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Literatur

die Sage von Draconar

die Sage von Draconar

- ein Sciencefiction von Rainer Kempas -
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Literatur
die Sage von Draconar



Der Berg Erol Taut

M ehrere Millionen Jahre waren vergangen, doch die Ebenen Boronans hatten sich seit der großen Sintflut kaum verändert. Aber es war wieder trockener geworden, der große Regen hatten aufgehört, und die vielen Seen, die eine Zeitlang vollkommen die Täler und flachen Ebenen ausgefüllten, waren zurückgegangen beziehungsweise gänzlich verschwunden.
Das Leben am Banur Alta war zurückgekehrt, und mit dem Verschwinden des großen Binnenmeeres, das fast alle seine fruchtbaren Wiesen bedeckt hatte, erschienen wieder die Gräser und Bäume der Savanne. Und mit ihnen die Tiere, die sich davon ernährten.
Die Antilopen sprangen übermütig über die Steinhaufen und kleinen Felsen, die ihnen als Orientierung und Aussicht dienten, und die Mammuts trollten sich erneut gemächlich durch das hohe Riedgras.
Auch die Löwen siedelten sich wieder an, wo die Ufer des Sees voller Blumen und kleiner Baumgruppen standen und den Tieren Schatten gaben, wenn die Tageshitze zu groß war. Nur eine Gruppe, die ehemals mächtigste, suchte man hier vergeblich. Denn die Nachfolger von Laudean vermehrten sich prächtig im Hochtal von Badin Grok und hatten keinen Grund, zurückzukehren.
Allein die Vögel hatten wieder ihre morgendlichen Flüge zum großen See jenseits des Erol Andar aufgenommen, wo sie viel Nahrung fanden. Zuvor hatte es hier kaum noch Insekten gegeben, da das Wasser Gras und Bäume überschwemmt hatte. Des Abends flogen sie zurück zu ihrem kleinen See, in dessen Sicherheit sie nisteten und ihre Jungen aufzogen.
Auch der Gestank am Sumpf hatte sich gelegt, und die Fontäne war allmählich kleiner geworden und fast vollkommen verschwunden. Die Ausdünstungen reichten nicht mehr so weit, dass sie den nahen Wald oder gar den See erreichten. Der kleine Krater inmitten des alten Kraters mit seinen schneebesprengten Spitzen rauchte schon seit langem nicht, und selbst die vereinzelten Fumarolen blieben geschlossen.
Doch die Stille war trügerisch. Es herrschte Hochbetrieb am Krater. Mittlerweile hatte sich ein kleiner Pfad ausgetreten, den die Dracos benutzten, wenn sie aus dem Vulkanschlot hinaustraten. Mit der Zeit wurde er zu einem breiten Weg, der sich immer wieder verzweigte und sich schließlich zu einem Rundumgeläuf auf dem Grat der Kraterwände entwickelte.
Aber dort, wo die Wände sich an eine Felswand schmiegten, die zu den Bergen des Andars gehörten, endeten die Anzeichnen ihrer Anwesenheit. Nur jemand mit scharfen Augen konnte dort eine kleine Aushöhlung ausmachen, die nicht natürlichen Ursprungs war. Und dahinter entstand eine Welt, wie es sie noch nie auf Boronan gegeben hatte. Vollkommen und doch anders.

Die kontinentale Erdplatte, die sich unter dem Vulkan befand und bereits für dessen Ausbrüche und mehrere Beben verantwortlich war, bestand aus solidem Granit. Aber darunter brodelte das Magma umso stärker, wenn andere Platten gegen sie stießen, sie unterliefen und sie aufwölbten. Dann schmolz selbst das härteste Gestein. Und jedes Mal erzitterte der gesamte Kontinent. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sich neue Schlote bildeten, um den ungeheuren Druck zu entlassen.
Immer wieder durchzogen Erdspalten, Risse und Löcher den Boden. Diese geosynklinalen Unruhen verliefen nicht immer friedlich für die Bewohner des Erol Andars. Felsen wurden erschüttert und stürzten zu Tal. Höhlen und Stollen brachen ein und verschütteten die Dracos. So veränderte sich der Schlot, um den herum sie lebten, langsam und stetig. Zwar hatte sich ihre Haupthöhle kaum verändert, aber es waren kleinere hinzugekommen und einige der Seitenkammern eingestürzt. Dieses hatte auch zur Folge, dass die Dracos Tote beklagen mussten. Da ihre Intelligenz sich rasant weiterentwickelte, hatten sie mit der Zeit ein Bewusstsein ihrer selbst gewonnen. Und damit die Erkenntnis ihrer Sterblichkeit. Dieser Umstand hatte nicht nur ein gewisses Maß an Emotionen, gar Trauer zur Folge. Sie waren von nun an vor allem bestrebt, wenn sie noch nicht den Beben selbst Einhalt gebieten konnten, so doch zumindest seinen tödlichen Auswirkungen zu entgehen.
Da sie eine sehr langlebige Spezies waren mit einer so langsamen Entwicklung, dass sie erst nach 1000 Jahren auswuchsen, und ein Weibchen demzufolge nur alle 100 Jahre ein Kind zur Welt brachte, war ihnen der Tod bisher wenig vertraut. Sie taten alles, um ihn zu vermeiden, vor allem aber, nicht gewaltsam durch vorhersehbare Unfälle und Missgeschicke umzukommen. Denn je älter sie wurden, desto stärker hielt es sie am Leben.
Das Einstürzen ihrer Höhlen hatte ihnen immer wieder die Gefährlichkeit dieser unterirdischen Umgebung vor Augen geführt. So hatten sie mit den Jahren begonnen, sich hochwärts zu orientieren. Zunächst schufen sie sich neue Gänge entlang des Schlotes. Doch die Unwägbarkeit seiner Ausbrüche – auch wenn sie nicht mehr häufig vorkamen – ließ sie irgendwann immer öfter aus dem Krater steigen. Der Anblick, der sich ihnen dort bot, übertraf all ihre Vorstellungen. Vor ihnen war weites Land, das sich nach unten ausdehnte. In den Tiefen des Tales konnten sie mit ihren Adleraugen saftige Wiesen voll grünen Grases und einen blauen See erkennen, um den sich die verschiedensten Tiere sammelten.
Doch das Licht hier war so hell, dass es ihren empfindlichen Augen wehtat, und sie es erst in hunderten von Jahren schafften, ihm länger als für wenige Stunden ausgesetzt zu sein.
Auch war die Luft im Vergleich zu der in den mit schwefelhaltigen Gasen angereicherten unterirdischen Höhlen nicht zu vergleichen. Doch bezüglich des Atmens hatten sie bereit gelernt, sich perfekt anzupassen. Sie waren in der Lage, im Wasser des Sees über kiemenartige Fortsätze zu ventilieren, die sie damals bei ihrer Überquerung des Ozeans in äquatoriale Zonen bereits ansatzweise entwickelt hatten und nie mehr abstießen. Und dank ihres Mutationsgens, mit dem sie zunächst gelernt hatten, ohne Sauerstoff weiterzuleben, gelang es ihnen nun, sich an ein Luftgemisch zu gewöhnen, das außerhalb des Vulkans zu über 30% aus Sauerstoff bestand. Mit den Jahrhunderten gewannen sie dadurch sogar an Stärkte, da der Sauerstoff ein hervorragender Energieträger war.
Dennoch beließen sie es zunächst noch dabei, sich am Rande des Kraters aufzuhalten und nutzten die dort immer wieder sich neu öffnenden Spalten der Felswände, die Gegend zu erkunden. Ein Umstand, bei dem sie mehr auf die Möglichkeiten achteten, sich wieder nach innen zu orienten und in den Fels zu gelangen, als dass sie es erwogen, den Krater auf der anderen Seite hinunter zu steigen. Die Fruchtbarkeit des Tals war für sie nicht von Interesse, denn ihre Ernährungsweise unterschied sich vollkommen von den dort heimischen Arten. Und sie sahen auch keinen Sinn in dem, was die meisten der dortigen Tiere taten: sich zu sonnen im saftigen Gras der Wiesen. Die Eigenschaften der dortigen Pflanzen, mit den Zellen ihrer grünen Blätter das Sonnenlicht einzufangen und in Energie umzuwandeln, passte nicht in ihren bisherigen Lebenskreislauf. Und die Sonne selbst besaß nur eines, das sie hätte interessieren können: die Kraft über das Feuer. Doch deren Wärme, das Spenden von Wohlbehagen und Energie, hatten die Dracos nicht nötig, waren sie ja an einer ähnlichen Quelle direkt aufgewachsen: dem Feuer des Erdinneren.
So blieben sie oben im inneren, zweiten Krater und verließen ihn in den nächsten tausend Jahren nicht. Lediglich zu den wesentlich höheren Gipfelspitzen des Erol Andar schauten sie immer wieder auf, als ob sie mit dem Himmel eine neue Decke erhielten, deren Gewölbe von den Sternen erleuchtet wurde. Diese leuchtenden Punkte, die ab und zu flimmerten, hatten es ihnen besonders angetan, als ob sie die Rechtfertigung all ihres jetzigen Tuns wären.
Ein Tun, das ersten handwerklichen Fähigkeiten gleichkam. Sie benutzten hartes Gestein, später auch Eisen, die sie zu Keilen und Beilen zuhauten beziehungsweise formten. Aber nicht, um damit zu jagen. Sie ernähren sich weiterhin von dem Getier und den Pflanzen ihrer Höhle. Anderes kannten sie nicht. Und es wuchs hier oben auch nichts, dass sie hätte besser ernähren können.
Mit
diesen Äxten hämmerten sie Löcher in den Felsen, schufen mehr Wohnraum und Unterschlupf für ihren Aufenthalt hier draußen, der ihnen gleichzeitig Schutz vor Wind und Regen bot. Immer tiefer bohrten sie ihre Gänge in den Berg, bis sie in Hohlräume eindrangen, in denen sie Wasser und lichtscheues Getier fanden, welches es bereits in ihrer Haupthöhle gab. Diese Tätigkeiten waren relativ neu für sie und förderten ihre Vielseitigkeit, besonders die der Hände. Das Interesse am Bauen und Erweitern ihres Habitats nahm beständig zu. Endlich konnten sie sich Wohnstätten errichten, an denen alle genügend Platz fanden. Sie wandelten durch Gänge, ohne deren Ende zu sehen. Und womöglich auch nicht zu ahnen.
Nicht lange, und einige blieben und zogen für immer nach oben. Schnell hatten sie sich an die neuen Verhältnisse angepasst. Den Regen, den Wind, das Licht und die vielen Töne, die von überall herkamen, aber vor allem aus dem Tal.
Dennoch kümmerten sie sich kaum um das Treiben unter ihnen. Ihr Streben war vielmehr, noch weiter nach oben zu gelangen. Ein Drang, der sich in Millionen Jahren gebildet hatte, und der bis jetzt nur vom Dach der Höhle beschnitten worden war.
Nun, nach so vielen Äonen des Stillstandes, konnte dieser Impuls endlich ausgelebt werden. Es zog sie immer weiter in die neuen Gefilde, und vor allem in den Fels hinein. Sie trieben Stollen über Stollen in das harte Gestein, höhlten es zu riesigen Kammern aus und siedelten entlang der Innenseiten des Berges. Diese Bautätigkeiten nahmen sie so in Anspruch, dass die Frage aufkam, warum sie derartige Tätigkeiten nicht schon in ihrer großen Höhle am See vollzogen hatten. Aber die Decke dort war porös, es tropfte ständig. Und darüber war der Sumpf auf er einen Seite des Gebirges und der Binnensee Banur Alta auf der anderen. Bei einem Durchbruch wäre sie unweigerlich eingestürzt. Eine Bedrohung, die ihnen immer gegenwärtig gewesen war.
Aufgrund des vielen Freiraums und der neuen Lebensqualität, die sie in den nächsten tausend Jahren gewannen, vermehrten sie sich schnell, bis sich ihre Zahl verdoppelt hatte. Sie legten kleine Gärten in der Nähe von unterirdischen Bachläufen an, deren Wasser an den Bergspitzen ins Innere gesickert war, und errichteten Vorratsräume, um das Fleisch der Tiere, die sie draußen erlegten, in kühlen Kammern des zentralen Felsens zu lagern.
Diese zahlreichen Tätigkeiten erforderten ein hohes Maß an sozialen Beziehungen. Die Komplexität der Aufgaben und deren Aufteilung in verschiedene zeitlich versetzte Abläufe verlangten eine Koordination und Vorausplanung, die eine differenziertere Kommunikation und neue Formen der Arbeitsteilung voraussetzte.
Logische Konsequenz war auch die Entwicklung einer richtigen Sprache, die über die Lautmalerei, die sie gleich nach ihrer Geburt besaßen, hinausging. Was zunächst nur über Zeichen und Handgesten vermittelt wurde, konnte nun durch einen gewissen Tonfall und einzelne Wörter, die alsbald zu einer einfachen Syntax kombiniert wurden, ergänzt werden. Ihre Zungen und die Lippen, die eigentlich nur ein weicherer Fortsatz des Schnabelendes waren, wurden beweglicher, und der Kehlkopf wanderte höher und etwas nach vorn. Der Abstand zwischen Kehlkopf, Rachen und der Schädelbasis wurde größer und entsprechend auch der Resonanzraum für verschiedene Laute.
Schon während ihres reinen Höhlendaseins hatten sie eine Kommunikation entwickelt, mit der sie sich über Distanzen verständigten. Die primitiven Gesten, die sie unter sich ausübten, waren mit der Zeit von Lauten abgelöst worden, sobald es die Entfernung notwendig machte. Die Fürsorge der Kinder und das Erkunden des Terrains und der Jagd hatten ihre Geschlechter bereits in unterschiedliche Beschäftigungsmuster aufgeteilt. Jetzt, mit Beginn der Herstellung von richtigen Werkzeugen, dem Jagen in Gruppen und dem Aufteilen ihrer Arbeit wurde die Verständigung untereinander immer notwendiger. Einfache Rufe hallten zwischen den Korridoren der Berggrate und über die Gipfel des Kraters. Sie benannten die Werkzeuge, gemeinsame Zielorte, an denen sie sich trafen, und die Tageszeiten, zu denen sie aufbrechen wollten.
»Bring Hammer und Meißel. Bin bei Sonnenaufgang am Tor zur großen Grotte.« Die Syntax war einfach, aber umfasste schon ganze Sätze.
»Ich komm später. Wenn die Sonne oben steht.«
»Wo ist der, ‚der den Daumen klopft‘?« Sie kannten noch keine individuellen Namen, nutzten allerdings schon Beschreibungen, den einzelnen zu charakterisieren.
»Er ist in der Grotte der Babys. Er kommt am Tag nach Morgen.«
Es war ihnen noch nicht möglich, über größere Zeiträume zu denken, doch das Einplanen des morgigen Tages war ein notwendiger Meilenstein in ihrem Schaffen und Selbstverständnis untereinander. Sie gingen dabei in Gruppen vor, und die gemeinsame Arbeit ließ sich nicht nur schneller erledigen und größere Vorhaben bewältigen. Sie schweißte sie auch zusammen und erschuf ein Gefühl der Gemeinschaft. Sie merkten, dass sie beim Erreichen ihrer Pläne aufeinander angewiesen waren. Und sie erkannten, dass mit ihrer gegenseitigen Hilfe das Vertrauen untereinander wuchs und ihre Zusammengehörigkeit noch mehr verbunden wurde.
Sie waren soziale Tiere geworden. Waren sie bereits in ihrer Höhle zu unbegrenztem Schaffen in der Lage gewesen, so erwies sich das Erreichen der Außenwelt als ein Katalysator, der ihren Fähigkeiten nun keine Grenzen mehr zu setzen schien. Hier konnten sie sich so richtig entfalten, und ihre Kreativität löste alle Probleme, wenn sie als solche erkannt wurden.
Denn das einzige Hindernis, sich die ganze Welt zu erobern, waren sie selbst. Ihr Phlegma, über den Rand ihres Kraters hinauszuschauen und hinüberzutreten, um die Täler links und rechts der Berge zu erforschen. Auch wenn sie andere Lebewesen weit unten auf den saftigen, grünen Wiesen zwischen den Flussläufen ausmachen konnten, reizte sie dieser Anblick bisher nicht, da die dortige Natur ihnen ungesund vorkam und nicht mit ihrem gewohnten Habitat zu vergleichen war.
So eroberten sie den Erol Andar lediglich in seinen vertikalen Dimensionen, bis sie dessen höchste Grate erreicht hatten: und zwar von innen und von außen.
Da die Stollen hoch und breit genug waren, um Baustoffe wie Steine und erkaltete Lavaschlacke und die Maschinerie ihrer Werkzeuge bequem zu transportieren, waren sie immer auf ihren Füßen gegangen, während sie mit den Klauen ihrer Flügelspitzen die Werkzeuge gebrauchten, Schutt und Gestein abzuräumen und sich am glatten Fels entlangzuhangeln. Die Arbeit, die sie dabei verrichteten, war anstrengend und formte auch ihre Finger. Da sich die Flughaut um die ganze Länge aller fünf Glieder ihrer einzelnen Finger spannte, schauten lediglich die vier Krallen an den Spitzen daraus hervor. Sie waren das Ende eines jeden Fingers. Aber mit der Zeit wuchsen die obersten Glieder der beiden inneren Finger ein Stück weit über die Flughaut hinaus, so dass es erst wie eine Kuppe, dann wie ein weiteres schlankes, aber kräftiges Glied aussah. Bald war es in der Lage, sich zu biegen, später sogar zusammenzurollen. Der Effekt bestand darin, dass sie etwas tragen konnten, indem sie das sechste Glied der Innenfinger wie einen Haken benutzten. Wenn es schwer war, sogar mit beiden Innenfingern zugleich. Die Arbeiten gingen ihnen immer besser von der Hand. Sie rasteten selten, und ihr Eifer war sprichwörtlich. Nach weiteren hunderttausend Jahren entwickelte sich ganz innen ein neuer Fingerfortsatz, zunächst nur ein Stummel, der aber kräftiger und längerer wurde, und sich schließlich gegenüber dem Langfinger mit den sechs Gliedern positionierte. Dadurch konnte Draco endlich etwas zwischen seinen Fingern halten, es vor sein Gesicht heben, präzise mit ihm manövrieren und es von allen Seiten beschauen und bearbeiten.
Diese Art Daumen erlaubte ihm endlich, Werkzeuge mit einer Geschicklichkeit zu gebrauchen, dass es nicht mehr bei Keilen und Äxten blieb. Schon längst hatte er Messer aus scharfen Knochensplittern und mit einem Holzschaft entworfen. Damit stellte er auch anderes Werkzeug her, indem er sich Ahlen und Nadeln schnitzte.
Auch nahm er Tiere aus und gewann aus ihrem Gedärm kleine Proviantsäcke. Das Fell, das er ihnen abzog, trocknete und gerbte er, um es als Decken und Türvorhänge zu verwenden. Doch nie benutzte er die Messer, um seine Beute zu töten. Dies tat er immer noch mit der Kraft seiner eigenen Klauen.
Es war immer noch Kleinvieh, dem er nachstellte, nicht größer als eine Ratte. Hier oben in seinen neuen Gebieten gab es nicht viel Auswahl an fleischlicher Nahrung. Er ernährte sich nach wie vor hauptsächlich von den Pflanzen, die in Beschaffenheit und der Proteinzusammensetzung denen in seiner Höhle am nächsten kamen. Aber die Masse des neu hinzugekommenen Fleisches wirkte sich förderlich auf seinen Gehirnkomplex aus. Die wenigen Gämse, die er außerhalb der Berggänge antraf, konnte er schnell mit dem Feuer aus seinem Inneren erledigen. Doch das Produzieren von Hitze war sehr energieaufwendig und erschöpfte ihn mehr, als das ihn eine einzelne Gämse hätte sättigen können. Das Feuerspeien blieb weiterhin eine Waffe zur Verteidigung, wenn auch seine beste.
Deswegen ging er dazu über, die Gämse in Sackgassen zwischen den Bergen zu treiben, wo sie sich voller Panik in die Schluchten stürzten. Durch diese erfolgreiche Taktik erhielt sein Gehirn mehr proteinreiche Nahrung und begann sich zu vergrößern. Der Cortex erhielt mehr Platz, indem sich der Kopf nach vorne wölbte, eine hohe Stirn formte und abrundete. Dadurch bekamen sie ein ebeneres Gesicht, aus dem nur der Schnabel hervorstach, und einen Unterkiefer, der sich fliehend zurückzog.
Sie sahen immer noch ein wenig wie Vögel aus, die Säugetiere waren. Al-erdings maß der Kopf jetzt einviertel ihres Körpers. Sie waren die Herrscher des Erol Andar geworden, auch wenn sie dessen Wände noch nicht bis zu seinen Ausläufern hinabgestiegen waren.
Da es ihnen im Berg aufgrund der dort ausgeglichenen Temperaturen behaglicher war, errichteten sie ihre Wohnräume ausschließlich im Inneren. Von hier verzweigten sich die zahllosen Gänge alsbald nicht nur zu den einzelnen Zinnen des Gebirges. Sie wanden sich auch, dem Verlauf des Gesteins folgend, zu beiden Innenseiten hinunter. Bis sie eines Tages an der Seite des Hochtals Badin Grog ankamen, das erhabener lag als die Ebenen des Banur Alta auf der anderen Seite, und den dortigen Abhang durchbrachen.
Endlich waren sie unten angekommen, wo der Sumpf Tengig El Sterk die Decke ihrer Urhöhle bildete. Und standen vor einer Wiese grünen Grases, das ihre Füße umschmeichelte, so weich fühlten sich die Halme unter ihren ledernen Fußsohlen an. Sie kannten schon die Kräuter des einen oder anderen Kars, das sie betreten hatten. Aber hier, ganz zuunterst der Berge, bot sich ihnen ein einmaliger Verbund an Farben und Gerüchen.
Nun war doch ihre Neugierde geweckt, was selten genug vorkam. Und vorsichtig setzten sie einen ihrer dreikralligen Füße vor den anderen. Betraten das Hochtal und durchmaßen es mit ihren roten, ernsten Augen.
Sie befanden sich jenseits des kleinen Wäldchens, das seitlich am Tengig El Sterk lag. Von hier konnten sie sehen, wie sich die Kraterwände über ihnen aus dem Sumpf erhoben und einen Kilometer an Höhe gewannen. Kurz zögerten sie, ob sie sie nicht erklimmen sollten, um zu ihren Höhlen zurückzukehren. Doch dann kam eine Bö auf und brachte ihnen die Geheimnisse der Blumen. Sie sogen den süßen, unbekannten Duft der Lilien ein, und innerhalb kurzer Zeit durchzog sie eine Begeisterung, die neue Gegend zu erkunden, dass sie, ohne sich umzublicken, einem kleinen Bächlein folgten, welches gurgelnd zu Tal plätscherte.
Die neuartige Umgebung hatte sie bis jetzt derart in ihren Bann gehalten, dass sie völlig vergaßen, zu fliegen. Lediglich wirbelten ihre Flügelhände wild gestikulierend durch die Luft, um auf Dinge zu zeigen, die sie nicht für möglich gehalten hatten.
Sie waren noch nicht weit gekommen, da gewahrten sie bereits die ersten Vögel, die ihnen noch vom Überfliegen der Berggrate vertraut waren. Sie vernahmen den Liebreiz ihres Gesangs, der ihnen wie eine unbekannte, ferne Melodie erschien. Und gebannt folgten sie dem Gesang einer Waldamsel, die von hier zum kleinen See fliegen wollte, um Würmer und Fliegen zu fangen. Und sie folgten ihr, sich nun auch in die Lüfte hebend, und erlebten den Rausch eines unbegrenzten Fluges.
Zwar waren sie schon oft weit über dem Tal in der Wärme der sie hochtragenden Luft geglitten. Aber die Düfte direkt am Boden betörten ihre ungeübten Sinne, und die von hier aufsteigende Feuchtigkeit benetzte zart den Flaum ihrer rötlichen Kopfhaare. Die Wärme des Aufwindes ließ ihre nun aufgespannten Flügel über dem Tal kreisen, bis sie zu dem See gelangten, den sie bereits vom oberen Kraterrand kannten.
Bislang hatten sie nicht viel gesagt, denn zu vehement stürzten die neuen Eindrücke auf sie ein. Doch nun entlud sich in ihnen ein tiefer, gurgelnder Ton, dem ihr typisches Kreischen erfolgte. »Kra, Kra«, machten sie. Und von überall schauten Augenpaare verblüfft empor, was es mit diesen merkwürdigen Lauten auf sich hatte.
Doch allmählich gewannen die Dracos ihre Sprache zurück. »Hast du das gesehen?«, sagte einer von ihnen.
»Noch nie«, erwiderte ein anderer und flog eine spitze Kurve, um sich die Tiere am See genauer anzusehen.
Zusammen ließen sie sich auf einer riesigen Kiefer nieder. Nun nahe den anderen Tieren, gewahrten sie deren Unwillen, der auch mit Angst gepaart war. Verwundert blickten sie sich um, denn furchtsame Emotionen waren ihnen unbekannt. Schnell begriffen sie, dass sie den anderen überlegen waren. Die bereits Angst vor ihnen hatten, noch ehe es zu einer Konfrontation gekommen war.
»Warum Furcht? Wir tun nichts!«

»Sie wissen, wir sind stärker.«
Die Dracos blickten sich an. So leicht hatten sie sich diese erste Begegnung mit den andern Tieren nicht vorgestellt. Ohne besonderes Dazutun konnten sie ihre Überlegenheit zeigen. So einfach hatten sie es sich nicht vorgestellt, ein neues Territorium zu erobern.
Und dabei hatten sie so etwas gar nicht vorgehabt.
Sie waren lediglich gekommen, um sich das Tal unten am See einmal aus der Nähe anzuschauen. Und auch nur, weil sie eher zufällig da waren, und den Fels am Fuß des Berges durchbrochen hatten. Auf keinen Fall, weil sie Böses gegen andere hegten.
Deshalb waren sie beinahe genauso ratlos wie die Tiere des Hochtals, was zu tun sei. Keiner war auf den Anblick des anderen vorbereitet. Beide Parteien standen vor einer völlig neuen Situation. Und alle waren überrascht, wie die anderen reagierten.
Unter den einheimischen Tieren waren auch die Nachfolger der Löwen von Laudean. Das Rudel war erheblich größer geworden und hatte sich angesichts der Konkurrenzlosigkeit als revierbeherrschend durchgesetzt. Nun scharrten einige mit den Füßen und warteten auf Woron, ihren Chef, der sie seit einigen Jahren anführte. Er besaß die mächtigste Mähne aller, die fast so imposant war wie die von Laudean. Und sie war noch schwarz und glatt. Nur sein Horn war ein wenig zurückgegangen, da er es zum Kampf um die Weibchen nur selten noch gebrauchte. Lediglich zum Präsentieren gereichte es ihm und erhöhte seine Schönheit.
Woron saß abseits der anderen, als die drei Fremden auftauchten. Nach einer Weile erhob er sich, als er beobachtete, dass die fremden Wesen nichts unternahmen, um sie anzugreifen. Auch war er ehrlich gesagt neugierig geworden, kannte er diese fliegenden Drachen doch schon aus der Ferne und hatte ihr Treiben stets wachsam verfolgt. Doch bisher waren sie dem Tal nicht zu nahe gekommen. Und hatten deshalb auch keine direkte Bedrohung für ihn und das Rudel dargestellt.
Doch nun war alles anders. Sie direkt fixierend, maß er ihre Gesichter, um bei einem Angriff sofort reagieren zu können. Dabei zeigte sein Horn drohend zu ihnen hinüber, und sein zweiendiger Schwanz peitschte vor An-spannung. Er wartete ab. Die Fremden blieben oben im Schutz der Bäume und rührten sich nicht. Augenscheinlich wussten auch sie nicht, was als nächstes zu tun war. Verächtlich schniefte er.
»Kra, Kra«, machte es daraufhin erneut. Und noch andere Laute kamen von ihnen, die wie ein kurzes Sirren klangen.
»Er schaut nur.« Der Draco steckte neugierig seinen Kopf durch die Blätter.
»Was will er?«
»Warte. Wir sind hier sicher.«
Und so verging die Zeit, bis es dunkel zu werden begann. Aber noch immer hatte sich keiner bewegt oder war zurückgewichen. Allmählich begannen die Vögel wieder zu zwitschern, und auch die ersten Kaninchen sprangen durch die Gegend. Woron schaute sich um und gewahrte die Augen seiner Gefährten auf sich. Er brummte ein wenig ungehalten, aber rührte sich nach wie vor nicht von der Stelle.
»Er sagt was«, überlegte einer der Dracos, »aber ich verstehe nichts.«
»Vielleicht grüßt er?«, wagte ein anderer zu erklären.
Sie schauten ihn ungläubig an.
»Nein. Aber er hat nichts Böses vor.«
»Ich gehe jetzt. Die Arbeit wartet. Und wir müssen erzählen. Aber wir kommen wieder.«
»Genau«, stimmte ihm ein anderer zu. »Ich will wissen, was sie machen.« Er hielt kurz inne, überlegte. »Morgen. Und danach auch.«
Wie auf ein gemeinsames Kommando erhoben sie sich und flogen auf. Die nächsten Tage kamen sie regelmäßig zurück, manchmal zu mehreren, manchmal mit anderen, mit denen sie staunend die neue Gegend erkundeten.
Als die Tiere des Badin Grok merkten, dass die Besuche der Dracos harmlos waren, verloren sie die Furcht und nahmen ihr Erscheinen alsbald als Normalität hin. Nur Woron mit seinem Rudel bemaß sie noch eines misstrauischen Blicks, wenn sie in seine Nähe kamen. Aber auch er gewöhnte sich irgendwann an ihre Anwesenheit, da sie sie in Ruhe ließen und ihre Jagd nicht störten.
Besonders zwei junge Dracos waren häufig am See und hielten sich am Ufer auf, wo das Gras besonders saftig war. Sie aßen es nicht, da ihre Verdauung auf andere Pflanzen ausgelegt war, aber sie liebten den Klee, der hier im Schatten der Bäume wuchs. Vor allem einer schlug sich immer wieder den Bauch damit voll, so dass er bald der, ‚der den Klee liebt‘ genannt wurde.

»Aufhören, du wirst zu dick!«, ärgerte ihn ‚der den Daumen klopft‘, aufgrund eines handwerklichen Missgeschicks mit diesem spöttischen Unterton bedacht. Auch Ironie war ein Zeichen ihrer wachsenden Intelligenz, etwas in weiche Tücher zu verpacken, um es schonend beizubringen. Ihr soziales Verhalten war bereits so weit fortgeschritten, dass sie sich vorsahen, andere Mitglieder ihrer Art zu beleidigen oder zu verletzen.
Woron waren diese beiden aufgefallen, weil sie sich immer wieder an ihn wendeten, auch wenn er kein einziges Wort verstand. Aber mit der Zeit lauschte er den Klängen ihrer Stimmen und erkannte Laute, die sich wiederholten, wenn sie ihn anguckten.
»‚Der mit dunklem Haar‘«, sagte nun ‚der den Klee liebt‘, »ist wohl der Anführer der großen Tiere mit dem Horn auf dem Kopf.«
»Woher weißt du das?«, fragte ihn ‚der den Daumen klopft‘.
»Er beobachtet uns. Auch wenn alle trinken.«
»Du meinst, er passt auf?«

»Ja, er passt auf. Lässt uns nicht aus den Augen.«
Jetzt schien die Aufmerksamkeit aller drei gegenseitig geweckt worden zu sein. Woron hob den Kopf, wenn er seinen Namen hörte. Und die anderen warfen ihm etwas Fleisch, das sie über den Steinen, die sie zuvor in der Nähe des Schlotes heiß gemacht, gebraten und mitgenommen hatten, vor die Füße.
Er liebte diese gebratenen Happen, weil sie noch nach dem kräftigen Feuer der Drachen rochen, und deren Rauch an der Außenhaut des Fleisches haftete. Erst hatte er nur misstrauisch rüber geschielt, als sie es ihm angeboten hatten. Doch dann war ihm das Wasser im Maul zusammengelaufen, und er kam angekrochen und schnappte es schnell, um sich sofort wieder zurückzuziehen.
Eines Tages rief ‚der den Klee liebt‘: »‚Der mit dunklem Haar‘, komm zu uns.«
Zunächst verstand Woron noch nicht. Doch die Gesten, die der andere ständig wiederholte, waren eindeutig. Zögernd, aber auch neugierig geworden, schlich er näher. Dann hielt ihm ‚der den Klee liebt‘ erneut ein leckeres Fleischstück hin. Zögernd ging er darauf zu, hielt inne, machte noch einen Schritt und schnappte es ihm aus der Flügelhand. Dann fraß er es, ohne von ihnen zu weichen.
»Er traut uns«, sagte ‚der den Klee liebt‘ erfreut. »Guck, er bleibt hier sitzen.«
Und in der Tat roch Woron noch mehr Fleisch und schnupperte an einem Beutel, den ‚der den Klee liebt‘ umgehängt hatte, und aus dem dieser das Fleisch herausgenommen hatte.
Er griff hinein und gab ihm ein ganz besonders großes Stück, so dass Woron ebenfalls gesättigt wurde und sich zufrieden zu seinem Rudel zurück begab, wo er sich in den Schatten einer Akazie legte. Die Junglöwen rochen an seinem Maul und schauten sehnsüchtig zu den Dracos hinüber. Doch der Beutel war nun leer und nichts mehr für sie übrig.
‚Der den Daumen klopft‘ schaute freundlich zu den Löwen hin. Dann strich sein Blick über die Wiesen, sah einige kleine Antilopen friedlich grasen und wandte wieder das Augenmerk zum See, dessen Wasser leise zu seinen Füßen plätscherten.
Bisher hatten sie es vermieden, hier unten nach Fleisch zu jagen. Sie wollten die Tierwelt erst einmal kennenlernen und nicht gleich verschrecken. Außerdem ahnten sie, dass sie mit den anderen Lebewesen im Einklang sein mussten, um den Frieden im Tal nicht zu gefährden. Unruhe und Angst waren nicht die Gefährten von Friedfertigkeit und Freundschaft.
»Wenn es hier schon schön ist. Was ist auf der anderen Seite des Berges?« Jetzt fixierte er seinen Freund, bis dieser zu ihm aufblickte.
»Auf der anderen Seite?« ‚Der den Klee liebt‘ konnte es sich nicht vorstellen.
»Vielleicht ist es da genauso schön. Oder noch viel mehr.« Er vermochte es nicht in Worte zu fassen. Er zögerte. Dann sagte er mit einem Mal: »Wollen wir es herausfinden?« Enthusiastisch sprang er auf. Zeigte immer wieder zum Berg und meinte die andere Seite. »Wir müssen durch den Stollen. Zur gegenüberliegenden Wand!«
‚Der den Klee liebt‘ sah ihn eine Weile an und überlegte. »Da ist aber kein Tor.«
»Nein, das brechen wir auf, wie wir es hier getan haben!«
»Du meinst, wir öffnen die Wand der anderen Seite?« Das war nie beschlossen worden. Selbst das Aufbrechen an diesem unteren Talabschnitt war schon etwas ganz besonderes und erst nach langer Beratung erfolgt.
Beide hielten inne, als ihnen die Größe des Aufwands klar wurde. Sie waren keine Entscheider, sie folgten nur den Anweisungen eines Führers, den sie unter sich ausgewählt hatten. Dieser wurde aufgrund seiner Fähigkeiten bestimmt, die er während anderer Arbeiten an den Tag gelegt hatte, und konnte auch ganz leicht wieder abgewählt werden.
Fiel jemand auf und wurde dem Ältestenrat vorgeschlagen, eine Aufgabe zu leiten und zu beaufsichtigen, musste er sich den Arbeitern, die für die Ausführung und Erledigung zuständig waren, vorstellen. Wurde er akzeptiert, war er ihr Anführer. Wenn nicht, wurde es ein anderer.
Die beiden Freunde wussten, dass sie für die Durchführung dieser Idee einen Chef brauchten, der genug Erfahrung hatte, um so etwas tun zu können. Sie beide waren noch zu jung und trauten es sich nicht zu. Aber die Idee ließ sie nicht los, und so fragten sie eines Tages einen ebenfalls noch jungen Draco, der bereits der Aufseher ihres Nestes gewesen war, was zu tun sei.
Er hieß ‚der durch die Lüfte fliegt‘, ein intelligenter Draco, der sich schon viel Gedanken über die Welt, in der sie lebten, gemacht hatte. Ihm waren die zahlreichen Anspannungen unter den Familien aufgefallen, die sich über ihre zu kleinen Kammern beschwerten und ewig rumnörgelten, die Nah-rung sei zu knapp. Er hielt eine neue Kolonie für notwendig, da die Berge des Erol Andar die 15.000 Drachen, die sie mittlerweile waren, kaum noch aufnehmen konnten. Auch reichten die Gärten nicht mehr aus, um all die Pflanzen, die sie für die Ernährung der Dracos benötigten, zu versorgen.
»Ihr wollt zur anderen Seite? Aber wir haben dort erst angefangen, hier unten zu graben.«
»Das wissen wir«, antwortete ‚der den Daumen klopft‘. Er war die treibende Kraft, denn sein Freund liebte den Klee des Hochtales zu sehr, dass er eigentlich gar nicht woanders hingehen wollte. »Aber die Schönheit hier ist schon groß. Wir denken, auf der anderen Seite ist das mindestens genauso.«
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ überlegte. Auch ihm hatte es am See des Badin Grok sehr gefallen. Doch lag dieser zu nah an den Bergen, war förmlich von ihnen umzingelt, als dass er sich als Terrain für eine neue Kolonie anbot. Und außerdem sollte es wieder ein Berg sein, kein Tal. Ein neuer, in dem sie ihre Stollen und Höhlen graben konnten, und um den es viel fruchtbares Land gab.«
Er überlegte es sich gründlich. Die Jahreszeit wechselte. Mehrere Male ging die Sonne auf und wieder unter. Verschob sich über dem Berggrat. Wanderte seitlich weiter. Bis er eine Idee hatte.
»Ich fliege über den Grat hinaus zur anderen Seite. Dort suche ich neue Wiesen. Und finde vielleicht einen Berg.« Außerdem hielt er die dortigen Gebiete für idealer, weil größer, für die Jagd. Dabei verschwieg er aber, das er schon einen im Auge hatte: den Erol Taut, dessen Spitzen auch vom Andar zu sehen waren. An seinen Abhängen wollten sie in Einklang mit den Tieren leben. Badin Grok, ahnte er, war zu sehr eingeschlossen vom umliegenden Gebirge, und bot deshalb auf Dauer keine Erweiterungsmöglichkeiten. Der Berg konnte stets nur ihr Ausgangspunkt sein. Die Täler und Wiesen waren ihre Zukunft.
Er sprach mit dem Ältestenrat. Erzählte von den überraschend schönen Pflanzen des Tals und seine Ebenen nördlich von ihnen, die erst aus der Nähe ihren ganzen Zauber enthüllten. Von den Tieren, die dort so friedlich lebten. Und von den Blüten der Bäumen, die so lieblich rochen, als würden sie einen zu sich locken, um aus ihren Kelchen zu trinken. Und die Alten gewährten ihm den Ausflug zum Großen See, dem Banur Alta. Aber nicht weiter, denn noch keiner war über seine Ufer hinaus geflogen und hatte den Horizont erkundet, in den sich die Savanne ergoss.
Mit ein wenig Proviant an seinem Gürtel, von dem alles in kleinen Taschen und Beuteln hing, flog er eines Tages auf und überquerte die Zinne des Erol Andar. Weiß schimmerte die Sonne im Schnee und ihre Strahlen reflektierten sich in seinen scharfen Augen. Schnell wandte er sich ab, bevor sie ihn zu sehr blendeten. Zu einer Seite konnte er nun den Badin Grok ausmachen, tief unten mit seinem See, dem Wäldchen und dem Sumpf, aus dem der Krater, der nun halb so hoch wie die Berge um ihn herum war, hervorstach. Ein wenig rauchte er, und ab und zu sah er eine Fontäne emporsteigen. Dann musste er aufpassen, dass sie ihn nicht erwischte, denn sie konnte höher schießen, als ihm lieb war.
Bald hatte er die andere Seite erreicht. Auch dieser Anblick bot ihm Gewohntes. Hier ging es aber tiefer hinab, in ein Tal, dessen Ebenen über sein Blickfeld hinausgingen, so groß waren sie. Ein erregendes Gefühl von Anspannung und Ungewissheit erfüllte ihn. Und er musste sich gemahnen, nicht zu schnell zu fliegen und die Passatwinde zu beachten, die ihn hier jäh erfassen und mit sich reißen konnten.
Langsam flog er am Fels die Berge hinunter, zog Kreise, die ihn ohne eigenen Kraftaufwand allmählich zum See brachten und bewunderte die Schönheit auch auf dieser Seite des Andar. Er strich über die Oberfläche und entdeckte unter dem Blau seiner Wasser zahllose Fische, die aus den Wellen heraussprangen. Und tief darin, am Grund des Sees, gewahrten seine scharfen Augen Blumen, deren Köpfe sich sacht im Sog der Strömung wogen, und aus deren Kelche kleine, wurmartige Fische schauten, die dort wohnten und bei der geringsten Störung blitzschnell wieder verschwanden.
Er ließ sich auf eine Akazie am Uferrand nieder und nahm das Leben des Banur Alta, das hier pulsierte, in sich auf. Fand zunächst keine Worte, doch im Bemühen, sich mitzuteilen, öffnete er den Schnabel, aber nur ein »Kra, Kra« entfuhr ihm unwillkürlich.
Um sich gewahrte er dieselben Tiere wie auch am Hochtalsee. Aber hier waren es nicht nur mehr, hier gab es auch eine Vielzahl von Arten, die er noch nicht gesehen hatte. Er atmete den herben Duft des Steppenbaldrians, der hier wuchs. Und er verfolgte aus nächster Nähe den Tai Pun, wie er sich den Baum heraufwand, auf dem er saß. Er erhob sich wieder und begann, in immer größeren Kreisen aufzufliegen. Unter sich gewahrte er die ovale Uferbegrenzung des Sees. Dann wollte es ihn weiter hinaus ziehen. Aber er erinnerte sich der Worte des Alten Rates.
Nach einer Weile kehrte er um und flog zurück zu den Bergen. Dort lief er so schnell er konnte zum Ältestenrat. »Ich entscheide mich. Wir öffnen den Berg auch zur anderen Seite.«
»Und was sind deine Gründe?«
»Drüben ist es noch schöner als auf dieser Seite.«
»Kennst du die Gefahren?«
»Die können wir erst kennen, wenn wir da sind!«
Die Denkweise der Dracos war realistisch und logisch. Demzufolge kurz und präzise. Und Neuigkeiten, wiewohl sie vorher nicht so sehr gesucht worden waren, wurden doch sogleich akzeptiert, wenn sie einmal deren Qualität erkannt hatten.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ konnte sich einen Trupp aussuchen, mit dem er den Felsdurchbruch zur anderen Seite erstellen sollte. Dafür brauchte er nicht lange. ‚Der den Daumen klopft‘ und ‚der den Klee liebt‘ waren seine erste Wahl. Dazu noch einige, die den Schutt wegtransportierten. Wenn einmal etwas beschlossen war, bedurfte es nicht mehr viel, um es anzugehen.
Am nächsten Tag war die Stelle gefunden, an der das Loch zum See entstehen sollte. Es lag wesentlich tiefer als das zum Hochtal auf der anderen Seite. Aber sie nahmen einen Gang, der an der Stelle vorbeiführte, an der sie den Durchbruch wagen wollten. So sparten sie Zeit, denn einen neuen Gang zu graben hätte unweigerlich sehr lange gedauert.
Ihre Hämmer und Mörteleisen zertrümmerten den Fels. Mit großen Holzbolzen stießen sie gegen die schon brüchige Wand. Sie machten kaum Pausen, schafften den Abraum in Windeseile weg. ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ feuerte sie an. Und er war immer der erste, der zur Arbeit kam. Als sie fertig waren, waren nur wenige Tage vergangen. Und dann kam der Tag des Durchbruchs, an dem sie hindurchgingen und das Tal unter sich erblickten. Es war nicht sehr weit weg von dem Punkt, an dem Laudean und die Seinen das erste Mal den Wasserfall hatten rauschen hören. Sie lagen genau zwischen ihm und dem ersten Anstieg. Das Gras begann gerade einmal, etwas kümmerlicher zu werden, war aber noch saftig genug, um seine Grüne Farbe zu bewahren.
An manchen Tagen war auch Woron bei ihnen und schaute ihnen zu. Er konnte nicht viel helfen, denn seine Tatzen waren für den Gebrauch von Handwerksgerät nicht geeignet. Aber es war ihm möglich, ihren Plan zu erkennen und mit ihnen dem Durchbruch entgegenzufiebern. Da war etwas, dass ihn an sie band, dass ihn mit sie zog. Er verstand nicht, was es war. Aber er fragte sich, ob es die merkwürdigen, riesigen Vögel waren oder etwa das Ziel ihrer Reise, das ihn drängte, sich ihnen anzuschließen.
»Das ist die Ebene, in der der See liegt. Ihr seht ihn da hinten«, rief ‚der durch die Lüfte fliegt‘ nun.
Alle schauten in die Richtung, in die sein Zeigefinger, der 4. Finger neben den beiden langen Mittelfingern, wies. Dann erhob er sich majestätisch und flog den anderen voran. Er wollte nicht den Rest des Abstiegs zu Fuß gehen und gleich zum See kommen. Denn der war bisher, wenn nicht der schönste, so doch der interessanteste Ort, den er je gesehen hatte.
Als die anderen auch am Banur Alta angekommen waren, wagten sie zunächst kaum zu atmen. Die Vielfalt des Lebens war hier noch größer als am kleineren Hochtalsee. Es wimmelte hier nur so von Vögeln, die – wie sie erkannten – auch aus dem Badin Grok stammten.
‚Der den Daumen klopft‘ sagte irgendwann: »Er ist so groß wie das Hochtal selbst. Und es gibt so viele Tiere.«
»Ja«, erwiderte ‚der durch die Lüfte fliegt‘. »Und hinter dem See ist Savanne. Die reicht noch weiter als der Horizont.« Er bemerkte die verblüfften Gesichter. »Das ist der Strich zwischen Decke und Boden. Ich nenne ihn Horizont. Und er ist mein Ziel!« Und es wurde nicht das erste neue Wort, das von ihm ausging. Denn dort, wo er hinwollte, gab es noch so vieles, wofür sie keine Namen hatten.
Einige Tage später waren alle drei im Badin Grok, um das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Ihnen wurde klar, dass der Banur Alta nur der Anfang war. Besonders ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ wollte zum Berg, der sich irgendwo in weiter Ferne aus den Wiesen erhob, und in dem er eine neue Kolonie zu gründen grdachte.
»Weiß nicht«, schob ‚der den Klee liebt‘ ein, »ich find es hier auch schön.«
»Ja, aber hier bist du einer von 15.000. Nie kannst du das tun, was in dir steckt.«
‚Der den Klee liebt‘ druckste herum. »Hier habe ich Sicherheit.«
»Du wirst nichts Neuem begegnen. Nur das, was du jeden Tag siehst.«
»Das ist viel. Schau dir dieses Tal an. Das reicht mir.«
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schüttelte resigniert den Kopf. Sich eine eigene Welt zu schaffen waren wohl seine ureigenen Träume, die nicht jeden hineinließen. »‚Der den Daumen klopft‘, was ist mit dir?«
‚Der den Daumen klopft‘ schaute auf. »Was wird uns dort erwarten?«
»Dieses Geheimnis zu lüften, ist ein Grund zu gehen!«
‚Der den Daumen klopft‘ erhob sich. »Ich will wissen, was sich hinter dem Horizont verbirgt.«
Jetzt schauten beide zu ‚der den Klee liebt‘ hinüber. Sie erwarteten seine Entscheidung. Er sah zu Boden. Und wieder zu den beiden hoch. Dann strich sein Blick über die Köpfe seiner Freunde hinweg und glitt zu den Löwen. Seine Augen trafen auf die Worons, der ihr Gespräch aufmerksam verfolgt hatte, obwohl nicht klar war, was er wirklich verstanden hatte. »Komm, ‚der mit dunklem Haar‘«, sagte er und hielt ihm einladend einen Flügel entgegen.
Und tatsächlich schlich Woron zu ihm, als hätte er seine Worte verstanden. Der Draco tätschelte seinen riesigen Kopf, der ihn leicht überragte, so dass er sich auf die Zehenspitzen stellen musste.
»Was denkst du, Löwe?«
Woron blickte ihn an, und ein hechelndes Wimmern war zu vernehmen.
»Was ist? Begleitest du uns?«
Immer noch waren die Augen des Löwen auf ‚der den Klee liebt‘ gerichtet, als wolle er kein Wort versäumen, was der zu sagen hatte.
‚Der den Klee liebt‘ hob den lederartigen Kopf mit den kleinen Stachelhärchen und dem roten Schopf. Seine violetten, vertikalen Sehschlitze richteten sich auf Woron. Beide sahen sich an mit einem Verständnis, in dem der Wille des einen dem anderen Vertrauen schenkte.
Woron stand auf und ging voran. Er blickte sich kurz zu seinen Gefährtinnen und den Kindern um, dann brüllte er erwartungsfroh und setzte seinen Weg zur Bergpforte, die ins Zentralmassiv führte, fort.
Die drei Dracos schauten sich an. Zunächst verwundert. Dann erhoben sie sich und folgten ihm. Im Berg angelangt, gingen sie mit dem Löwen zum gegenüberliegenden Ausgang, während ‚der durch die Lüfte fliegt‘ beim Ältestenrat vorbeischaute und ihren sofortigen Ausflug in die Weite der Wiesen des Banur Alta ankündigte. Dort verschwendete er keine Zeit, viel zu erklären. Er machte nur klar, dass er mit seinen Begleitern den Standort einer neuen Kolonie suchen ging. Eine zweite Heimat, an der sie andere nachholen wollten, um sich niederzulassen.
Doch der Ältestenrat war gegen einen sofortigen Aufbruch. Er hielt ihn für völlig überstürzt, zumal sie überhaupt dagegen waren, weiter als bis zum Badin Alta zu expandieren.
Doch ‚der durch die Lüfte fliegt‘ gab nicht nach. »Wir wollen nicht gleich dort bleiben. Nur einen geeigneten Berg suchen. Und die Gegend erkunden. Dann kehren wir zurück.«
Seine beiden Freunde waren inzwischen mit Woron am Felsentor angelangt. Aber ‚der den Klee liebt‘ bekam plötzlich Bedenken, die noch wuch-sen, sobald sie aufflogen. Ihm war nicht wirklich klar, ob er sich der Kolonie anschließen wollte. Doch die Tatsache, dass Woron dabei war, machte ihm die Sache leichter.
Woron selbst hatte durchaus verstanden, dass es darum ging, jenseits der Berge neue Gegenden zu erkunden. Die Enge des Tals hatte ihn phlegmatisch gemacht. Und nun war er froh, die anderen begleiten zu können, um größere Jagdreviere zu entdecken.
Aber er hatte nicht vor, Badin Grok wirklich zu verlassen. Dabei war ihm nicht bewusst, dass ihr Ziel so weit entfernt vom Erol Andar lag, dass er ein größeres Revier nicht haben konnte, ohne das andere zu verlassen.
Es passierte immer einmal, dass ein Löwe zwei Reviere hatte und zwischen ihnen regelmäßig pendelte. Und auf dem neuen Gebiet eine zweite Familie gründete. Sein Selbstbewusstsein war so groß, dass er für seine Kraft und Potenz kein Limit sah. Doch alsbald stand er vor einem Problem, dass er nicht bedacht hatte: Als sie den gegenüberliegenden Ausgang erreichten, flogen die Drachen auf, um auf schnellstem Weg zum See zu gelangen.
Irritiert blähte er seine Nüstern, schnaubte und begann zu brüllen. Dabei sah er die beiden in der Ferne auf den Banur Alta zufliegen. Und erst allmählich begann er zu begreifen, dass er allein zu Fuß weiterzugehen hatte.
Er brauchte einen halben Tag, um die Gestade des Sees zu erreichen und war sehr durstig. Aber die anderen warteten dort auf ihn und nahmen ihn in ihre Mitte. Zusammen gingen sie zum Ufer, an dem er sofort begann, in großen Schlucken gierig zu trinken.
Dann rauschte die Luft über ihm, dass seine Mähne durcheinander wirbelte, und ‚der durch die Lüfte fliegt‘ erschien.
»Wir werden zum Erol Taut fliegen!«, jubelte dieser, aber die anderen sahen, dass ihm nicht wohl dabei war.
»Was ist?«, fragte ihn ‚der den Daumen klopft‘.
Zunächst schwieg ‚der durch die Lüfte fliegt‘ kurz, bevor er begann: »Der Ältestenrat ist sauer, dass wir ohne seine Zustimmung aufbrechen. Er hat sie uns nicht gegeben.« Er machte erneut eine Pause, während die beiden ihn erschreckt ansahen. »Er sagt, wenn wir gehen, brauchen wir nicht mehr zurückkommen.«
Entsetzen breitete sich aus. Irgendwann fing ‚der den Klee liebt‘ an zu jammern. »Ich will gar nicht eine neue Kolonie. Ich will euch nur begleiten.«
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schaute ihn fürsorglich an. »Ich weiß. Wenn du jetzt umkehrst, bleibst du in den Höhlen des Erol Andar. Und arbeitest wieder in den Stollen.«
‚Der den Klee liebt‘ schluckte. »Dort kann ich aber auch den Badin Grok sehen?«
»Ja. So oft du willst.«
Erleichtert seufzte ‚der den Klee liebt‘. Dann schaute er schuldbewusst zu den anderen auf.
»Mach dir keinen Kummer«, sagte ‚der durch die Lüfte fliegt‘. »Wir verstehen dich.« Damit schaute er zu ‚der den Daumen klopft‘ hinüber. »Was ist mit dir? Kommst du mit mir mit?«
‚Der den Daumen klopft‘ war sich nicht sicher. »Sind wir die einzigen in der neuen Kolonie?«
»Nein.« ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ lächelte herzlich. »Wir haben die Erlaubnis, andere zum Mitmachen zu fragen. Das geht aber nur vom Banur Alta aus. Wir dürfen nicht mehr in die alte Kolonie.« Er sah ‚der den Daumen klopft‘ weiterhin ruhig an, bevor er fortfuhr: »Doch erst suchen wir uns ein geeignetes Gebiet.«
Erleichtert schaute ‚der den Daumen klopft‘ ihn auf. »Dann bin ich mit dir!«
Jetzt wandte sich ‚der durch die Lüfte fliegt‘ an Woron: »‚Der mit dunklem Haar‘, wohin gehst du?«
Hatte Woron etwas von allem verstanden? Er war sich selbst nicht sicher, merkte nur, dass sie etwas von ihm wollten. ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ deutete mit den Flügeln über die Savanne. War das sein neues Revier? Groß genug war es. Und hatte viele Tiere zum Jagen. Doch schon bei der Annäherung an den See hatte es auch nach anderen Löwen gerochen. Er war sich sicher, dass es hier mehrere Rudel gab. Hier musste er sich erst in einem Kampf auf Leben und Tod durchsetzen. Aber ein neues Rudel zu annektieren, warum nicht? Und sich auf Kämpfe einlassen? Das war riskant. Er würde keinesfalls einen Kampf riskieren, da er bereits ein eigenes Rudel besaß.
Er wägte ab. Soweit ihm sein Verstand klar machte, war dieses Revier größer als das im Hochtal. Aber es gab hier zu viele Konkurrenten. Und zu viele Feinde wie den Mammuts. Egal, welche Vorteile es gab. Es war alles noch so neu!
Langsam begann Woron, davon zu trotten. Er liebte das Jagen. Aber auch die Sicherheit eines ruhigen Lebens. Er schaute sich noch einmal um. Die drei Dracos saßen im Gras der Uferböschung und schauten ihm hinterher. Er kannte seinen Weg zurück. Und plötzlich erfüllte ihn eine Sehnsucht nach seinem eigenen Rudel, dass er ein wildes Brüllen ausstieß, sich endgültig umdrehte und in raschem Trab davon eilte.
»Auch er hat sich entschieden«, sagte ‚der durch die Lüfte fliegt‘, »und auch du, ‚der den Klee liebt‘. Folge ihm und bring ihn zurück durch den Berg.« Er hielt inne und schaute zu ‚der den Daumen klopft‘. »Bist du sicher, du begleitest mich?«
Dieser betrachtete seine Flügel, begann ein wenig, sie hin und her zu schwingen, und erhob sich dann in die Lüfte. »Kommst du mit, den Berg suchen?« Und schon war er auf den Weg zum Horizont, da wo sich der Himmel mit dem Erdboden paarte.

Woron hatte genug gesehen. Er war dort gewesen, wo einst seine Ahnen zuhause gewesen waren. Und er hatte den Banur Alta gesehen, wo Laudean gelebt hatte, und von wo er sein Rudel über den Erol Andar geführt hatte.
Zwar hatte Woron Laudean nie gesehen, und keiner seiner Gefährten kannte die genaue Geschichte von dessen Wanderung. Aber seine Geruchsnerven erkannten den See als den Ort, an dem der Ahn damals aufgebrochen war.
Er kannte nun einen viel kürzeren Weg durch den Berg, um von einem See zum anderen zu gelangen. Aber er fragte sich, warum er ihn auch nur einem seiner Löwen zeigen sollte. Denn jetzt erkannte er wie einst Laudean den Vorteil, der ihnen Badin Grok bot: die Ruhe und Sicherheit des Rudels und für jeden ein langes Leben.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ und ‚der den Daumen klopft‘ aber flogen in die entgegengesetzte Richtung. Sie brauchten bloß ihre Flügel ausbreiten, und schon wurden sie von den Passatwinden erfasst. Diese trieben sie schnell über das Land. Sie kamen über Senken und kleinere Bergkämme, aber es dauerte einen halben Tag, bis sie in weiter Ferne die Spitze des Berges sahen, wie sie weiß in der Abendsonne leuchtete.
Sie beschleunigten ihren Flug, um vor Einbruch der Nacht anzukommen. Die Savanne war bald von niedrigen Krüppelkiefern und Dornenbüschen abgelöst. Bis sie sich den Skeletten eines Waldes näherten, der vollkommen versteinert und wie tot aussah, und von dem kein einziges Geräusch ausging.
Verwundert flogen sie darüber hinweg, aber da sie bereits den Erol Taut dicht vor sich sahen, der der höchste Berg Boronans war, unterbrachen sie ihren Flug nicht. Zu ihrer Erleichterung gewahrten sie, dass in der Nähe der Abhänge die Vegetation wieder grüner und fruchtbarer wurde. Und sie auch Tiere zu sehen bekamen, die in der kargen Dürre der Steppe eine Zeitlang wie verschwunden schienen.
Unter ihnen erhoben sich jetzt die ersten Bäume, von denen sich einige zu stattlichen Riesen entwickelten. Sie flogen tiefer und gewahrten unter sich eine Vielzahl kleiner Tiere, die in den Bäumen lebten. Spechte klopften an die Stämme, ein Schwarm Hornissen verfolgte sie kurze Zeit, und als die Bäume wieder weniger wurden und blankem Felsen wichen, sahen sie auf halber Höhe des Berges eine Reihe von Höhlen, vor denen sich ein kleines Plateau abhob, das mit hartem Spinifex überwachsen war.
Mittlerweile war auch hier die Sonne untergegangen, und die Dunkelheit kroch wie ein Schatten den Berg hoch. Hier wollten sie die Nacht bleiben. Vorsichtig flogen sie in die Schwärze der Größten der Höhlen, aber sie sahen mit dem Infrarot ihrer Augen die kahlen Wände, die sich erst tief im Inneren zu einer schmalen Kammer verjüngten.
Plötzlich vernahmen sie genau von dort ein Brausen und Fipsen, dass sie sich unwillkürlich duckten. Zum Glück, denn mit einem Mal erschien eine dichte Wand, die sich ständig bewegte und zu einem Schwarm tausender Fledermäuse anwuchs.
»Vorsicht!«, warnte ‚der durch die Lüfte fliegt‘, und presste sich an den Boden, um nicht von der Wucht des Schwarms mitgerissen zu werden. Aber auch ‚der den Daumen klopft‘ hatte sich bereits zu Boden geworfen.
Nac einer Weile war der Spuk zu Ende und Stille senkte sich über die Höhlen. In ihrem ersten Schreck waren sie hinausgelaufen und hatten dem Schwarm hinterhergeschaut. Danach begannen sie, sich langsam wieder in Richtung Höhle zu orientieren und tiefer in sie einzudringen.
Kleine, weiche Pilze wuchsen zu ihren Füßen, und Käfer und Spinnen krabbelten an den Wänden herum. Aber sie fanden hier tief im Inneren der Höhle nichts Besonderes und wandten sich wieder dem Ausgang zu. Dann betraten sie auch die anderen Höhlen, die sich neben der großen befanden. Auch sie waren jetzt leer und verlassen.
Da sie nun wussten, dass diese Grotten voller Fledermäuse waren und auch von Insekten bewohnt wurden, krallten sie sich am Eingang in eine Nische über dem Boden fest und verbrachten die Nacht in einem mehr oder weniger unruhigen Schlaf. Jederzeit erwarteten sie die Rückkehr der Tiere. Und in der Tat, als sie das erste Morgenlicht erreichte, kamen alle zurück.
Bald war die Höhle von Gekreische und Gefiepse erfüllt, dass sie schnell beschlossen, weiter zur Spitze des Berges hinaufzusteigen.
»Essen wir erst«, drängte ‚der den Daumen klopft‘, da er nicht wusste, ob sie oben die nötige Ruhe dazu finden würden.
Und obwohl ‚der durch die Lüfte fliegt‘ viel zu ungeduldig und aufgeregt war, nahm er sich doch zusammen und teilte sein Mahl mit dem Gefährten. Dann erhob er sich entschlossen und spannte die Flughäute auseinander. ‚Der den Daumen klopft‘ wollte sich noch säubern und fing an, mit seinem Schnabel an der feinen Lederhaut entlangzufahren. Aber ‚der durch die Lüfte fliegt‘ sagte: »Dazu ist später Zeit. Jetzt geht es los. Die letzte Strecke fliegen wir.«
‚Der den Daumen klopft‘ zog ein wenig den Kopf ein. »Aber mit verklebten Flügeln…?«
Doch ‚der durch die Lüfte fliegt‘ hörte gar nicht mehr hin. Schon zeichnete er sich als dunkle Kontur am blauen Himmel ab.
»Aber warum sind wir nicht gestern bereits geflogen?« ‚Der den Daumen klopft‘ hatte ihn mittlerweile eingeholt.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ schniefte durch die Nasenlöcher seitlich seines Schnabels. »Da waren Bäume und viele andere Pflanzen, die etwas Interessantes verbergen konnten. Ab weiter oben gibt es nur kärgliche Vegetation. Den glatten Fels können wir viel besser im Tageslicht überblicken.«
Und sie zogen immer höher, bis die Luft dünner wurde, und die Kälte zunahm. Erster Schnee war im Schatten der Vorsprünge zu erkennen. Aber sie hatten schon die oberste Felsnase vor Augen. Auf ihr war ein flaches, kleines Plateau, die höchste Erhebung Boronans. Um sie herum war alles weiß, und nur einige Felsnadeln erhoben sich grau und unbedeckt aus dem Schnee. Die helle Pracht und der klirrende Frost ließen sie ein wenig zittern. Zwar ruhte in ihren Genen noch das Frostschutzmittel, dass sie vor über einer Milliarde Jahren als bläuliches Blut gegen die arktische Kälte auf Scharn, als sie noch eine Mikrobe waren, gebildet hatten, und das sich noch als ein kleiner, ungenutzter Bestandteil in ihrem nun roten Blut befand. Aber es war lange nicht eingesetzt worden und wurde deshalb trotz der Kälte nicht sofort aktiv.
Erschöpft ließen sie sich nieder, denn die dünne Luft hatte sie kaum noch getragen. So hoch waren sie noch nie gewesen, nicht einmal im Flug. Der Wind wehte hier heftig, und sein Rauschen raubt ihnen fast die Worte.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ deutete weit vor sich nach unten. Da erhob sich der Erol Andar. Beinahe feierlich standen sie eine Weile zusammen und ließen die Eindrücke auf sich wirkten. Hinter ihnen sahen sie die Nordkante Boronans, und fast meinten sie, den Ozean an die Küste donnern zu hören. Doch es war nur der Wind, der mittlerweile stärker wurde. Sturm kam auf und zerrte an ihren Flügeln.
»Lass uns runtergehen. Ich will von hier oben einen sicheren Pfad ins Tal finden.« ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ hielt sich nicht lange auf, und auch ‚der den Daumen klopft‘ beeilte sich, wegzukommen. »Bald wird es ungemütlich. Und vielleicht gefährlich.«
Sie krabbelten durch enge Krater und an sperrigen Vorsprüngen vorbei, die sie oft mehr flatternd als laufend überwanden. Auch drohte der Abgrund vor ihnen unendlich tief und fiel teilweise steil hinab. Aber bald hatten sie eine Wand des Erol Taut erreicht, die flacher verlief. Hier konnten sie sich bequem durch das Geröll schlagen.
Zwar mussten sie aufpassen, dass sie dabei keine kleinere Lawine auslösten, die einen Steinschlag in Gang brachte und sie mit zu Tal riss. Aber sie waren vorsichtig und hielten ihr Augenmerk zu ihren Füßen gerichtet.
Mit der Zeit wurde es wärmer, und auch die Sonne stand nun in ihrer höchsten Position. Weiter unten gewahrten sie eine kleine Ebene, auf der erstes Gras den bis hier kahlen Fels bedeckte. Ein kleiner Pfad wand sich hinab. Er war etwas ausgetreten und führte sie geschickt um Felszacken herum und unter Vorsprünge hindurch. Ihre Schritte beschleunigten sich, so dass sie bald das einladende Plateau erreichten.
Als sie um die Ecke eines riesigen Felsens blickten, gewahrten sie eine herrlich große Höhle. Ihr Eingang war von Efeu umsäumt, der sich am Gestein emporrankte. Zwischen seinen kleinen Blättern lugten rotblaue Blüten hervor, die einen süßen Duft ausströmten, der sie wunderlich betörte.
Kurz hielten sie inne, um sich dem Eindruck der Höhle hinzugeben. Doch dann schritt ‚der durch die Lüfte fliegt‘ schnell voran und verschwand in ihrem Inneren.
‚Der den Daumen klopft‘ kam kaum hinterher. »Wo willst du so schnell…«
Da gewahrte er plötzlich ein fürchterliches Brüllen. Erschrocken drehte er sich um und sah vor sich ein riesiges Tier. So was hatte er noch nie gesehen. Es war so groß wie ein Mammut, konnte aber auf seinen Hintertatzen stehen und die Vordertatzen heben, so dass es den ganzen Eingang einnahm und den vorderen Teil des Raumes vollkommen verdunkelte.
Erschrocken stieß er ein helles Kreischen aus, aber schon hatte ihn eine der mächtigen Pranken am Kopf erwischt. Nur dank der harten Lederhaut wurde er nicht sogleich bewusstlos. Aber er flog quer durch die halbe Höhle.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ hörte seinen Gefährten schreien. Als er sich umdrehte, riss dessen Ruf abrupt ab. Und er sah ihn bewusstlos durch die Luft fliegen.
Sofort lief er zu ihm hin, als er in den Augenwinkeln eine riesige Gestalt auf sich zukommen sah. Es war ein Schneebär, der diesen Fels bewohnte. Und er war außerordentlich wütend, denn noch nie war jemand ungefragt in seine Höhle eingedrungen.
Fauchend fixierte er jetzt den zweiten Drachen, der im Vergleich zu ihm außerordentlich klein vor ihm stand. Doch der öffnete plötzlich den Rachen, und heraus schoss eine gewaltige Flamme, die den Bären erfasste und sein Fell augenblicklich in Brand setzte.
Wild brüllend und um sich schlagend wollte er die Flammen löschen, doch aus dem Geschöpf vor ihm kamen immer neue Salven feuriger Stöße, die ihm die Sicht nahmen. Bald brannte sein ganzes Fell, und der Qualm seiner eigenen Haare nahm ihm den Atem.
Voller Panik drehte er sich um und rannte brüllend hinaus. Doch auch dort hielt der Feuerbeschuss an, denn ‚der durch die Lüfte fliegt‘ flog nun über seinem Kopf hinweg und bestrich den verzweifelt davonlaufenden Bären mit einer Brandgarbe nach der anderen, dass dessen mächtige, schwere Gestalt am Rand des Plateaus ins Stolpern geriet, mit großem Gedonner stürzte und auf die steinige Abhangkante prallte.
Wild und blind, da mittlerweile sein Augenlicht geschmolzen war, schlug der Bär ein letztes Mal um sich. Dann trat er ins Leere und verlor die Balance. ‚Der durch die Lüfte fliegt‘ sah, wie der Schneebär hinunterkrachte und sich mit einem letzten Schrei auf einem Grat aufschlug, von wo er tief in das unten gelegene Tal fiel.
Aber er hielt sich nicht lange am Anblick des zu Tode stürzenden Bären auf. Schnell kehrte er um und flog zur Höhle zurück. Da sah er schon ‚der den Daumen klopft‘ im Eingang erscheinen. Erleichtert landete er vor ihm, umarmte ihn mit flatternden Flügeln und rief: »Ich dachte, er hat dich... Aber du bist heil?«
Sein Freund schüttelte sich ein wenig. »Mein Kopf dröhnt noch. Aber es ist wohl nichts gebrochen.«
Besorgt sah ihm ‚der durch die Lüfte fliegt‘ in die Augen.
»Mir ist bloß ein bisschen schwindelig.« Und dann lächelte er seinen Freund ein wenig schief an. Es war noch kein Lachen, aber es war schon mehr, als dass sich nur der Mund auseinandergezogen hätte. Darin lagen Emotionen, die Gefühle der Freundschaft und auch das Wissen, dass sie sich etwas erkämpf hatten, etwas, das zu ihrer neuen Heimat werden sollte.
Und auch ‚der durch die Lüfte fliegt‘ teilte dieses Gefühl mit seinem Freund und verzog seinen Mund, indem er den Freund nachahmte. Auch für ihn war dies jetzt die Heimat, und sie sollte die neue Kolonie werden, die er sich so sehr erträumt hatte.
»Glaubst du, dass es noch mehr von ihnen gibt«, fragte ‚der den Daumen klopft‘.
‚Der durch die Lüfte fliegt‘ sah sich um. Es herrschte wieder Ruhe auf dem Plateau, nur das Rascheln des Windes in den Blättern des Efeus drang an ihre Ohren. »Wohl nicht. Aber wir sehen uns die Gegend genauer an.«
Beide suchten in der Höhle nach Spuren weiterer Schneebären. Dann entdeckten sie eine kleine Quelle weiter hinten, die leise aus dem Fels sickerte und nach wenigen Metern wieder in einer Felsenritze verschwand. »Wir haben Wasser«, war ‚der den Daumen klopft’s Kommentar. Es war zu ihrem Erstaunen warm und beheizte diesen Teil der Kammer, und sie wussten, dass sie den Hauptsitz ihrer neuen Kolonie gefunden hatten.
Sie begutachteten auch die Umgebung ihrer Höhle, in der sie bald leben würden. Eine Spur toter, skelettierter und halb gefressener Tiere pflasterte die Wege bergab. Der Schneebär hatte eine gewalttätige Herrschaft gehabt, die nun beendet war. Bald schon sollten die Tiere des Berges wieder dessen Abhänge in Frieden bewohnen. Die ersten Vögel begannen bereits ihren Gesang. Und als sie den Weg zum Tal einschlugen, begegneten sie auch dem Dromedarion, dem Bergschaf des Erol Taut, das in dicke Wolle gegen die Kälte des hohen Berges gepackt war. Und als sie im Tal anlangten, erhoben sie sich endlich wieder in die Lüfte und sahen grünen Wiesen unter sich, die sich direkt zu Füßen des Berges befanden. Doch auf dem Weg zum Andar begegneten sie erneut den Krüppelkiefern des toten Waldes, wo Laudean dereinst umgekehrt war.
»Ich frage mich, warum dieser Teil der Bäume so verdorrt ist«, sagte sich ‚der durch die Lüfte fliegt‘. »Ich kann keinen Grund sehen, warum hier nichts lebt.«
Und er wandte sich an ‚der den Daumen klopft‘: »Wenn wir in der Nähe dieses Wäldchens unsere Gärten anlegen, dann müssen wir wissen, warum das er so ist.« Dann setzten sie zum Abflug an. Majestätisch erhoben sie sich in die Lüfte. Doch ihr Ziel war nur der Banur Alta, da ihnen die Rückkehr zum Erol Andar verboten war. Dort wollten sie sich vorläufig niederlassen, um Bewerber für ihre Kolonie suchen. Und um dem Ältestenrat von der Eroberung des Erol Taut zu verkünden.