwann wieder keimen wird.« ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schaute sich um, ob ihm auch alle zuhörten. Dann fuhr er fort: »Es ist dasselbe tote Gehölz wie in unserem Skelettwald! Das ist ein weiterer Beweis, dass hier einmal eine ähnliche Eruption stattgefunden haben musste. Nur noch schlimmer und grö-ßer!«
»Noch schlimmer? Das ist doch unvorstellbar.«
»Es ist vor langer Zeit gewesen«, stimmte ‚der den Daumen klopft‘ ein. Dabei nahm er Worons Kopf liebevoll in seine Flügelarme und streichelte ihm mit seinem Zeigefinger die mittlerweile graue Mähne. »Das Feuer muss zehnmal größer gewesen und zehnmal mehr Magma herausgeflossen sein. Aber es war derselbe Vorgang, wie wir ihn jetzt erleben. Und ich hoffe, dass es nun zu Ende ist.«
Bei den letzten Worten schnaubte Woron genüsslich auf und begann, dessen Hand zu lecken. In Gedanken aber saß er schon auf der höchsten Zinne des Erol Taut und ließ sich vom Wind über das Meer treiben bis zum Gaudar Melir. Doch dann erinnerte er sich der schrecklichen Hitze des Magmas, das dort aus der Tiefe kroch, und sogleich holte ihn die Sehnsucht nach seiner Familie ein, nach den Gefährtinnen, Töchtern und Söhnen. Und noch einmal schnaubte er in Erinnerung all dessen, was er erlebt und all des anderen, das er nur geträumt hatte. Bis ihm klar wurde er, dass es ihn alles glücklich machte.