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Literatur

die Sage von Draconar

die Sage von Draconar

- ein Sciencefiction von Rainer Kempas -
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Literatur
die Sage von Draconar



Das Hochtal Badin Grok

B leich ergoss sich dünnes Morgenlicht über die sumpfige Ebene. Wie ein langsam tastendes Insekt kroch es über den Boden, der ausgegossen war vom gelben Schein erster Strahlen. Vorsichtig blinkten die gelben Funken der Sonne durch die Zweige niedriger, dorniger Büsche. Allmählich wich die Dunkelheit aus den hohen Gräsern der Savanne.
Der Bodennebel, der nun aus der ehemals kühlen Nacht emporstieg, bestrich die Farne und Sträucher mit sanfter, feuchter Blässe. Er überzog die Ebene, die zwischen niedrigen Bergen eingemauert war, mit einem grauen Schleier und bemooste die Rinde kleiner Bäume. Doch die Sonne, die bislang nur über den Horizont geschaut hatte, erklomm weiter die rückseitigen Gipfel der Berge, die den Erol Andar bildeten, und erwärmte die beblätterten Spitzen der Äste. Und sobald die nebligen Gesänge der Morgendämmerung verstummten, öffneten die Pflanzen erneut ihre Kelche und zeigten die farbenfrohe Pracht ihrer Blüten.
Mit der Zeit erhob sich Thuban über die Wipfel der Bäume und verscheuchte die Schatten der zurückbleibenden Nacht. Mit hellem Schein drängte sie die klammen Finger der drei Monde zurück in den Rücken Draconars. Jetzt waren die Blumen und Bäumchen der Hochebene deutlich zu erkennen, und ihre höchsten Blüten und Zweigspitzen zeichneten sich wie kleine Ornamente vor dem Gold der Berggrate ab. Dort begannen die Abhänge in den Strahlen der Sonne zu glitzern, während sie tief ins Tal hinabstiegen, allmählich den gesamten Boden erfassten und die kühlen Nebel der Nacht endgültig vertrieben.
Alsbald gerieten die zahllosen Gräser aus ihrem dämmernden Sein und zeigten sich dem werdenden Tag. Strafften ihre Halme, erhoben ihre Ähren voller Samen und boten sie den Vögeln dar. Deren Gezwitscher erfüllte mittlerweile das weite Tal und erfasste es mit erster Aufregung. Die stummen Zeugen der Nacht hingegen, die gerade noch auf Beutefang aus waren, verkrochen sich im Gebüsch, lautlos wie sie waren und blieben dort, bis sie die Dunkelheit wieder weckte, indem sie ihnen mit erneut schattenhafter Hand über die Köpfe strich.
Jetzt aber erhob sich am Horizont die Sonne und übernahm vollends die Herrschaft des Tages. Die gesamte Hochebene war nun in orangenes Licht getaucht. Kleine, weiße Wolken zogen langsam über das Tal. Das helle Blau des Himmels ließ alles in milchigem Licht erscheinen. Und die Sterne von Draco verblassten zusehends.
Aus dem Gestein des Erol Andar entsprangen kleine Bäche, die übermütig gurgelten und das einzige Geräusch der Nacht gewesen waren. Jetzt am Tag waren ihre winzigen, von weißem Schaum besetzte Wirbel zu sehen, die anmutig um größere Steine spritzten, die die Strömung über die Jahrhunderte hinweg in ihrem Bett zu Tal zog. Es war klares, kühles Wasser, das sich seinen Weg durch die Auenlandschaft der Ebene suchte. Manchmal unterbrochen von einem kleinen Gefälle, dass es zornig donnernd hinunterstürzte, bis es von einem breiten Becken aufgefangen wurde und sich wieder beruhigte.
Es gab mehrere dieser Bäche, und alle endeten in einem kleinen See, den sie speisten, und in dem viele Fische und Lurche lebten. Diese versteckten sich des Nachts am Boden oder in den Gräsern des schilfigen Untergrundes. Am Tag fingen sie Fliegen oder suchten im Wasser treibende Samen, Sprosse oder totes Getier. Der langgestreckte Ufersaum bildete einen stark frequentierten Teil des Tales und war ein beliebter Rastplatz auch für größere Tiere. Er diente als Tränke und war gleichzeitig ein Ort der Kommunikation und zu gewissen Zeiten auch ein willkommener Paarungsplatz. Dann nahm der Lärm kein Ende und die Rivalitäten unter den Böcken, Rammlern und Rüden endeten oft in blutigen Kämpfen.
Bei aller Inbrunst war jede Spezies allerdings darauf bedacht, einem Teil des Ufers unweit eines kleinen Waldes nicht zu nahe zu kommen. Hier hatte sich eine Lichtung gebildet, voll weichen Mooses und saftiger Rietgräser. Doch eine große Gefahr ging von ihr aus. Denn bei jedem Schritt begann der Untergrund zu schmatzen, und das Tier drohte, kopfüber zu versinken.
Ein erst spät zu erkennender Sumpf teilte hier den Wald vom See. Und ließ kaum jemanden wieder los, der in seinem modrigen Matsch haften blieb oder auch nur mit einem Fuß festzustecken drohte. Er war umkränzt von dichtem, niedrigem Gesträuch, das vor allem im Winter, wenn die Sonne nur mühsam über die Berge kam, nur diffuses Licht hindurch ließen und diesen abgeschiedenen Teil des Tales eher in einem dauerhaften Dämmerzustand bewahrte.
So war das Moor in den kühlen Jahreszeiten des Winters und vor allem im Sarum zum gefährlichsten Ort der Hochebene geworden. Alle Tiere mieden ihn in dieser Zeit, und selbst Pflanzen siedelten sich hier nur an, wenn sie eine gewisse Resistenz gegenüber den Gasen entwickelt hatten, die der Mitte des Sumpfes entstiegen und dort wie ein Leichentuch die Ursache ihrer Entstehung verhüllten. In deren Nähe waren sie gelblich und rochen nach Fäulnis. Doch einige Meter unterhalb des morastigen Zentrums, ein Stelle, die nie von einem Lebewesen je erblickt wurde, weil es sie nicht lebend erreichte, war der Gestank und die Verwesung am stärksten. Denn hier war die Kruste Draconars zerbrochen und rissig geworden und mit einer unterirdischen Kammer verbunden, in der sich das Magma eines neu entstehenden Vulkans ergoss. Es war außerordentlich heiß hier und dichte Schwefeldämpfe brodelten nach oben. Ab und zu wurden kleinere Steine aus dem Riss geschleudert, und methanhaltige Gase entwichen zur Oberfläche.
Diese hochgiftigen Ausdünstungen waren dafür verantwortlich, dass jegliches Getier, egal aus welchem Grund es angelockt wurde, sofort ohnmächtig zu Boden glitt und alsbald an den sauerstofflosen Dämpfen erstickte. Noch nie hatte dieser unheilvolle Sumpf je aus seiner Tiefe etwas frei gegeben, es sei denn, das Leben hätte sich an die schwefligen Gase selbst gewöhnt. Doch dem war bisher nie gewesen.
So wurde dieser Teil des Tales von den meisten Tieren gemieden, es sei denn, dort konnte etwas entstehen, dass in der Nähe des anaeroben Bodens des Sumpfes – vor allem in den heißen Magmagasen seines unterirdischen Bereiches – auf immer zu gedeihen vermochte. Aber davon kann im Moment noch nicht die Rede sein.
Es gab bodennahe Kriechpflanzen, die sich für kurze Zeit daran gewöhnen konnten, in lichtlosen Höhlen zu wachsen. Auch gelang es einigen Schlangen und Kerbtieren, ohne die Kraft der Sonne auszukommen. Dafür mussten sie auf ihre Augen verzichten und noch auf vieles mehr, dass ihnen zu einer höheren Evolution gereicht hätte. Denn ohne diese Organe, deren Fehlen weder eine Intelligenz noch ein ausgeprägtes Sozialverhalten förderte, gelang es keinem Tier, sich über die Jahrtausende zu halten. Angesichts dieses lebensfeindlichen Klimas waren es immer nur eine Hand von Spezien, die an diesem Ort vor sich hinvegetierten. Die aber nie in der Lage waren, eine höhere Stufe der Evolution zu erreichen, geschweige denn von Dauer zu sein.
Selbst sonnenlose Gestalten aus andern Gegenden, vierschwänzige Nacktmulle, die unterhalb des Erdbodens hausten, oder pigmentlose Spinnen, deren weißes Skelett sich nicht von der Farbe des Sandes abhob, auf dem sie in den eingeschlossenen Höhlen ohne Ausgang lebten, verirrten sich selten in den Sumpf, denn dazu hätten sie zunächst die Auenwiesen betreten müssen. Ein Ort, an dem die heißen Strahlen Thubans ihnen die Haut verbrannt und die knorpelhaften Auswüchse weggeschmort hätten. So blieb die Frage offen, ob es jemals genug Spezien geben würde, aus deren Auswahl sich ein höheres Leben im Sumpf hätte manifestieren können. Aus derem Überlebenskampf wenigstens eine einzige Art dieser Hölle getrotzt hätte, nur um zu beweisen, dass es möglich war.
Doch aus den wenigen, die es überhaupt bis in den Sumpf geschafft hatten, blieben nie viele übrig, die auch sein Zentrum erreichten. Und keiner, der von dort den Weg nach unten fand, hatte mit den Jahrtausenden gelernt, sich aus ihm zu ernähren und ein Stadium zu erreichen, das ihm erlaubt hätte, eine höhere Stufe der Daseinskampfes zu erreichen, bevor er den tödlichen Gasen zu erliegen begann.
Draußen, außerhalb des Sumpfes, aber blieb das Leben nicht stehen. Es gab Tiere der Nacht, deren Augenlicht nicht wich, sondern im Gegenteil besser wurde, um im lichtlosen Unterholz des Waldes oder in der nur sternenbeschienenen Savanne zu jagen und ihr Leben zu fristen. Sie gewöhnten sich an alles, was eine sonnenlose Nacht hervorbringen konnte. Da waren Baumbewohner mit riesigen Telleraugen und Bodentiere, deren Ohren größer als ihre Körper waren. Sobald sie ein verdächtiges Geräusch hörten, verschwanden sie hurtig und wieselflink in den zahllosen unterirdischen Gängen der Grassteppe.
Auch die Fledertiere, vogelähnlich, aber ohne Federn, flatterten nur selten über den Sumpf. Sobald sie die gasigen Dämpfe einatmeten, durchzuckten ihre Flughäute krampfartige Stöße, und Blut tropfte aus ihren zerplatzten Adern. Denn obwohl sie sehr gut sehen und riechen konnten, erkannten sie nicht immer die Gefahr, sobald sie sich auf einen knorrigen, toten Baum im Sumpf ausruhen wollten, da die Gase, die ihm entströmten, geruchlos und unsichtbar waren.
So wurden die Sümpfe immer fruchtloser, bar jeder Vegetation und jedes Lebens. Allmählich dünnte ihre Fläche aus, und die letzten Gräser zogen sich an den Rand zurück. Der Boden wurde hart und rissig, weil das Wasser an diesen Stellen versickert war. Da es keine Wurzeln mehr gab, die es hätten halten können, begann der Sumpf mit der Zeit auszutrocknen.
Binnen weniger Jahrhunderte drohte er gänzlich zu verschwinden und nichts schien an seine Stelle zu treten, so dass man ihn sich fast zurückgewünscht hätte angesichts dieses trostlosen Nichts. Doch das Brodeln in seinem Innersten, im Zentrum der Finsternis, das er nun war, hörte nie auf, so als wolle etwas nicht, dass er stürbe.
Doch noch immer zogen die nebligen Dämpfe über den nun trockenen Boden, so dass sein Zutritt nach wie vor den Tieren und Pflanzen verwehrt blieb. Sie verätzten jegliche Vegetation im Keime und schufen einen tödlichen, lebensfeindlichen Saum um ihr Zentrum. Deren Grenzen bildeten nach wie vor der See und der Wald, aber nun war der Übergang zwischen den Vegetationsgürteln so abrupt und unterschiedlich wie der zwischen Leben und Tod.
Dann ergab es sich, dass außerhalb des Tales, auf der anderen Seite der Berge des Badin Grok, eine starke Regenflut einfiel, die bis zu seinen Ausläufern reichte. Ein großes Meer entstand, da die Monsumgüsse nicht ablaufen konnten. Die granitartigen Wände des Andargebirges bildeten hier einen Halbkreis um den See und hielten es vom Abfließen ab, so dass er tiefer und tiefer wurde. Viele Tiere ertranken oder wurden vertrieben. Der Boden aber konnte die Wassermassen mit der Zeit nicht halten und wurde weich und durchlässig. So versank das Meer allmählich, bis nur noch ein kleiner Teich übrig blieb, der sich erst allmählich wieder vergrößerte und Banur Alta hieß. Flora und Fauna kamen zurück und besiedelten erneut ihr altes Habitat. Es war fast alles so wie vorher. Wenn nicht unter ihnen nun ein mächtiger Ozean schlummerte. Das Meer, das von oben gekommen war.
Dieser riesige, unterirdische See erstreckte sich weit zu allen Seiten. Er ruhte auf einer alten Kontinentalplatte, die fest und stark genug war, ihn zu tragen. So konnte er sich nur an den Seiten ausdehnen, bis er unter die Berge gelangte, die auf der anderen Seite das Tal von Badin Grok einschlossen.
Immer wieder nachsickerndes Wasser weiterer Regengüsse weitete ihn bis zu einer Stelle unterhalb dieser Hochebene, an der ihn eine natürliche Gesteinsformation blockierte. Als sein Druck so groß wurde, dass er auch dieses felsige Hindernis sprengte, offenbarte sich dahinter ein unterirdischer Lavakanal, der aus den Tiefen des seines Plumes die Hitze des Sumpfes Tengig El Sterk speiste.
Nun war endlich ein Ventil gefunden, das dem Druck der gewaltigen Wassermassen nachgeben konnte. Aber als diese durch die Magmaesse nach oben schießen wollten, blockierten alte Schlackesedimente, die sich dereinst aus dem Magma gebildet hatten und fest wie ein Pfropfen in der Erdröhre saßen, den Ausgang nach oben.
Doch dem Druck des unterirdischen Meeres zusammen mit der drängenden Hitze des Plumes konnte der verstopfte, alte Vulkanausgang nicht mehr standhalten. Eine erneute Spalte bildete sich im erkalteten Erdboden und ließ zunächst einige wenige Rinnsale hindurch. Bis sich schließlich das kalte Wasser, das sich mit der heißen Lava vermischte, einen derartigen Druck erzeugte, dass es sich freie Bahn durch den geröllhaltigen Kanal verschaffte. Steil stießen heiße Fontänen aus der Kruste hervor. Mit der Zeit ergab sich daraus ein regelmäßiges Intervall, das die Gase, Wassermassen und Lava in kurzen Unterbrechungen frei ließ. Dann schossen sie kilometerhoch in die Luft, bevor sie den Boden des alten Sumpfes aufs Neue nässten.
Mit der Zeit bildete ihr sich vergrößertes Austrittsloch einen Ring aus brauner Schlacke, grüngelben Schwefelrinnsalen und weißen Schaumflocken um sich herum, die der Wind über den Sumpf wehte. Das heraustretende Wasser, das nun alle 10 Minuten aus dem Magmasee gepumpt wurde, breitete sich über dem Tengig El Sterk aus und verschlammte die ausgetrockneten Schollen des Bodens. So begann der trockene Sumpf erneut, moorig zu werden und seinen schwefligen Odem über das Land zu ziehen.
Diesmal entstand ein knapper Teppich aus kurzem, steifen Riedgras, dem noch einige wenige Buscharten folgten, die mit der Zeit jedoch abstarben und anderen Trieben Platz machten, die ihre winzige Chance, eine eigene Existenznische zu finden, genauso vergeblich zu suchten.
Mit der Zeit wurde der Gestank im Zentrum des Sumpfes unerträglich. Der Wind blies ihn über die Savanne und warnte die Tiere des Tales vor diesem unheiligen Ort. Wenn es Winter war, kam oft ein kalter Sturm auf, der die schwefligen Gase als feine, kleine Kristalle über die Bäume blies. Dann wurden einige weniger widerstandsfähige Tiere krank und starben. Auch zartere, dünnstielige Pflanzen gingen dann nicht nur wegen der Kälte ein.
Aber der schlimmste Monat, der 13. und letzte des Jahres, war die kälteste Jahreszeit, denn er war im Winter eingebettet. Dann wanderten die beiden Pole jeweils kilometerweit über den engsten Breitenkreis ihrer Halbkugeln, und ihre Eismassen bedeckten die dort zugefrorenen Flüsse und Landschaften für eine Weile. Dieser extreme Zustand hielt ungefähr 30 Draconartage an, die für jeder sich etwa 20 Erdstunden ausmachten. So erschien der eisige Spuk nur kurz und war bald wieder verschwunden und einem gewöhnlichen Winter gewichen.
Es war die Konstellation der drei Monde, die diese unwirtliche, doch zum Glück kurze Zeit schuf. Sie veranlassten viele der Tiere der polaren Region zum Winterschlaf, denn es gab derweil kaum etwas zu fressen. Der durchgehende Tiefschlaf setzte alle Organe – vom Herz bis zur Verdauung – in einen Zustand des Energiesparens und verlangsamte die körperliche Arbeit von Zellen und Blutes um ein Vielfaches. Nur die notwendigsten Funktionen wie Herzschlag und Atmung wurden in dieser Zeit ausgeführt. Eine leichte Verdauung lieferten ihnen die sparsam eingesetzten Energien. Und hielten das vegetative Nervensystem mit minimaler Anstrengung am Leben.
Es war vor allem einer dieser Monde – der Größte – der aufgrund seiner Position einen mächtigen Schatten über Draconar warf. Er setzte sich zu Beginn des Sarums zwischen Thuban und den Planeten, so dass diesen auf der abgewandten Seite so gut wie keine Wärmestrahlungen erreichten. Le-diglich die aufgestaute Wärme seiner Erdkruste hielt diesen Teil davon ab, in totalem Permafrost zu erstarren. So dass sich dieser Teil - sobald er aus dem Schatten hinaustrat - unter den Strahlen Thubans schnell wieder aufheizte.
Es folgten noch 30 weitere Tage, bis es Frühling ward. Dieser dauerte fünf lange Monate, in denen die Pflanzen und Tiere genug Zeit fanden, sich zu bestäuben und zu befruchten. Es gab wieder reichlich zu fressen, bevor es wieder so heiß wurde, dass alles auf der Oberfläche verdorrte. Doch zum Glück war der Sommer von kurzer Dauer, wenn auch intensiv und sonnig. In dieser Zeit wuchs nicht viel. Pflanze und Tier schienen lediglich bestrebt, die Hochphase der Hitze so schadlos wie möglich zu überstehen.
Es folgte der Herbst. Drei Monate lang dauerte er und war ein angenehmer Puffer zwischen den Temperaturen, bevor der Winter eintrat und fast alles wieder unter Schnee setzte.
Verschont von seiner kalten Witterung waren lediglich die äquatorialen Gegenden, deren Seiten sich immer direkt der Sonne zuwandten. Hier gab es nie eine wirklich kalte Jahreszeit, beziehungsweise die Temperatur sank lediglich von 40°C auf 20° C, was hieß, dass es am Äquator zumindest nie schneite.
Dafür gab es einen Gürtel trockenen Sandlandes, der sich horizontal gänzlich um den Planeten schwang. Denn um seine Mitte besaß er einen Kontinent, der schmal war, aber um den ganzen Erdball reichte. Seine Ufer waren in der Regel umsäumt von warmen Wassern, die sanft an seine Gestade plätscherten. Das lag daran, dass es an fast allen Stellen sanft ins Meer herab glitt, dass dort überall nicht tiefer als 1000 Meter maß.
Dieser Kontinent, sein Name war Dransall, war von allen der urtümlichste, denn er hatte den geringsten Drift. Somit ruhte er schon seit hunderten Millionen von Jahren unverrückt am Äquators. Auch die karge Pracht seiner Flora, die meist an den Küsten vorkam, war relativ unverändert geblieben. Der Farn wuchs bis zu 10 Meter hoch, und es gab dieselben Glockenblumen schon seit Anbeginn, da das Klima immer gleich blieb. Es hatte weder Zusammenstöße mit anderen Inseln oder Kontinenten gegeben. Noch hatten Vulkanausbrüche oder Erdbeben die Gesteinsmassen brüchig gemacht oder einsinken lassen.
Auf Dransall wurden die Tiere nicht von großen Wäldern und weiten Wüsten, die sich einander ablösten, getrennt, so dass sie sich nicht wie in anderen Klimazonen unterschiedlich entwickelten. Und dieselbe Sonne, die morgens die Kelche der Blumen öffnete, verschloss sie wieder des Abends. Selbst die Monde mit ihren Gezeiten konnten das schmale Land nicht auseinander verändern. Denn sein Sockel saß fest auf dem Erdmantel von Draconar, der in seiner Mitte am stärksten war.
Boronan lag nördlich von Dransall. Er war der Kontinent, auf dem sich das Hochtal von Badin Grok befand. Seine Spitze reichte bis in den dortigen Polarkreis hinein und war der einzige Festlandsockel dieses Pols. Er war eingefroren in kilometerdickem Eis, das sich während des Sarums ein Stück weit über ihn zog. Dann gefroren selbst die nördlichsten Seen und Flüsse, so dass viele Tiere schon vorher ihre Wanderungen nach Süden begannen.
Pflanzen konnten in dieser Zone, in der es relativ schnell eisig werden, aber genau so rasant wieder tauen konnte, nur überleben, wenn sie sich entsprechen anpassten. Einige besaßen die Fähigkeit, eine Art Frostschutzmittel in ihren Halmen zu produzieren. Andere wiederum starben ab, waren nur einjährig und hinterließen im Erdboden eingefrorene Samen, die im Frühjahr auftauten und sprossen.
Die Gegend um Badin Grok, seine Berge, der sich davor aufgestaute See und das unterirdische Meer befanden sich allerdings im südlichen Teil von Boronan. Dadurch war es dort leidlich warm, und der Sarum nie unter minus 10° C. So lebten hier Pflanzen mit wunderbar großen Blüten, deren Pollen von Bienen und Vögeln verbreitet wurden. Farne mit gerippten Blättern erhoben sich über die zahllosen Gräser und Blumen. Zwischen den Bäumen spannten sich Lianen, an denen Affen mit putzigen Frisuren, die wie Igel aussahen, herumschwangen. Durch die meterhohen Fruchtstauden trampelten große, vierbeinige Warmblütler, aus deren Köpfen gedrehte Hörner sprossen, und deren Nasen bis zum Hals herunter hingen.
Hier bestand eine Vielfalt des Lebens, welches im Gegensatz zu dem auf Dransall ständig in Bewegung war, und auf dem weit entfernte Gegenden mit unterschiedlichen Klimazonen entstanden. Die Arten entwickelten sich unter dem Einfluss neu entstandener Gräser weiter und neue Spezies entstanden. Es gab Vögel mit einer langen Zunge, deren riesige Schnäbel in metergroße Kelche vorstoßen konnten, und deren Zungen nochmal einen halben Meter maßen, um an die süßen Fruchtknoten zu gelangen.
Weiter gab es büffelartige Huftiere, die vom Süden einwanderten und in den moorigen Wiesen reichlich Gras und Klee vorfanden. Sie blieben, weil sie hier rund ums Jahr zu fressen fanden, und ihre Kälber aufs reichlichste versorgt wurden. Ihre Zehen lernten mit der Zeit, sich zu spreizen und eine dünne Haut zu bilden, die ihre Trittfläche breiter machte und sie am Einsinken hinderte.
Andere wiederum verließen die wärmeren Gefilde, um in der kalten Tundra des Nordens ihr Auskommen zu wagen. Hier gab es dünnes, hartes Gras und nur wenige schmackhafte Sträucher, aber auch keine Feinde und Freßrivalen, so dass sie den Nachteil des mangelnden Vorrats an Nahrung eingingen und sich an den Schnee und die karge Wildnis gewöhnten. Selbst im Sarum zogen sie es alsbald vor, in dieser kargen Gegend zu bleiben. Sie lernten, Schneehöhlen zu graben, sich in unterirdische Stollen zurückzuziehen oder in ausgefaulten Baumstämmen Schutz vor Kälte zu suchen. In der Regel fiel die Umgebungstemperatur zu dieser Zeit auf unter 5 °C. Zudem führte die nachlassende Bestrahlung mit ultraviolettem Licht durch die schwächer werdende Sonne, deren Strahlen von der immer dichteren Atmosphäre absorbiert wurden, zu einer geringeren Erzeugung von Vitamin D. Das aber setzte Erstarrungshormone in Gang. Ihre Herzfrequenz verlangsamte sich um das dreißig- bis fünfzigfache. Ihre Atmung ging nur noch schwach. Manchen reichte es, einmal pro Stunde Luft zu holen. Nachdem sie sich vorher eine dicke Fettschicht angefressen hatten, begannen sie, sich in Unterschlupfe zurückzuziehen. Mit dem Fortbleiben ihrer Freßtiere oder dem Wegfall ihrer pflanzlichen Nahrung stellten sich ihre Hormone auf Schlafen um. Ein letztes Mal entleerten sie ihre Gedärme, da sie sonst innerlich verfault wären. Der nördliche Polarbär und der Schneefuchs verkleinerten sogar ihren Magen und Darm um die Hälfte, und Leber und Nieren um etwa 30%, um ihre Verdauungstätigkeit zu reduzieren. Ihr Blutzuckerspiegel veränderte sich rapide. Einige der Tiere wie die hasenartigen Pfeifratten polsterten ihre Höhle mit Heu, Stroh, Blättern, Haaren und Wolle aus, um nicht bei noch tiefer sinkenden Temperaturen zu erfrieren. Andere versammelten sich mit mehreren Tieren zu einer Art Schlafgemeinschaft. Sie lagen dicht beieinander, Körper an Körper, und boten sich gegenseitig Wärme. Andere kugelten sich zusammen, so dass nur noch die kleine Nase hervorschaute. Die Luftfeuchtigkeit musste dabei jedoch hoch sein, da sie sonst Gefahr liefen, während des Winterschlafs auszutrocknen.
Erst bei einer Außentemperatur von 10 °C erwachten sie allmählich. Im Nackenbereich verfügten viele um ein zusätzliches Fettpolster, dass sie jetzt entnahmen, um innerhalb mehrerer Stunden wieder in einen wachen Normalzustand zu gleiten. Einige erreichten ihre gewohnte Temperatur durch zusätzliches Muskelzittern. Der Brust- und Kopfbereich mit den lebenswichtigen Organen wurde dabei schneller erwärmt als der übrige Körper. Je höher die Temperaturen draußen wieder stiegen, desto schneller begannen die Tiere zu atmeten. Der Aufwachvorgang dauerte dabei mehrere Stunden, wobei sie enorm viel Energie verbrauchten. Deshalb konnten die meisten der Tiere auch nicht noch einmal einschlafen, denn dann hätten ihre Fettreserven nicht über den Winter gereicht, und sie wären im Schlaf gestorben.
In der Regel dauerte der Winterschlaf den ganzen Sarum. Dabei verloren sie 30 – 50% ihres Körpergewichts. Einige wie der Vielschläfer konnten allerdings die doppelte Zeit in diesem Zustand verbringen. Die Mutter trug währenddessen ihre Kinder aus und gebar sie in der Höhle. Zur Versorgung ihrer Babys wachte sie immer wieder auf und entleerte ihren Darm. Der Vater schaute sich derweil nach einem neuen Quartier um, da der Geruch der Nachgeburt eventuelle Feinde anlockte und der Kot mit Parasiten besetzt war. Beide Eltern waren fähig, in kürzester Zeit wieder aktiv zu werden. Es gab dabei zwei Varianten des Vielschläfers. Der nördliche, der am äußeren Ende von Boronan lebte, sammelte vor dem Winterschlaf einen großen Vorrat an Nüssen, den er während des Umzuges mitnahm. Der südliche Vertreter lebte auf Scharn. Er fraß nichts während des Winterschlafs, weil die Haselnüsse, die hier wuchsen, besonders reich an Mineralien und Ölen waren. Er zog auch nicht um, sondern leckte die Babys lediglich ab und säuberte sie, wenn er aufwachte. Diese selbst waren noch blind und relativ träge. In der Regel blieben sie im Bauchsack der Mutter und verließen ihn erst, wenn es draußen wärmer wurde.
Die schlangenartigen Wurmschleichen, deren sechs Füße seitlich am Körpers saßen, waren besonders eigenartig: Sie vergaßen während der niedrigen neuronalen Aktivität einige ihrer Gewohnheiten und sozialen Bindungen wie ihren Sexualpartner oder den Sitz des Sommerbaus, so dass sie sich jedes Frühjahr erneut einen Partner suchten und ein weiteres Heim bauten. Denn während ihres Winterschlafs wurden Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn aufgrund der Unterversorgung abgebaut.
Selbst einige Vogelarten reduzierten bei Nahrungsmangel oder Kälteeinbrüchen ihren Stoffwechsel und fielen in eine Schlafstarre, in der sie ihre Körpertemperatur aber nicht so stark herabsetzten wie bei echten Winterschläfern.
Im Allgemeinen war für die Zeit des Sarums bei den Warmblütlern eine hormonelle Umstellung verantwortlich. Aber auch die meisten der Reptilien wie Schlangen, Schildkröten und Eidechsen und der Amphibien wie Kröten und Fröschen reagierten bei Wintereinbruch. Doch sie verfielen in eine stärkere Form der Kältestarre, die sie aber jederzeit regulieren konnten. Dabei wurde ein völliges, tödliches Einfrieren der Körperflüssigkeiten durch die Ausschüttung von Glukose verhindert.
Andere Reptilien konnten in wärmeren Regionen, wenn es sehr heiß wurde und nicht regnete, eine Art Trockenschlaf eingehen. Dabei verkrochen sie sich in den brach liegenden Flüssen unter eine Schlammdecke. Krokodile mit drei Zahnreihen und gefährlichen, einen halben Meter langen Eckzähnen ver-brachten so die zwei Monate der heißesten Jahreszeit unentdeckt knapp unterhalb der Erdoberfläche.
Auch manche Insekten hielten während des Sarum eine kurze Winterruhe. Dabei suchen sie unter Baumrinden Unterschlupf. Selbst einige Fischarten wie der Sandsäumer erstarren in den Höhlengängen der Ozeanböden. Und der Hufkrebs verkroch sich zwischen den Kaltkorallen der Südhalbkugel und überwinterte in den abgestorbenen Bänken Jahrtausende alter Kolonien.
Es gab früher auch eine Art Wanderschnecke, die einen regelrechten Sommerschlaf durchführte. Sie hielt sich vor 2 Milliarden Jahren auf Kerubin auf. Wenn das Wasser zurückging und austrocknete, verkroch sie sich in ihr Häuschen, verschloss es mit den letzten Schlammpfropfen und legte sich in den Dauerschatten eines Baumes oder Felsens. Dabei bildete sie Gemeinschaften mit anderen Schnecken, die sich miteinander zu einem Kokon verbanden und so die Verdunstung ihrer eigenen Feuchtigkeit im Inneren vermieden.
Die meisten der Tiere und die größte Vielfalt an Pflanzen wuchsen auf Boronan. Dieser Kontinent lag zwischen dem Äquator und dem nördlichen Pol, so dass er nicht wie Dransall dauernder und trockener Hitze ausgesetzt war. Sein Südende besaß einige Inseln, die eine Vielzahl von Korallenbänken im flachen Wasser des subtropischen Klimagürtels ausbildeten. Seine nördlichen Ausläufer reichten bis dicht an den Nordpol, wo sich der Großteil der Winterschläfer aufhielt.
Diese kamen auch auf den beiden Kontinenten der südlichen Halbkugel Scharn und Kerubin vor. Aber nicht in einem solchen Ausmaß, weil die Plattentektonik hier wesentlich unruhiger verlief. Es gab in dieser Hemisphäre eine Unzahl an Plumes, deren Magmatätigkeit die Drifte unterhalb der Erdoberfläche in ständiger Bewegung hielt. Die ausfließende Lava heftiger Vulkanausbrüche gebar ständig neue Inseln. Und warf Gestein und Sedimente aus den unterirdischen Gaskammern herauf.
Oft hingen jahrelang riesige Aschewolken über dem südlichen Ozean. Sie reflektierten das Sonnenlicht und ließen keine Wärmestrahlungen durch. Zum Ausgleich hielten sie die Ausdünstungen der Meere und Kontinente zurück. Doch diese waren nur ein Bruchteil der Wärme, den ein ausgeglichenes Klima einer Vegetation zur Verfügung stellte, um sich überall auszubreiten. Es wurde auf dieser Seite von Draconar mit den Jahrmillionen immer kühler. Die Kälte des dortigen Pols überfror die südlichsten Teile des Ozeans. Eisschollen trieben bis hin zu den kleineren Inseln von Scharn, die dem Konti-nent vorgelagert waren. Und alsbald befand sich dieser selbst in den eisigen Klauen eines nie endenden Winters. Selbst Tiere, die bislang der Kälte mit ihrem Winterschlaf getrotzt hatten, mussten aus diesen Regionen fliehen, wollten sie jemals wieder den gierigen Armen einen nie endenden Kälteschlafs entkommen.
Kerubin, das ein wenig entfernter vom Südpol lag, blieb weitgehend eisfrei. Lediglich seine südlichste Spitze wurde von den züngelnden Händen kalter, meterdicker Eisplatten erreicht und in den Verbund des polaren Kältekreises aufgenommen. Mit einem Überzug aus Schnee und gefrorenem Wasser klebte es an den Ausläufern der Schollen, die von Scharn herübergezogen kamen. Dieser winterhafte Mantel bedeckte seine südlichsten Küsten und Hügel und entnahm ihnen dort auf lange Zeit die Vielfalt des Lebens.
So erstarb die Vegetation auch hier. Selbst die genügsamsten Gräser erlagen in diesen Zeiten der Eisenfaust unbarmherziger Kälte. Und sowohl Kleinsttiere wie Asseln und Käfer als auch Meeresmuscheln entkamen nicht dem Gefriertod, da sie sich nicht aus dem Griff des Permafrostes befreien konnten. Sämtliches Leben, das dauerhaft auf eine Temperatur über Null angewiesen war, verging dort, so dass es sich niemals mehr an diesem Ort erholte, und seine Art ausstarb.
Später, nachdem weitere Jahrtausende über die Eisplatten hinweggefegt waren, erholte sich das Klima wieder. Denn erneut war ein Supervulkan ausgebrochen, der den Boden erhitzte und die Eismassen zum Schmelzen brach-te. Zusätzlich stieß er derartige Menge an CO2 in die Atmosphäre, dass das Treibhausgas die Erdoberfläche stark erwärmte. Hinzu kam, dass seine ausgeworfenen Aschewolken diesmal nicht so immens waren, dass es zu einer länger anhaltende Dunkelheit kam, die alles für lange Zeit wieder in Kälte gestürzt hätte. Im Gegenteil, ein Aufeinandertreffen der kühlen Luftschichten des Südens mit denen des aufgeheizten Äquators sorgte diesmal für starke Verwirbelungen. Stürme bestimmten die folgende Ära und verliehen ihr eine unbändige Kraft. Denn der Austausch der Luftschichten und nicht zuletzt auch der leicht veränderte Drehimpuls des Planeten, der durch den Verbund mit Sibilus vor über 4 Milliarden Jahren entstanden war, beschworen neue und nicht minder gewaltige Kräfte herauf. Hinzu kam, dass sich währenddessen auch immer wieder die Umlaufbahn Draconars um Thuban ein wenig verschob, so dass es zu kleineren Klimaschwankungen kam.
Die großen Meeresströmungen, die bisher ein verträgliches und beschauliches Leben geführt hatten, begannen sich dadurch rasant zu ändern. Der kerubinsche Mahlstrom, ein warmer Sog, der seine Quelle am Äquator fand, war entstanden und zog sich nun bis nach Scharn entlang. Vorbei an den zurück weichenden Polkappen, umrundete er den Südpol und versank dort als abgekühlter, unterirdischer Meeresfluß. Von da fand er seinen Weg zurück bis nach Kerubin, entstieg wieder dem Meeresgrund und begann seinen Weg erneut knapp unterhalb der Meeresoberfläche in Richtung Scharn.
Seine warmen Wassermassen, die sich am Äquator immer wieder aufheizten, waren der Grund, dass sich das Klima Draconars auf der Südhalbkugel stetig wieder erwärmte und nach einer halben Million Jahren zu einem eisfreien Habitat mit neuen Populationen führte.
Doch dieser Prozess sollte noch eine Weile auf sich warten lassen. Zu Beginn der Entstehung des warmen Mahlstromes tauten die eisüberzogenen südlichen Kontinente zunächst langsam auf. Erst allmählich wurde es wärmer, und noch gab das Eisschelf den Boden nicht frei. Vor allem band es immer so viel Wasser, das der Meeresspiegel sich nur langsam wieder hob. Aber die ersten Gräser und Büsche drangen bereits mit steigender Wärme südwärts und begannen nahe der Eisgrenze zu weiterzuwachsen. Tierherden, die sich der genügsamen Vegetation angepasst hatten, zogen den Pflanzen hinterher. Bis sie die dünner werdende Brücke, die das Eis noch über das Wasser schlug, erreichten. Doch alsbald waren sie gezwungen, sich wieder rückwärts zu orientieren, da hier im südlichen Ozean nahe Scharn, wo sich die freien Flächen der Küsten auch mit Gräsern bedeckten, der Wasserspiegel stieg und die gerade erworbene Nutzfläche den Tieren wieder entzog.
So wanderten sie, Tiere als auch Pflanzen, von einem Kontinent zum anderen und wieder zurück. Aber oftmals blieben sie in höheren Lagen oder zogen sich in berggeschützte Täler zurück. Dort betraten sie irgendwann wieder wärmere Gefilde und ließen sich nieder. Tiere aus Kerubin bildeten manchmal auch große Herden auf Scharn und vertrieben die dortigen wenigen heimischen Arten. Neue Populationen gründeten sich, wo einstmals andere gegrast hatten. Und auch die Pflanzen siedelten sich auf den frei gewordenen, wärmeren Flächen an, die nur noch knapp mit Eis bedeckt waren und nicht mehr die Kälte ausstrahlten, die zuvor jegliche Vegetation im Keim erstickt hatte.
Mit der Zeit zog sich die Eisdecke immer weiter zurück und gab irgendwann das Meer vollkommen frei. Der Meeresspiegel stieg rasant und bedeckte jetzt Flächen, die früher vom Eis überlagert waren. Aber auch Landbrücken lösten sich mit der Zeit auf und stoppten den Austausch des Lebens. So wurde viele Gebiete der südlichen Halbkugel Draconars nicht wirklich dauerhaft neuen Spezien freigegeben. Es fand lediglich ein reger Austausch an Neuansiedlungen statt. Nicht einmal die Meeresfauna hatte wirklich gewonnen, denn die Ozeane gab es auch vorher schon im südlichen Pol, nur unterhalb des Schelfeises. Und in den dort vormals kälteren Gewässern besaßen sie einen wesentlich reichhaltigeren Fundus an Nahrung. Krebstierchen und Plankton gediehen in der nun wärmeren Region nicht mehr so gut.
Doch Kerubin und Scharn wurden wieder getrennt. Lediglich während des Sarums gelang es dem Eis zunächst noch, die Verbindung zwischen beiden Kontinenten aufrecht zu erhalten. Aber auch dieser schmale Pfad wurde allmählich aufgelöst und von Wasser überflutet. Es kam der Tag, an dem selbst in der kältesten Jahreszeit von Draconar eine Meerenge bleib, die sich stetig verbreiterte und schließlich wieder zum offenen Meer wurde.
Der Austausch der Arten war dort wieder unterbunden, und er blieb es für lange Zeit. Lediglich die Vögel vermochten noch, die grüner werdenden Hügel der südlichen Habitate beider Kontinente gleichzeitig zu bevölkern. Und bisweilen auch ihre Samen untereinander zu verteilen. Aber den anderen Tieren war es nun unmöglich geworden, die Welt der andere Südinsel zu betreten. Es sei denn, sie gelangten unter glücklichen Umständen auf einem floßartigen Holzstück über die Meeresenge. So entwickelten sie sich getrennt voneinander zu eigenen Spezien, die sich alsbald von denen ihres Ursprungs stark unterschieden.
Auch im Hochtal von Badin Grok kehrte wieder Ruhe ein, nur noch vereinzelt von einigen fremden Vögeln besucht oder von sich verirrenden Ziegen erklommen. Die Besteigung der Berge stellte eine zu unüberwindliche Barriere dar, als dass die meisten Tiere ohne einen weiteren, drängenden Zustrom von außen noch Interesse fanden, ein solches Risiko einzugehen.
Dennoch waren auch hier neue Arten erschienen, die dereinst auf einer Halbinsel nordwestlich von Boronan ihr Leben gefristet hatten. Das Dromedarion, ein Schaf mit einem Fett speichernden Höcker, zog in die nun kälteren Gebiete nahe eines nördlicher gelegenen Schneevulkans. Es hatte ein außerordentlich dickes Fell. Seine Haare waren hohl und dicht bewachsen, so dass die schwarze Haut, die sich darunter verbarg, nicht zu sehen war. Es hatte sehr unter dem wärmer werdenden Klima von Boronan zu leiden. Der Umzug an die nördliche Spitze des Kontinents war seine Rettung.
Auch wenn es immer wieder Arten gab, die sich den oft starken Veränderungen nicht mehr anpassen konnten, gab es andere, die die Veränderungen, die die Klimaerwärmung mit sich brachten, gut verkrafteten. Vor allem der Berglöwe, eine Raubkatze mit mächtigem Schädel, auf dessen Stirn eine kleine Knochenplatte wuchs, aus der ein großes, starkes Horn ragte, mit dem er um die Weibchen kämpfte, profitierte vom Umschwung der Vegetation. Seine vormals riesige Mähne war inmitten der zunächst stark bewaldeten Ebenen gewaltig und dicht gewachsen. Auch sein Fell hing ihm fast bis zum Boden herunter. Ihm war es gelungen, sich zu akklimatisieren. Mit der Zeit reduzierte er sein dichtes, langes Fell zu einer kurzen, leichten Behaarung. Er stammte aus dem Erol Taut, einem einzelnen Gebirge, das sich aus der Mitte Boronans erhob. Ihm gefielen die hohen Berge und weiten Täler Draconars, doch als er die warmen Lüfte des neuen Monsuns in seine Nüstern bekam, folgte er ihnen zu ihrem Ursprung gen Süden. Nur wenige 1000 Jahre später stand er vor dem Erol Andar. Dessen steile Hänge verstellten ihm jedoch den Weg, um weiter zum Äquator zu gelangen, in dessen feuchtwarmen Tropen die neuen Winde ihren Ursprung fanden.
Er begann, in der Savanne um den See, der dort immer noch den unterirdischen Ozean speiste, zu jagen, und sein Jagdgebrüll war weit zu hören. Dieser See hieß Banur Alta und lag inmitten eines Feuchtgebietes, das vom Fluss Ben Sarion gespeist wurde. Dort versiegten seine Wasser im Gras der Steppe, so dass sie nie ein Meer erreichten.
Der Berglöwe war nun ein Steppenlöwe geworden, mit kurzem Haar und kleiner Mähne, die sich nicht in den Disteln und Dornbüschen des Savannendeltas verfingen. Hier war der Blick unbegrenzt von Bergen und hohen Bäumen, und Laudean, einer der Löwen, liebte es, seine Nüstern zu blähen, die würzige Luft des Steppenbaldrians zu atmen und in die Weite des Landes hineinzurufen.
Immer wieder geriet sein Blick auch zum Erol Andar, das sich schwach am Horizont abzeichnete, aber in der Ferne so klein schien, dass er dessen wahre Größe nicht erahnte.
Des Abends ließ er sich gern mit seiner Familie, drei ausgewachsenen Weibchen, und fünf Babys, am Banur Alta nieder, wo er es sich dann bequem machte und sich des Abends von den Strapazen der Jagd zu erholen begann. Denn er war stets tagsüber auf Raub aus. Er liebte das zarte Fleisch der kleinen Gazellen, die sich hier in zahlreichen Herden sammelten und zur Tränke gingen. Doch heute waren er und seine Familie bereits satt, und so überließ er es anderen, weniger erfolgreichen Jägern, ihr Glück im vergehenden Abendlicht zu finden.
So kehrte wieder Ruhe ein auf Boronan. Seine nördlichen Küsten verloren ihr Eis und blühten auf. Die Savannen und Wälder waren voller Tiere. Thuban leuchtete und wärmte die Leiber der Lebewesen. Und auch das Hochtal Badin Grok mit seinem unheilvollen Sumpf verblieb in einer geheimnisvollen Stille, der doch allzu trügerisch war.
Jeden Morgen weckten hier wie anderswo die züngelnden Strahlen Thubans die Tiere und Pflanzen aus ihrem dämmrigen Schlaf. Der Ruf der Vögel ertönte durch das Tal, wenn sie ihre Artgenossen begrüßten und sich für den ersten Ausflug zum Erol Andar fertig machten. Dabei flogen sie einen weiten Bogen um den Sumpf herum, dessen Ausdünstungen sie bereits von weitem wahrnahmen. Aber es war nicht nur der Odem, der ihm entstieg, und es waren auch nicht nur die gelblichen Schwaden, die sich über ihm zu drohenden Wolken zusammenzogen. Es war auch das regelmäßig beginnende Beben, das den Boden zu dieser Zeit mehrere Mal am Tag erzittern ließ.
Denn das Wachsen des alten Vulkans, dessen restliche Kanäle unter dem Sumpf kaum noch mit dem Magmaherd verbunden waren, war nur der Anfang gewesen, der dem Hochtal seine Form gab. Seine Wände waren die umliegenden Berge, und die Wege ehemalige Rinnsale ausgelaufener Schlacke. Doch er ruhte nur. Unter dem Sumpf zu seinen Füßen war bereits eine weitere Erdplatte durchbrochen und hatte einen neuen Weg zum Magma im Inneren freigegeben.
Aber bislang brodelte es nur gewaltig unter dem Sumpf, und mit den Gasen und Wassermassen des alten, unterirdischen Meeres versuchte immer wieder ein Auswurf an Gesteinsschlacke an die Oberfläche zu gelangen, der irgendwann durchkommen und sich neue Wege ins Tal bahnen würde.
Mit der Zeit hatte sich ein Kegel Gesteinsschlacke, der von kleineren Eruptionen kam, um den oberen Schlot gebildet, der ständig wuchs, und an dessen Abhänge sich neue Spalten bildeten. Aus diesen Kanalöffnungen stießen neuerdings auch heiße Dämpfe hervor.
Es schien, als drohte jederzeit ein weiterer Ausbruch. Doch bis auf das stete Beben und die austretenden Gase war bis jetzt nicht viel geschehen. Die Tiere mieden lediglich diesen unheilvollen Ort. Ihre Sinne vermittelten ihnen, das hier etwas geschehen konnte, dass alles Leben vernichten würde. Und das, wenn es einmal eintrat, nicht nur das Hochtal, sondern auch die umliegende Gegend, wenn nicht ganz Boronan dem Erdboden gleichmachte. Aber solange der schlummernde Vulkan nicht wirklich ausbrach, kümmerten sie sich nicht darum.
Dabei gab es Tiere, deren Füße so empfindlich waren, dass sie das kleinste Beben, das weit unter ihnen stattfand, wahrnehmen konnten. Doch sie blieben nur stehen, als hätte sie ein jäher Blitz getroffen. Stumm und erstarrt in der Bewegung. Und erst nach einiger Zeit durchlief ihre Körper wieder ein vages Zittern, so als ob sie aus einer tiefen Trance erwachten.
Viele Vögel besaßen eine Art Radar, mit dem sie die Wärmeformationen der Felsen wahrnahmen, die ihnen zur Orientierung dienten. Bei diesen Beben, die oft das ganze Berggestein des Erol Andar durchzogen, wurde ihre Sinne oft empfindlich gestört, so dass sie sich verflogen, oder einige ihrer inneren Organe Schäden aufwiesen. Dann fielen sie wie Trauben vom Himmel und starben, noch bevor sie den Boden erreichten.
Doch das große Beben oder ein Ausbruch des alten Vulkans, noch mächtigerer als beim ersten Mal, war nicht absehbar. Denn die Magmakammern des Plumes waren noch nicht vollends gefüllt, als dass er hätte explodieren können. So verging die Zeit, ohne dass die Lebewesen des Badin Grok wirklich ahnten, auf welchem Pulverfass sie saßen. Sobald die drohenden Geräusche, die der Schlot unterhalb des Sumpfes machte, abebbten, kam wieder Ruhe über das Hochtal, und die Tiere gingen zu ihren alten Gewohnheiten über.
Die Vögel flogen unbekümmert weiter, weil nichts geschah. Und ihre Routen führten sie auch am Tengig El Sterk vorbei zu den Gipfeln des Erol Andar. Dort rasteten sie für gewöhnlich und putzten ein wenig das Gefieder. Dann erhoben sie sich erneut in die Lüfte und zogen weiter zum großen See von Boronan, der der Banur Alta war und auf der anderen Seite des Erol Andar lag. Er konnten den Tieren, nicht nur den Vögel, wesentlich mehr Nahrung bieten und hatte eine größere Vielfalt an unterschiedlichsten Habitaten. Dort blühten ihre Lieblingsblumen, deren Duft sie schon von weitem anlockte. Und deren Kelche voller Nektar waren. In den Lagunen des Banur Alta gab auch es eine Menge Mücken und Fliegen, die in so riesigen Schwärmen vorkamen, dass sie nur ihre Schnäbel aufhalten mussten, während sie dicht über dem Wasser glitten.
In der Nähe einer dieser Lagunen hatte sich auch Laudean eingerichtet. Mit seiner Familie und den vielen Kindern. Einige der kleineren Vögel hatten sich darauf spezialisiert, den größeren Tieren wie auch Laudean, lästige Larven und Madeneier aus dem Fell zu picken. So waren die Vogelscharen aus Badin Grok gern gesehene Gäste. Und es kamen auch andere aus weiter entfernt gelegenen Gebieten, denn hier gab es die größte Vielfalt an Nahrung. Pflanzen, Käfer und Insekten, ob an Land, in der Luft oder im Wasser, gab es zu Hauf. Auch der Fischreichtum des See war voller Krebstierchen und Plankton, denn seine Wasser waren sauber und kühl.
Nicht zuletzt aber machte die Gegend um den See durch eine Tierart auf sich aufmerksam, die es nirgend woanders gab: den Säbelzahnmammut. Sie waren die größten Landtiere Draconars und einmalig in ihrer Art. Wie ihr Name schon sagte, besaßen sie zwei lange Eckzähne, die ihnen säbelartig zu beiden Seiten schräg nach vorn aus dem Maul standen und ihnen ein wahrhaft furchteinflößendes Äußeres gaben. Ihnen konnte keiner gefährlich werden, nicht einmal Laudean oder einer seiner Söhne. Ihre Ohren waren größer als ihre schon mächtigen Köpfe und ragten, wenn sie drohend erhoben wurden, einen Meter über ihre eigenen Rücken empor. Dabei beobachteten ihre tellergroßen, runden Augen jeden, fixierten ihn geradezu, und jagten ihm schon dadurch einen Schrecken ein. Aber in der Regel waren sie gutmütig und nicht daran interessiert, Ärger zu machen.
Sobald die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, stieg die Vogelschar einer nach dem anderen wieder nach oben begann ihren Rückflug. Sie hatten viel Futter im Kropf, und einige trugen sogar noch etwas im Schnabel. Mit großem Geschrei zogen sich zurück zu ihren Nestern und Brutstätten, die allemal im Hochtal lagen, da sie hier durch das Rundgebirge vor Angriffen größerer Raubtiere geschützt waren und es dort nichts gab, was ihnen des Nachts gefährlich werden konnte. Denn bis auf ein paar Füchse und Wiesel gab es keine größeren Tiere. Und selbst die Tai Pun, eine baumkletternde Schlange, war ungiftig und viel zu klein, um größeren Schaden anrichten zu können.
So fütterten sie im Badin Grok ihre Babys, erfreuten sich an der Auenlandschaft, sahen dem Spiel kleiner affenartiger Wesen zu, und langsam begann die Sonne, sich wieder über das Hochtal zu senken. Alsbald trat Ruhe ein. Der Mond, der sich schon eine Weile im Verborgenen die Szene beschaut hatte, trat nun hervor und erhielt die Regentschaft über den See. Sobald sich die letzten Strahlen Thubans aus dem Tal zurückgezogen hatten, erstarb das Zirpen der Grillen und Keckern der letzten vorwitzigen Savannenlemuren. Schon wenige Augenblicke später war alles in Dunkelheit getaucht. Und nur, wo die Bäume Platz gemacht hatten, konnten sich die dünnen, bleichen Fäden des Mondes durchsetzen. Aber da, wo sie den Boden erreichten, ergab die Sinfonie von Silber, dunklem Grünholz und dem Tiefblau des abkühlendes Wasser eine Magie, die der Anbeginn eines Zaubers hätte sein können.