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Literatur

die Sage von Draconar

die Sage von Draconar

- ein Sciencefiction von Rainer Kempas -
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Literatur
die Sage von Draconar



Der See Banur Alta

L audean liebte es, im Schatten der Akazien zu liegen und von hier die weiten Ebenen, die sich um den See zogen, zu betrachten. Er war doppelt so groß wie die heutigen Löwen der Erde. Sein riesiger Kopf bewegte sich kaum, und wenn, dann schüttelte er ihn so gewaltig, dass die in den Haaren der Mähne befindlichen Fliegen auseinanderspritzten. Sie waren ihm eine Qual, und er liebte es bisweilen – auch wenn er sie nie erwischte – nach ihnen zu schnappen, um ihnen seine Überlegenheit zu dokumentieren.
Meistens verschlief er den Tag und döste ohne einen einzigen Gedanken zu hegen vor sich hin. Es geschah nur selten, dass er dabei gestört wurde, und wenn, dann konnte er aufbrausend sein. Sei es, dass ihm eine jaulende Sandhyäne vor die Nase lief, und ihr keckernder Ruf ihn weckte. Sei es, das sich eine Vogelschar, aus Badin Grok kommend, sich über ihm in den Bäumen niederließ und anfing, sich laut kreischend über den kommenden Fischfang aufzuregen. Nicht ohne es mit einem oder zwei kleinen Klecksen auf seinem sauber glänzenden Fell zu vermerken. Sollte dabei sogar seine prachtvolle Mähne getroffen werden, so wurde er geradezu zornig und brüllte dermaßen, dass sich die Vögel für alle Zeiten von ihm fern hielten.
Manchmal aber kam auch eines seiner kleinen Babys auf ihn zu und spielte mit den beiden dunklen, buschigen Enden seines Schwanzes, die vom Hauptstrunk abstanden und ihm eigentlich zur Zierde und auch als Werbung bei der Paarung dienten. Auf ihre regelmäßige Pflege hatte er immer ein Auge und verwahrte es sich, wenn sich ihnen jemand ungebührend näherte und sie berührte. Jedem anderen hätte er es übel genommen, das prachtvolle Symbol seiner Männlichkeit auf diese Art zu verunglimpfen. Doch seinem Nachwuchs konnte er nichts abschlagen und schluckte stets aufkommende Brüllattacken herunter, die angesichts der Bisse spitzer Milchzähnchen in seine Schwanzenden in ihm hochsteigen wollten.
Besonders Kibi, der frechste seiner Neugeborenen, krabbelte immer wieder auf ihn rauf und benutzte seinen Rücken als eine Art Rutsche. Dann be-gann Laudean doch ein wenig die Geduld zu verlieren, und er schüttelte seine kurze Mähne, um den kleinen Racker abzuwerfen, der sich immer wieder darin verfing.
Sobald er sich ausreichend Ruhe verschafft hatte, widmete er sich dem Anblick seiner zehn Frauen, die ihm im Laufe der Zeit eine Menge Nachwuchs geschenkt hatten. Sie lagen um ihn herum unter den Akazien und dösten in der Mittagssonne.
Loreal nahm nun Kibi zu sich und legte ihn unter ihre Achselhöhle, damit er seinem Vater nicht weiter auf die Nerven ging. Dort befanden sich auch die Milchdrüsen, geschützt zwischen ihrem Körper und den kräftigen Vor-derläufen. Kibi klappte mit seiner kleinen Nase den dortigen Hautlappen um, in dessen Tasche sich die Zitze befand. Und sobald er sie in seinem Mund fühlte, begann er seelig einzuschlummern. Loreal war zwar nicht seine leibliche Mutter, aber die Babys wurden von allen Müttern angenommen und großgezogen.
Die Steppenlöwen hatten, wie bei fast allen Säugetieren üblich, immer nur zwei Babys zurzeit. Doch die Milch war eiweiß- und vitaminhaltig und sie wuchsen schnell heran. So konnten sie nach einem halben Jahreszyklus abgestillt werden und sich, da die Gemeinschaft der Löwen zumindest den Weibchen ein Leben lang Schutz gewährte und sie weiterhin umsorgte, zu starken Junglöwen entwickeln. Die männlichen von ihnen wurden aber nach zwei Jahren verjagt oder verließen freiwillig das Rudel, um sich einer Gruppe gleichaltriger anzuschließen.
Die Mütter wurden gleich wieder fruchtbar, und so konnte es in Jahren, in denen es viel Fleisch gab, passieren, dass die Gruppe sich verdoppelte.
Der Trieb ließ die männlichen Jungtiere zusammen durch die Steppe wandern und fernere Gegenden erkunden, so dass sie bald außer Reichweite der ehemaligen Familie gerieten und diese nur noch selten zu sehen bekamen. Dann lernten sie andere Rudel kennen und eroberten sich junge Löwinnen, um mit ihnen eine neue Familie zu gründen.
So hatte auch Laudean einst seine ersten Bande geknüpft. Er war schon damals ein starker Löwe gewesen, und alsbald hatte er einen ansehnlichen Harem um sich geschart. Doch der ständige Kampf um seine Weibchen und die fortwährenden Attacken und versteckten Abwerbungen anderer Männchen nervten ihn zusehends, und er begann, sich andere Jagdgründe zu suchen. Doch überall traf er immer wieder auf Rudel von Junggesellen, so dass er zu der Überzeugung kam, dass eine ruhige, abgelegene Gegend den besten Schutz bot. Er hatte weniger zu verteidigen, und wurde dafür weniger angegriffen. Sein Leben würde ruhiger verlaufen und er für immer der Chef bleiben. Normalerweise wechselten die anderen Rudel alle 2 bis 3 Jahre ihr Oberhaupt. Doch auch hier, am Ufer des Sees, wo es viele Konkurrenten gab, stand Laudean schon seit über elf Jahren seiner Gruppe voran. Das kam, wenn überhaupt, ausgesprochen selten vor.
Auch wenn diese Lebensweise nicht einem unbedingten Kalkül entsprang, so war ihm doch gewiss, dass er sein Ziel, einen ruhigen Lebensabend zu verbringen, in dem er bis zum Schluss das Oberhaupt seiner 30 Löwenfrauen und Kinder bleiben würde, erreichen konnte. Doch je länger er nun lebte und keine allzu schweren Verletzungen erlitt, kam ihm nicht der Sinn nach Ver-änderung. Sich von selbst eine einsamere Gegend aufzusuchen. Solange er kräftig und zufrieden war. Hier gab es schließlich immer genug zu essen. Und bislang konnte er jedem fremden Männchen, das sich ihm in den Weg stellte, zeigen, dass er der Chef des Sees war.
Soweit ihm bewusst wurde, lief er nicht Gefahr, dass sich daran so schnell etwas ändern könnte. Er hatte ein fruchtbares Gebiet voll saftiger Wiesen mit den unterschiedlichsten Gräsern, die die verschiedensten Tiere anzogen. Er musste sich nicht lange mit Warten gedulden, bis seine Familie wieder einen Riss schlug. Und der Ben Sarion, der Fluss, der die Savanne bis zum See durchzog, besaß – so viel er sich vorstellen konnte – zu jeder Jahreszeit genug Wasser.
Es musste einmal Tage gegeben haben, an denen es nur Bächlein gewesen waren, die dort mündeten. Das heute schier unermessliche Nass der Flussauen, die durch die Savanne liefen, war nicht immer so unermesslich gewesen. Als er einmal mit einem Rudel Junglöwen in Richtung des Berges Erol Taut gezogen war – nur etwa in dessen Richtung, blieb er irgendwann zögernd stehen, weil die Savanne alsbald niedrigen Krüppelkiefern und Dornenbüschen wich. Nur langsam ging er noch weiter, bis er zu einem ausgedehnten Wald gelangte, der aber vollkommen versteinert war und um den alles herum wie tot aussah. Es gab kein Gras mehr, das zwischen den alten, aus der trockenen Erde brechenden Wurzeln wuchs. Und er konnte auch keine Vögel ausmachen, die sich auf den abgewetzten Ästen der alten Hölzer niederließen.
Doch von hier aus vermochte er den Berg zwischen Nebelringen, aus denen seine Spitze hervorragte, endlich erkennen. Aber er war noch so weit von ihm entfernt, dass ihn der Mut angesichts der trostlosen Gegend, die hier die Savanne bestimmte, endgültig verließ. Er kehrte um mit der festen Meinung, das hinter dem Berg das Ende der Welt käme.
Bisweilen gedachte er noch dieser und anderer Orte, die ebenso unwohnlich waren. Deren Gebiete sich bis weit in den Norden ausdehnen mochten, und in denen es immer kälter wurde. Aber davon hatte er nur eine etwaige Vorstellung. Und lediglich seine Neugier und Abenteuerlust hatte ihn dazu bewogen, überhaupt die Gebiete um den Erol Taut aufzusuchen.
Abe immer wieder schien es seine Gedanken zum Erol Taut zu ziehen. Allein die Tatsache, dass er der höchste Berg auf Boronan war, ließ ihn für viele Lebewesen zu einer Herausforderung werden. Aber auf seinen oberen Hängen schimmerten weiße Flecke, die die gesamte Spitze einnahmen. Dann fröstelte es ihn unwillkürlich, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass es tatsächlich die Kälte war, die sie werden ließ. Denn als er zu Füssen des Berges gestanden hatte, war es ein wunderschöner, warmer Tag gewesen.
Am Ende blieb nicht mehr viel für Laudean, was er noch begehren konnte außer einem langen, ruhigen Lebensabend. Und die eigentliche Sanftmut seines Wesens beließ es dabei, und es erwuchsen keine weiteren Verlangen. Er fand, dass seine Sesshaftigkeit etwas Stabiles hatte. Etwas, das gleichmäßig durch ihn floss und ihm noch ein langes Leben gewähren würde.
Denn allmählich dämmerte ihm, dass er nicht immer gewesen war und immer sein würde. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, die Dinge ruhig zu betrachten. Die anderen Mitglieder seiner Familie. Die sich eines Tages hinlegten, um ewig zu schlafen. Auch hatte er schon zu viele Gefährtinnen gesehen, die bei einem Riss das Horn eines Büffels ins Herz gestoßen bekamen. Und Andere, die sich nicht mehr wohl fühlten, und sich übergaben. Und langsam die Augen schlossen, um sie nie mehr zu öffnen. Auch die Beute, die er ständig riss, deren Augen vor ihm brachen. Sie alle fanden ein Ende. Selbst die Pflanzen in seiner Umgebung veränderten sich. Irgendwann fielen sie zusammen und wurden eins mit der Erde, aus der sie stammten.
Er hatte wahrgenommen, wie sich seine Söhne in die Ferne aufmachten und selbst Söhne bekamen. Und es war ihm auch nicht erspart geblieben, den frühzeitigen Tod einiger Kinder zu erleben. Und meistens war es, dass sie starben, weil andere sie fraßen. Oftmals von Tieren wie dem Säbelzahnmammut, die sie selber jagten.
Ja, ihm war klar geworden, dass es einen Anfang und ein Ende gab, wie die Quelle, die sich aus den Bergen in die schäumenden Wogen des Flusses ergoss, der im See Banur Alta mündete. Wie die Abhänge des Erol Andar, die zu seinen Füßen begannen, und die er hoch oben in den Wolken verschwinden sah. Oder wie der Herbst, dessen Früchte und saftige Gräser im Winter vergingen und im Frühjahr wiederkamen.
So oder ähnlich musste es auch ihm eines Tages ergehen. Es gab kein Wort dafür, weil seine Sprache nur aus Schnurren, Grollen und Brüllen bestand. Aber manchmal schien es ihm, dass es auch mit ihm ein Ende haben könnte. Und dass es keinen Sinn hatte, darum zu kämpfen oder davor wegzulaufen. Irgendwann würde er sich wie all die anderen hinlegen, um nur noch zu schlafen.
Laudean betrachtete Sinsa, seine erste Gefährtin. War sie sich auch im Klaren, dass sie nicht ewig sein würde? Oder das sie eines Tages keine Kraft mehr hatte, den Duft des Fleisches zu wittern?
Er wusste nicht, was das bedeutete. Aber ihm wurde klar, dass er – wenn es soweit war - auch nichts mehr fühlen würde und nichts mehr sah. Seine Welt gäbe es dann nicht mehr, auch wenn alles um ihn herum weiterlebte.
Laudean leckte seine Tatze und kratze sich mit ihr an der Seite. Dann erhob er sich und begann zu brüllen, wie er es selten tat. Seine Lungen pressten sich zusammen, und schmerzlich wurde ihm bewusst, dass nicht mehr diese Kraft von ihnen ausging, die seine Stimme über den See ans andere Ufer schicken konnte.
Seine Gedanken wurden von Sinsa unterbrochen, die ihn schon eine Weile beobachtet hatte und ihm jetzt zärtlich über die Stirn leckte. Und noch während er ihre Zunge auf seinem Fell spürte, hörte er den Jagdruf der kleinen Sandhyänen. Schnell blickte er auf und gewahrte, wie eine Gazelle mit großen Sprüngen über die Ebene Schoss, immer dem Ufer des Sees entgegen. Hinter und neben ihr gewahrte er jetzt ihre Verfolger, die sie bald eingekreist hatten. Dem verängstigten Tier blieb nur noch die Flucht ins Wasser, wo schon die Krokodile auf sie warteten. Wenn Laudean genau hinschaute, konnte er die drei Zahnreihen mit den beiden Eckzähnen, die seitlich aus den flachen Köpfen abstachen, erkennen.
Doch mit einem Mal schlug die Gazelle einen Haken und sprang zur Seite, wo sie neben einem Krokodil, dessen Maul sich in diesem Moment öffnete, landete. Ohne zu zögern rannte das verängstigte Tier im seichten Wasser des Seeufers entlang davon. Seine längeren Beine besaßen einen Vorteil gegenüber den kleinen Hyänen. Diese sperrten nur ihre großen Mäuler auf und zeigten wütend ihr starkes Gebiss. Und noch ehe Laudean sich seine eigenen Chancen ausmalte, befand er sich schon auf dem Weg zum nahen Seeufer, und seine Schritte beschleunigten sich.
Da er nicht direkt im Wasser lief, hatte er einen bedeutenden Vorteil gegenüber der Gazelle. Die Hyänen, die keine große Kondition besaßen, waren bald abgeschlagen. Laudean war zwar auch nicht der Schnellste, aber er besaß große Erfahrung und teilte sich seine Kräfte gut ein.
Allmählich kam er der Gazelle näher. Er war zwar nicht mehr der Jüngste, aber seine Muskeln spannten sich noch und traten prächtig hervor. Von den Hyänen war bald nichts mehr zu sehen. Der See lag schon hinter ihnen. Von seinem Rudel waren ihm 3 Löwinnen gefolgt. Sie schlossen nun auf, da sie flinker und wendiger waren als er, und schwärmten in einem Halbkreis um die zusehends erschöpfte Gazelle aus. Sie versuchten das gehetzte Tier zu umrunden und von vorne anzugreifen. Damit würden sie sie direkt in die Fänge von Laudean jagen.
Dieser verlangsamte ein wenig, um zu Atem zu kommen und seine Kräfte zu bündeln. Dabei ließ er die Beute nicht aus den Augen. So merkte er auch, dass das Riet höher wurde. Bald waren er und die anderen Löwinnen darin verschwunden, und man sah bisweilen nur noch ihre Rücken in der glänzenden Sonne auftauchen.
Laudean begann sich schon auf den Riss vorzubereiten. Dabei duckte er sich im dichten Gras und schlich auf die Gazelle zu, die vor ihm schwer atmd stehen geblieben war. Ihr Geruch nach Schweiß und Angst stieg ihm betörend in die Nase.
Speichel sammelte sich in seinen Mundwinkeln. Als er ein wenig hochsprang, um sich einen Überblick zu verschaffen und sich die Position der Jagdbeute genau einzuprägen, entdeckte er in seinen Augenwinkeln ein riesiges Tier. Es besaß einen großen Kopf mit noch größeren Ohren. Seine gelben Augen fixierten ihn. Seine lange Nase hob sich drohend nach oben, wie eine Tatze, die zum Hieb ausholte. Aber das Schlimmste an ihm waren die Stoßzähne, die ihm zu beiden Seiten bedrohlich herauswuchsen.
Laudean hielt vor Schreck in seiner Bewegung inne. Seine Muskelatur spannte sich erneut, und sein ganzer Körper wurde starr, als ob er plötzlich zu Stein geworden wäre. Dann dachte er an seine Gefährtinnen, die vielleicht von dieser Gefahr nichts wussten. Seine Augen begannen zu funkeln, und er öffnete das Maul, dass sein Atem wie eine feuchte Wolke heraussprühte. Ein tiefes, wütendes Grollen folgte ihm und ließ die Luft vibrieren.
Doch das Mammut hatte die Löwen schon längst entdeckt und näherte sich ihnen mit schweren Schritten. Laudean wusste nicht, ob er sich ihm stellen oder weglaufen sollte. Als es dicht vor ihm zum Stehen kam, hob es seinen dicken Rüssel und begann zu trompeten, dass der Boden erzitterte. Unter seinen Füßen fühlte der Löwe die Schockwellen, die sich konzentrisch ausbreiteten und hörte, wie die Halme der Gräser aneinander rieben und zu rascheln begannen.
Bevor das Mammut ihn jedoch erreichte, sprang er zur Seite und duckte sich zu Boden. Schnell schlich er um das träge Tier herum, während er sich fragte, warum der sonst friedliche Riese ihn angriff. Doch es war keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn plötzlich sprang es zu der Stelle, an der er gerade gestanden hatte. Mit einer weiteren Drehung gelangte er erneut aus der Reichweite des großen Tieres. Er gewahrte dessen Schwanz, wie er hin und her peitschte. Das war für ihn Signal genug, aus dem Angreifer eine Beute werden zu lassen. Eine Beute, die noch viel ergiebiger war, als die kleine Gazelle zuvor.
Doch das Mammut war keineswegs so wehrlos wie der kleinere Springbock. Trotzdem schnellte sich Laudean auf dessen hohen Rücken und krallte die Vordertatzen in die dicke Haut. So hielt er sich fest, während er sich mit den Hinterläufen weiter nach oben drückte. Immer noch halb auf dessen Hinterteil begann er, seine starken Zähne in die dicke Haut zu schlagen. Nur wirklich starke Löwen konnten die lederne Haut durchbeißen. Aber Laudean wusste, dass es erst einmal darum ging, das Mammut zu ermüden.
In diesem Moment schrie das gewaltige Tier auf und schüttelte wie wild sein mächtiges Haupt. Dann lief es drei, vier Schritte vorwärts, hielt erneut inne und begann, mit dem kräftigen Rüssel nach hinten zu angeln.
Laudean war auf der Hut. Geschickt wich er der langen Greifnase aus und biss ein Stück Fleisch aus der Nackenmuskelatur. Dadurch begann das Tier, sich erneut zu schütteln und zu einem Galopp anzusetzen, der ihn abzuwerfen drohte. Doch nach nur wenigen Metern stoppte es plötzlich und senkte den Kopf zu Boden. Überrascht verlor Laudean die Balance und rutschte nach vorn. Mit der linken Vordertatze hielt er sich noch mittig auf dem Rücken des Mammuts fest. Doch dieses stieg nun lauthals trompetend auf die Hinterbeine, so dass der Löwe den Halt verlor und seitlich zu Boden fiel.
Sogleich war das Mammut wieder auf allen Vieren und drehte sich wut-schnaubend um. Laudean konnte gerade noch dem zornigen Hieb des schweren Rüssels ausweichen. Er sprang hoch und drehte sich in der Luft nach hinten. Aber da trat das Mammut schon mit dem rechten Vorderlauf zu und traf ihn am Kopf. Wie von einem Felsen getroffen, taumelte Laudean zurück, und ihm schwanden die Sinne. Er hörte jemanden vor Schmerz brüllen, der er selber war. Doch er konnte nicht mehr weglaufen. Blut lief ihm aus einer tiefen Wunde an der Stirn. Er versuchte, mit der linken Vordertatze nach einem Halt im Boden zu greifen, aber sie knickte um und griff kraftlos ins Leere.
Inzwischen hatte sich das Mammut weiter umgedreht und die aussichtslose Lage seines Feindes erkannt. Freudig und wütend trompetete es und machte einen Schritt auf Laudean zu. Tief senkte sich sein Haupt mit den Stoßzähnen, die nun dicht vor den Flanken des Löwen auftauchten. Da erscholl ein Orkan aus Grollen und Wut und ließ das hohe Gras der Ebene zur Seite schwingen. Sinsa hatte die erschöpfte Gazelle bereits am Hals ge-packt und zu Boden gedrückt, als sie Laudeans Brüllen gewahrte. Sie wollte bereits zum finalen Biss ansetzen, als sie ihn ein zweites Mal hörte. Diesmal jedoch voller Angst und Schrecken. Verwundert ließ sie von der noch blökenden Gazelle ab, drehte sich um und rannte zu ihm.
Als Laudean seinen schmerzenden Kopf hob, gruben sich bereits Sinsas Klauen tief in die Nackenmuskelatur des Mammuts, und zwei weitere Löwin-nen liefen um das verwirrte Tier herum und schnappten nach seinen Beinen. Das große Säbelzahnmammut schlug mit den Hinterbeinen aus, während sein Rüssel vergeblich versuchte, einen der Angreifer zu schnappen. Inzwischen hatte eine der zwei Löwinnen sich an ein Bein des Mammuts geklammert und begann, ihm auch dort schmerzhafte Wunden zuzufügen.
Stolz durchlief Laudeans Körper, und mühevoll erhob er sich zu gewohnter Größe. Dann schritt er zum Kopf des schwer atmenden Tieres, das sich immer heftiger gegen die Bissattacken der Löwinnen wehrte. Dabei verlor es jedoch zusehends an Kraft, und Sinsa, die nach wie vor an seinem Nacken hing, drückte den Kopf des Mammuts immer weiter nach unten. Da öffnete Laudean den mächtigen Rachen und schnappte sich dessen Kehle. Zuerst hatte er nur einen Hautlappen zwischen den Zähnen, und das Mammut konnte sich wieder losreißen. Aber beim zweiten Mal bekam der Steppenlöwe den unteren Teil des Halses zu fassen und verbiss sich darin. Sogleich wurden die Schmerzen an seiner Stirn wieder stärker, dass er das Bewusstsein zu verlieren drohte. Aber er wusste, dass er nur einen Versuch hatte. Und so hängte er sein ganzes Gewicht daran und zog das schwächer werdende und verzweifelt um sich tretenden Mammut immer weiter nach unten. Mit seinen Zähnen drückte er ihm die Luftröhre zu, so dass das wütende Trompeten des riesigen Tieres immer schwächer wurde und endlich erstarb.
Laudean war am Ende seiner Kräfte. Doch sie hatten das Säbelzahnmammut geschlagen, und würdevoll erhob er sich. Seine drei Löwinnen lagen um ihn herum. Auch ihr Atem ging schwer. Er blickte zum toten Tier. Die Zunge hing ihm aus dem Maul. Seine Augen waren verdreht, so dass das Weiß der Augäpfel die volle Höhle einnahm. Laudean wusste, dies war ein großer Sieg. Und er würde noch mehr Beachtung und Respekt erhalten von seinen Frauen. Und neue würden hinzukommen, um sich unter seinen Schutz zu stellen.
Inmitten seiner Gedanken ertönte ein ängstliches Tröten. Verwundert schaute er sich um. Aber das Mammut war tot. Doch das Schreien hielt an, und so erhob er sich langsam, richtete sich zur vollen Größe auf und schaute über die Spitzen der Halme. Da, am Ende der Wiese war jetzt ein kleines Tier zu sehen, voll dichter Haare, und mit einem Male wurde ihm klar, warum die Mutter ihn angegriffen hatte. Sie wollte ihr Baby schützen, so wie er selbst ausgezogen, das Fortkommen seine Familie zu sichern.
Ein seltsames Gefühl durchzog Laudean. So wie er wollte das Mammut seine Kinder schützen. Und jetzt war er es, der in sein Gebiet eingedrungen war. Er hatte die Absicht gehabt, die Gazelle zu töten, um sich an ihr zu nähren. Und er hatte das Säbelzahnmammut geschlagen, weil es ihn angegriffen hatte und ihm gleichzeitig eine viel ergiebigere Beute schien. Aber es hatte es nicht getan, um ihn zu fressen. Es wollte nur ihr Kind beschützen. Laudean erkannte eine viel größere Wahrheit hinter dem Angriff auf ihn. Es ging nicht nur ums Fressen. Auch die Gazelle wollte ihm kein Leid zufügen. Er war es allein, der das Fleisch anderer nahm. Für sie aber ging es um die Erhaltung ihrer Art.
Normalerweise wäre jetzt seine erste Reaktion gewesen, auch das Mammutkind zu töten, um es seiner Familie zum Fraß zu bringen. Doch diesmal ließ er davon ab. In einem plötzlichen Entschluss stand er auf, brüllte kräftig in Richtung des Babys und machte sich daran, die Mutter aufzureißen. Aber als Sinsa sich anschickte, zum Mammutkindes zu schleichen, um die Jagd zu einem endgültigen Abschluss zu bringen, knurrte er sie aus tiefstem Inneren an, so dass ihr das Blut gefror und sie unwillkürlich innehielt, um sich verwundert zu ihm zu setzen.
Sie verstand weder seine plötzliche Zurückhaltung noch sein Bestreben, das Kleine in Ruhe zu lassen. Aber Laudean duldete keine Widerworte, und die drei Löwinnen waren gewohnt, ihm widerspruchslos zu gehorchen.
Etwas in ihm wollte das Baby schützen, jetzt, wo er dessen Mutter getötet hatte. Es war noch von der Muttermilch abhängig, und seine Entwöhnung hatte gerade erst begonnen. Aber ihm fiel nichts ein, wie er ihm hätte helfen können.
So blieb das Schicksal des kleinen Säbelzahnmammuts ungewiss. Aber in Laudean setzte eine Gefühlswelt ein, die ihn sensibilisierte für seine Artgenossen und andere Spezies. Es war der Anfang einer Entwicklung, deren erste Bindeglieder das Unterscheiden zwischen den eigenen und den Bedürfnissen anderer war, wie das Hineinfühlen in ein Individuum. Es war ein emphatisches Verstehen, dass über die engen Grenzen seiner Rudelmitglieder hinausging, und fremde Löwen bis hin zu anderen Arten einschloss. Dieses Verstehen sollte später in einer höheren Ordnung münden, einer toleranteren Grundhaltung, der Akzeptanz territorial voneinander getrennter Gruppen und einer qualitativ neuen Kommunikation, die der Vorreiter der Sprache war, die irgendwann über die reine Lautmalerei hinausging. Die Variation von Brüllen und das Lesen von Mimik und Gesten, um den anderen zu verstehen, sollten irgendwann vervollkommnet werden durch das Herabsinken und nach vorne Gehen des Kehlkopfes, einer leichten Veränderung seiner Knorpelwände und des Zungenbeines und die Feinkalibrieren der Stimmbänder.
Aber die Evolution reist in Etappen. Nichts entsteht mit einem Mal. Laudean fühlte nur die Hilflosigkeit eines ihm wesensfremden Tieres. Doch was für ihn zunächst noch eine Ahnung war, konnte mit der Zeit eine Sensibilisierung werden, die über die Familie weitergegeben wurde. Und über die Stammesgruppe erfuhr es die gesamte Spezies. Und wenn eine solche Veränderung besonders nachhaltig und gut in die Umwelt eingebettet war, konnte es sogar passieren, dass sie über die Arten hinaus weitergeben wurde.
Laudean stand am Anfang einer Entwicklung, die eine höhere Form des Denkens, des Mitgefühls und der Kommunikation hervorbrachte. Dazu bedurfte es eines besonderen Tieres wie ihn, das mit großer Güte und sozialem Empfinden ausgestattet war. Und dem eine Intelligenz innewohnte, die in der Lage war, Probleme zu lösen und eine Gruppe zusammen zu halten.
Nicht umsonst hatte er sich so lange behaupten können. Gegen die Jahre, die Konkurrenten und feindlichen Raubtiere. Aber ebenso fiel es ihm zu, gerade in schlechten Zeiten für das Heil seiner Familie zu sorgen. Und sie über alle Klippen des Lebens zu bringen. Selbst die größten und schärfsten, die normalerweise jede Welle brachen, und an denen andere zerschellten.
Doch die größte Herausforderung, der er in seinem Leben begegnen sollte, stand ihm noch bevor. Er hatte sein ganzes Leben lang ein siegreiches und glückliches Leben geführt. Nun, im hohen Alter, einige Zeit nach den letzten Ereignissen, widerfuhr ihm etwas, dem nur jemand mit viel Erfahrung begegnen und es überleben konnte.
In den letzten Jahren war es erheblich wärmer geworden, und die Erwärmung nahm noch rasant zu. Die Achse Draconars hatte sich schon vor Jahren wie des Öfteren ein wenig geneigt, und manchmal hatten die Pole danach zu schmelzen begonnen. Diesmal war es zu nicht so starken Temperaturunterschieden gekommen, um die Welt zu überfluten. Aber doch genug, die Gipfel der Berge, die der Sonne am nächsten standen, intensiver zu beheizen und die Eiskappen der Spitzen zum Schmelzen zu bringen.
Daraufhin waren die Flüsse angeschwollen und ergossen sich über die Ebenen. Einige fanden den Weg bis ins Meer, wo sich der Ozean anhob und flachere Inseln überschwemmte. Lange, schmale Landzungen gingen unter, die vorher knapp über dem Meeresspiegel geruht hatten. Und Wolken zogen jetzt über die Savannen und begannen, sintflutartig herabzuregnen.
Der See Banur Alta, an dem Laudean mit seinem Rudel lebte, konnte zunächst noch viel Wasser aufnehmen, weil er es an die unterirdische Wasserader, die den Sumpf Tengig El Sterk im Badin Grok speiste, weitergab. Doch auch dieses Reservoir war bald erschöpft, und immer noch flossen die Wasser aus den vereisten Wipfeln des Erol Andar. Der See schwoll an zu einem eigenen Meer, und sein Küstensaum war nun nahe dem Gebirge. Bald erreichte er dessen erste Ausläufer. Die Wolkengüsse hatten den Boden hier ausgewaschen und blanken Felsen zum Vorschein gebracht. Die Vegetation verkümmerte und die Weidetiere mussten sich andere Wiesen suchen, um zu überleben.

So wurde die Nahrung auch für die Fleischfresser knapp. Normalerweise folgten sie den Pflanzenfressern. Und auch Laudean überlegte, den Trecks der Antilopen hinterher zu wandern. Doch vor ihm gab es kaum noch Land, da dieser Teil von Boronan sehr flach war. Eine Flucht dorthin war ungewiss und unsicher. Vielleicht konnten auch die letzten Refugien der Ebene noch überschwemmt werden. Es war eher ein Gefühl denn klares Wissen. Die meisten Tiere, die es taten, fanden tatsächlich den Tod, bevor sie eine höhere Ebene oder einen Berg erreichen konnten. So entschied sich Laudean, sich in die andere Richtung zu wenden: Er war bereits an den Berg Andar gedrängt worden. Jetzt musste er ihn nur noch besteigen.
Einigen war das bereits gelungen, wie die Population des dahinter liegenden Hochteiles bewies. Doch das waren eher kleine und wendige Tiere, vor allem aber Vögel. Keine großen Säuger wie Löwen und Mammuts.
Aber davon hatte Laudean keine Kenntnis. Weder von der Beschwerlichkeit des Aufstieges noch von dem, was ihn auf der anderen Seite erwartete. Und so begab er sich eines Tages auf den Marsch nach oben. Sein Rudel folgte ihm, und für die ersten Tage fanden sie auch genug Beutetiere, da der Anstieg noch nicht allzu steil war. Die Landschaft war ihnen vertraut und die Lebewesen die ihrer gewohnten Umgebung.
Doch irgendwann begann der wirkliche Anstieg. Geröll löste sich unter ihren Tatzen und donnerte als kleine Lawine hinunter. Der Pflanzenwuchs veränderte sich und damit auch die Tierwelt. Je karger und kleiner die Sträucher und Gräser waren, desto kleiner und flinker die Tiere. Zum Schluss waren sie nur noch rattengroß und konnten ein stattliches Rudel von 30 Löwinnen und Jungen nicht mehr ernähren. Nur zu trinken gab es immer genug. Manchmal flossen zu beiden Seiten des Weges, der oft eine Schneise zwischen den Bergkanten war, kleine Bäche, die sich weiter unten zu einem Fluss vereinigten.
Für Laudean stellte sich die Frage, ob er richtig gehandelt hatte. Ob der Weg nicht schlechter gewählt war als die Flucht durch die Savanne. Mühselig stapfte er nach oben und mied die Blicke der anderen. Noch konnte er in ihnen keinen Vorwurf ausmachen. Es gab noch keine Infragestellung, die er aber selbst schon in sich spürte.
Nachdenklich beugte er sich zur Seite, um aus dem dort fließenden Rinnsal einige Schlucke zu nehmen. Da meinte er, in der Ferne ein undeutliches Rauschen zu hören. Neugierig hob er den mächtigen Kopf und witterte. Aber es war nichts auszumachen. Jedenfalls schickte das Geräusch nicht den Geruch von Fleisch hinterher, den er so dringend begehrte.
So er kletterte den steiler werdenden Pfad weiter hinauf, und alsbald wurde das gedämpfte Rauschen zu einem tosenden Donner. Und als er, seinen Gefährten voranschreitend, um die Ecke eines Felsens spähte, gewahrte er ein Schauspiel, das er noch nie in seinem bereits langen Leben gesehen hatte.
Von ganz weit oben – so hoch, dass er dessen Anfang nicht erkennen konnte – stürzte sich ein schmaler, aber langer Wasserfall zu Tal. Manchmal fiel er in freiem Fall, manchmal knallte er stäubend und brechend auf Vorsprünge, die aus der Wand ragten. Aber immer suchte er seinen Weg gerade hinunter. So tief, dass er dessen Ende als kleinen dünnen Strich wahrnahm, dessen Aufprall er gar nicht mehr hörte.
Unwillkürlich hielt Laudean inne und setzte sich. Nicht, weil er diesen Anblick des donnernden Wasserfalls als majestätisch empfand. Sondern weil er ihm den Weg versperrte, der sich hier an den hinabstürzenden Wassermassen vorbei durch die Dunkelheit des sprühenden Daches schlängelte, das die Felsvorsprünge dicht dahinter bildeten.
Er wartete, bis sich das gesamte Rudel um ihn versammelt hatte. Dann blickte er sie der Reihe nach an und schnaubte. Am Ende richtete er sein Augenmerk wieder auf den Fall und ließ ein mächtiges Brüllen ertönen. Dann erhob er sich und ging weiter. Alle anderen folgten ihm.
Als sie dem tosenden Wasser näher kamen, wurden sie von einer kühlen Gischt umhüllt, die sie unwillkürlich zum Stillstand brachte. Doch nicht lange, und Laudean überwand sich und schritt in den milchigen Nebel hinein. Als er nicht mehr zu sehen war, erhob sich Sinsa und folgte ihm. Dann kamen die anderen hinterher.
Allmählich war ihr Fell vollkommen durchnässt, und ihre mehr oder weniger großen Mähnen troffen von Wasser. Aber keiner hielt an, denn hier wollten alle schnell wieder heraus. Laudean spürte den Fall donnernd neben sich hinuntertosen, während er auf einem schmalen Pfad am Felsen ging. Er musste sehr Obacht geben, dass er nicht wegrutschte oder sich vertrat. Und schlich vorsichtig an der feuchten Wand entlang, während die anderen ihm im Gänsemarsch folgten.
Es dauerte zum Glück nicht lange, da nahm er vorne zwischen der Gischt ein helleres Licht war. Und konnte bald wieder fest und sicher auftreten. Sie hatten ohne Schaden zu nehmen den Wasserfall hinter sich gelassen. Vor ihnen öffnete sich ein kleines Plateau, auf dem sie sich ausruhten und in der Sonne ihr Fell trockneten.
Erleichtert kam Sinsa auf ihn zu und leckte ihm die Mähne und das Gesicht. Dann wollte sie sich anbieten und legte sich mit dem Hintern vor ihn hin. Aber ihm war überhaupt nicht nach Sex. Er wollte nur den Kopf frei bekommen und nachdenken. Als Sinsa das merkte, legte sie sich neben ihn und schmiegte den Kopf an seine Tatze. Dabei suchte sie Blickkontakt mit ihm. Erst versuchte er, sie zu ignorieren, doch sie ließ ihn nicht ausweichen, bis er sich ihr stellte. Er hörte ihr leisen Schnurren, das ihn beruhigte. Und er fühlte ihre Zunge über seine müden Augen streichen, die ihn kühlte und seine Gedanken sanft fließen ließ.
Dann kamen auch anderen hinzu, seine Kinder und weitere Frauen, halbstarke Männchen und sogar kleine Babys, die nun mit der Quaste seines doppelendigen Schwanzes spielten. Für sie musste es besonders anstrengend sein, denn sie wurden noch gesäugt und kippten auf ihren kleinen Beinchen fast um vor Müdigkeit. Nur die Kleinsten wurden von ihren Müttern Huckepack genommen. Kibi, der dafür schon zu groß war, fiel neben Laudean auf die Seite wie ein Holzklotz und war sofort eingeschlafen.
Allmählich hatte die Sonne ihr Fell getrocknet und begann, heiß auf sie herab zu strahlen. Sie mussten wieder aufstehen und nach einem schattigen Plätzchen Ausschau halten. Am besten, wo es auch noch etwas zu jagen gab. Bald hatten sie zwar Unterschlupf unter einem riesigen Felsvorsprung gefunden. Aber zum Jagen war auch hier nichts zu finden.
Einige der Halbstarken schwärmten trotzdem aus, um nach geeigneter Beute Ausschau zu halten. Oder wenigstens nach irgendetwas Essbarem. Aber hier gab es nichts als den nackten Fels. Nicht einmal die lästigen Fliegen ließen sich blicken.
Laudean suchte den Berghang nach einem Weg ab, der sie weiter hinaufführte. Und nach Anhaltspunkten, die ihm die Anwesenheit von Wild signalisierten. Doch er fand keine Spuren. Er konnte lediglich einen kleinen Pfad ausmachen, der sich über etliche Felsvorsprünge zog, und der ihm am geeignetsten schien, den Gebirgspass zu erreichen. Doch ab jetzt mussten alle klettern, was mit ihren Pfoten nicht leicht zu bewerkstelligen war.
Laudean blieb weiterhin an erster Stelle. Aber er wurde immer missmutiger, je höher sie kamen und er nichts fand, das nach Nahrung aussah. Er war schon längst nicht mehr der selbstsichere, unerschrockene Führer, für den die anderen ihn noch hielten. Aber er durfte das nicht zeigen. Nicht einmal Sinsa, der er sonst all seinen Kummer anvertraute, indem er seinen Kopf zwischen ihre Pfoten legte.
Mit einem Mal hörte er ein Poltern, ein helles Kreischen, dass eine kurze Zeitlang noch zunahm, um dann von plötzlicher Stille abgelöst zu werden. Er wusste nicht, was es war, da es vom Ende des Zuges herkam. Doch dann schlossen die letzten auf, und er sah Sara, eine noch junge Mutter, wie sie allein am Rand des Abhangs saß und hinabschaute. Einige gingen wieder zurück und stupsten sie aufmunternd mit der Nase an. Irgendwann erhob sie sich und folgte wieder den anderen. Er ging auf sie zu, als sie sich Gram an ihm vorbeischleichen wollte. Das Kleine an ihrer Seite fehlte. Er begann, zärtlich ihren Hals zu lecken, legte dann eine Tatze auf ihren Rücken und trottete noch einige Augenblicke neben ihr. Ab und zu ließ er ein leises Grollen hören, bis sie sich beruhigt hatte und endgültig zum Rudel aufschloss.
Dann begann sich der Weg zu erweitern und mündete in einem neuen Hochplateau, dessen hintere Begrenzung von einem Wäldchen verdeckt war. Als Laudean sich den Bäumchen näherte, befiel ihn ein eigentümliches Frös-teln, und er zog unwillkürlich den Kopf ein, als der kühle Hauch des Windes ihn durchfuhr.
Die Äste der kleinen Bäume und des Gestrüpps, durch das es kaum ein Eindringen gab, waren mit Fäden wie von Seidenraupen verflochten, und dünner Nebel zog durch die Stümpfe und Zweige. Die Blätter wiesen verzierte und gezackte Ränder auf, und bisweilen leuchtete eine gelbe Blüte zwischen dem Geäst.
Keiner von ihnen wagte, diesen Nebelwald zu betreten, aber ein Zurück gab es auch nicht mehr. Dazu waren sie zu weit gekommen. Deshalb ging Laudean langsam auf den Saum der ersten Bäume zu, deren Boden mit schneeigen Flocken bedeckt war. Erst jetzt merkte er, wie kalt es hier war. Zögernd setzte er einen Fuß vor den anderen, ständig auf das Fauchen einer Schlange gefasst, die sich über ihren Köpfen um einen Zweig geschlängelt hatte.
Als ihre Tatzen den ersten Schnee ihres Lebens berührten, wichen sie wieder zurück. Dann sie fassten all ihren Mut zusammen und gingen in das fast undurchdringliche Dickicht hinein. Sie witterten und schnaubten, ihre Nasen erschnupperten die Luft, und ihre Augen flirrten von einem Baum zum anderen. Aber nichts geschah, nicht einmal das Rufen von Vögeln oder das Scharren von Waldmardern ertönte. Sie hörten nur ihre Schritte auf dem pulverigen Schnee und das Rascheln der Blätter, die sie beim Durchqueren streiften.
Ein kleinen Bächlein gluckerte vor ihnen auf, das sie aber überspringen konnten, denn es war sehr schmal. Laudean fasste wieder Mut und schritt erhobenen Hauptes fester aus. Auch die anderen gewöhnten sich langsam an die Stille in dieser unheimlichen Natur. Mit einem Mal schloss sich das Dach der Bäume und es wurde düster, so dass kein Lichtstrahl mehr durchkam. Sie benutzten nur noch ihre Nasen zur Orientierung, doch was sie rochen, war ihnen nicht vertraut. Das Harz der Bäume strömte einen bitteren Duft aus, und klares Wasser begann, von oben zu tropfen. Dann gab es wieder etwas Licht und sie erkannten, dass es Eiszapfen waren, die in den leicht aufkeimenden Strahlen der Sonne schmolzen.
Zum Glück hatten sie nun das Ende des Wäldchens erreicht. Aber sie gingen noch ein ganzes Stück weiter, um diesen düsteren Ort hinter sich zu lassen. Auch merkten sie, dass sie nun immer mehr zu frieren begannen, und ihre Schritte beschleunigten sich eher, als dass sie vor Ermattung stoppten.
Doch bald wurde ihnen klar, dass es nicht mehr weiter ging. Der Abhang vor ihnen war zwar nicht sehr steil und zog sich in die Breite, so dass sie bequem nebeneinander hätten weiterlaufen können. Aber die Luft versorgte sie nicht mehr genug mit Sauerstoff. Laudean bemerkte, wie sich seine Nüstern blähten, und die Lungen vor Anstrengung schmerzten. Sie waren nun so hoch, dass sie zusehends Schwierigkeiten bekamen, zu atmen. Nur noch langsam ging es voran.
Als sie endlich den Grat erreichten, der sie über das Gebirge brachte, hielten sie alle vor Erschöpfung inne und blieben liegen, wo sie niederfielen. Doch Laudean erhob sich mit letzter Kraft und ging durch die Reihen. Er bemerkte, dass zwei weitere Kleinkinder fehlten. Auch sie hatten es nicht geschafft. Eine Löwin hatte sich die Tatze eingeschnitten, und alle waren am Ende ihrer Kräfte. Kibi kam auf ihn zu. Er war froh, dass sein Lieblingssohn diesen Exodus bis hierher überlebt hatte. Er besaß zwar nur eine ungefähre Ahnung der wahren Zusammenhänge, aber der Geruch seines Rudels hing sehr stark an dem Kleinen. Wie an allen anderen auch. Sie waren seine Söhne, und Kibi einer der jüngsten.
Erschöpft legte auch er sich hin. Er ließ allen genug Zeit, zu verschnau-fen und wieder zu Kräften zu kommen. Einige leckten sich gegenseitig das Fell. Vorsichtig beschaute er seine linke Tatze, die etwas wund war. Nach einer Weile begann er erneut zu frieren. Hier war es ungemütlich, und es gab keinen Grund, länger als nötig zu verweilen. Er kratzte sich noch ausgiebig die Seite. Dann brach er weiter auf.
Von nun an ging es abwärts. In ein Tal, dessen Grün ihnen schon von weit oben die Hoffnung auf ein neues Zuhause nährte. Alsbald trafen sie auf dicke Wollhornböcke, deren Blöcken sie an ihren Hunger erinnerte. Doch sie konnten nicht zu den weiblichen Schafen gelangen, da diese sich am Fels schmiegten und über die Kanten der Vorsprünge sprangen. Mit ihren beweglichen Hufballen hatten sie einen guten Stand im Schnee und auf den kleinen Steinen, die sie als Klippen benutzten. So flohen sie vor den Löwen über schmale Grate, sobald diese die Verfolgung aufnehmen wollten.
Irgendwann machte Laudean dem lächerlichen Treiben ein Ende. Bevor sie ihre letzten Energien vergeudeten, ermutigte er sein Rudel, den Abstieg fortzuführen, bis sie die Gelegenheit zu einer einträglichen Jagd fänden.
Weiter unten wurde das Gelände begehbarer und die scharfen Felszacken wichen kleinem Geröll. Dort erbeuteten sie einen Schneehasen und einen Silberfasan, deren helles Äusseres sich in diesem Augenblick vom Blau des Himmels, der hier klar und wolkenlos war, abhob. Gierig wollten sie die Beute verspeisen, aber Laudean ermahnte sie, nur die Alten, Schwachen und die Kindern essen zu lassen. Für die Kräftigeren unter ihnen würde sich auch bald genug Beute bieten, dessen war er sich sicher.
Und in der Tat spürten sie darauf eine kranke Bergziege auf, ein Mantelhuhn mit seinem dichten Federfell, und erneut einen Schneehasen, der sich in den unteren Gefilden nicht so gut verstecken konnte, da es hier bereits keinen Schnee gab.
Endlich, nach zwei weiteren Tagen, gelangten sie ins Badin Grok, dem Hochtal jenseits des Gebirges Erol Andar, das es vom See Banur Alta trennte. Sie liefen noch eine ganze Weile auf den grünen Wiesen herum, berochen die Bäume, die Gräser und die Blumen. Aber sie merkten bald, dass es hier nicht viel Weidevieh gab, das so groß war wie auf den Savan-nen, die den Banur Alta umsäumt hatten. Die größten Tiere waren schmal-brüstige Hirsche und Riesenhasen, dazu kleine, listige Füchse und viele, viele Vögel, die große Kolonien bildeten, da sie hier in Ruhe nisten konnten.
Es gab nur wenige, wirklich gefährliche Tiere wie Tai Pun, die Schlange, die sich in den Bäume versteckt hielt, und Kai Man, den Adler, der aus den Wolken auf seine Beute herabstieß und in den Felswänden des Gebirges zuhause war. Laudean mit seinem Rudel waren die ersten wirklich großen Raubtiere. Und wenn sie sich hier mit kleinerem Getier zu begnügen lernten, konnten sie ein ruhiges Leben führen und waren keinen Angriffen gefährlicherer Arten als sie ausgeliefert.
Laudean ahnte bereits, dass dieses Hochtal eine glückliche Heimat für sie bedeuten konnte. Sie hatten, wenn sie ihre Bedürfnisse den kleineren Beutetieren anpassten und deren Bestand nicht sinnlos gefährdeten, immer genug zu essen, ohne selbst Gefahr zu laufen, getötet zu werden. Am Ende des Tages war er an einen kleineren See gekommen, der ihn an Banur Alta erinnerte, und an dem er auch einige der Vogelarten wiedererkannte, die ihm bereits dort begegnet waren.
Glücklich ließ er sich im saftigen Gras nieder und leckte sich die beiden dunklen Enden seines Schwanzes. Hier würde er endlich seinen Traum wahrmachen können. Von einem langen Leben, in dem er bis in ein noch höheres Alter immer das Oberhaupt bleiben konnte. Und in dem er schließlich dieses Amt an einen seiner Söhne weitergeben würde. Ein Leben ohne Kampf und Konkurrenten. In dem er sich ausschließlich seiner Lieblingsbeschäftigung widmen konnte: dem Fressen, Schmusen und Schlafen.
Das Jagen schränkte er ein, überließ es mehr und mehr den Jüngeren und war nur darauf bedacht, dass die Beutetiere nicht aus Blutgier gerissen wurden, sondern rein zur Erhaltung seiner Familie.
Ein letztes Mal gedachte er des Sees Banur Alta, seiner Gestade und fruchtbaren Weiden. Und Sehnsucht kam in ihm hoch. Doch er wusste, dass die Zeiten jenseits des Andars vorüber waren und andere anbrachen. Für die meisten, die durch die Veränderungen langsam zum Tode verurteilt waren, weniger glückliche. Aber nicht für ihn. Im Gegenteil. Er fand hier letztlich seine Wünsche erfüllt. An einem Ort, der anderen zu fern und beschwerlich schien, ihn zu finden, als dass sie es in Erwägung gezogen hätten, ihn suchen.
Auch Sinsa und Loreal waren nun zu ihm gekommen und wärmten ihm den Rücken. Sie waren sein erstes und zweites Weibchen, die er gefunden hat-te, um eine Familie zu gründen. Und sie waren nicht von seiner Seite gewichen, waren ihm immer treu gefolgt und hatten seine Entscheidungen nie infrage gestellt. Das, wusste er, würde sich auch hier nicht ändern.
Allmählich fielen sie wie viele andere in einen tiefen Schlaf. Der Rest, der noch wach blieb, stöberte eine Weile am Ufer unter den Weiden herum, wenn sie nicht zu müde waren, um sich neben ihren Anführer zur Ruhe zu begeben. Nur die Kinder hatten sich schnell von den Strapazen der Odyssee erholt und tollten noch eine Weile unter den tiefer werdenden Schatten der Bäume herum. Dann brach auch hier eine weitere Nacht herein.
Eine Nacht, die in den schwefligen Dämpfen des Sumpfes nicht beachtet wurde, da es hier immer dunkel blieb. Schon gar nicht in den unterirdischen Kammern des Schlotes, der sich bereits vor Urzeiten im Zentrum des Morastes aufgetan hatte. Und in dem es nun rumorte wie von etwas Neuem, das nun hinzugekommen war. Immer noch spie die Fontaine des Geysirs regelmäßig in hohem Bogen über den kleinen Vulkankegel, der sich mit der Zeit aus dem erkalteten Magma und den Schwefelablagerungen gebildet hatte. Doch jetzt war sie nicht mehr klar wie Wasser, sondern besaß eine gelbe Verfärbung. Und mit ihr stiegen fremdartige Dämpfe empor, die an nichts Bekanntes erinnerten, und doch auf erschreckende Weise nach Moder und Morast rochen. Und mehr: Nach verbranntem Fleisch und dem Geruch, der dunklen, anaeroben Nachgeburten anhaftet, wenn sie plötzlich der Luft ausgesetzt sind.